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Peinlich, peinlich, Herr Professor!!

Von tastifix Montag 10.10.2022, 18:52 – geändert Samstag 17.06.2023, 12:22

Aufgeregt stürmten die Studenten herzu und in den Hörsaal hinein. Heute würde ihnen eine wirkliche Kapazität gegenüber stehen und sie danach tief beeindruckt und extrem weiser nachhause eilen, um es dort in Ruhe erst mal zu verinnerlichen, dass sie strenggenommen in jener einen Stunde selber fast zu Professoren wie ihr umschwärmter Professor Dr. Dr. Geist geworden waren.
„Ja, der trägt seinen Namen zu Recht. So geistvoll wie ihn gibt’s hier an der Uni keinen zweiten!“
„Du, der hat tatsächlich alle Entwicklungen um jenen Fakt herum präzise darlegen können ..“
„In echt?“
„Ja, sogar in ganz echt! Mit all den Formeln und soo. Aus dem Effeff!“
Franziska staunte Bauklötze:
„Und solch ein Genie hier an unserer Uni!“

Der Hörsaal war brechend voll. Es wurde getuschelt und auch diskutiert, dies aber sicherheitshalber nur vage, denn so sicher war man sich seines Wissens denn doch noch nicht. Plötzlich wurde es still. Ihr Gott, ihr Prof. Dr. Dr. Geist hatte die heiligen Hallen der Erkenntnisse beschritten, stolzierte, die für hohe Intelligenz sprechende hohe Stirn in nachdenkliche Falten gelegt, wichtige Unterlagen unter den Arm geklemmt, zu seinem Stehpult, legte die kostbaren Blätter vor sich in und räusperte sich.

Vor Bewunderung vergaßen die Studenten fast, noch in der Luft gehaltene Stifte auf die aufgeschlagenen Hefter vor ihnen zurückzulegen. Zudem hätte es die atemlose Stille bestimmt gestört. Erst, als Prof. Dr. Dr. Geist sich ein zweites Male räusperte und diesmal ein wenig ausdauernder, weil er ja eine lange Rede zu halten hätte, erwachten die studentischen Finger aus der Erstarrung und senkten sich gen jene Hefter auf den Ablagen vor ihnen.
Leider ging dies nicht total geräuschlos vor sich. Doch wertete Prof. Dr. Dr. Geist es als ein deutliches Zeichen famoser Aufmerksamkeit, fühlte sich geschmeichelt, straffte die Schultern und begann mit seiner Rede.

Es prasselten Wahrscheinlichkeiten, Unwahrscheinlichkeiten und noch weiterführende Spekulationen, gespickt mit Fachausdrücken ohne Ende, auf die Studenten nieder. Einige kratzten nicht nur mehr mit ihrem Stift in den Heftern, sondern sich nach und nach vermehrt mit jenem den Kopf. Nach der Hälfte des Vortrages verstand auch nur noch die Hälfte der Studenten, was eigentlich referiert wurde und nach einem weiteren Drittel der Zeit entschlossen sich die äußerst frustrierten Nichtwissenden, abzuschalten und es besser in Ruhe daheim nachzuarbeiten. Aber sie notierten sich denn doch noch fix ein paar Stichwörter, um sämtliche Rubriken möglichst rasch finden zu können.

Prof. Dr. Dr. Geist sonnte sich derweil darin, sich bewusst zu sein, welches Wissens er mächtig war und redete pausenlos weiter, ungeachtet der Tatsache, dass zunehmend mehr Lernende vor ihm
aufhörten zu kratzen, es also verdächtig stiller wurde und dann noch ungeachteter dessen, dass die Ersten sich ihren Emotionen überließen, die Augen schlossen und wegen andauernder Überforderung ein erholsames Nickerchen einlegten. Zeit blieb ihnen ja dafür genügend ...

Als Professor Dr. Dr. Geist geendet hatte, forschte er nach:
„Haben Sie noch Fragen??“
Einige Wenige, die noch angestrengt dem lebenden Lexikon bis zuletzt gelauscht hatten, bewiesen Mut.
„Herr Professor, würden Sie die Ausführung X, die ja wohl auf der Ausführung Y beruht, noch einmal erklären. Ich habe nicht ganz verstanden,wieso denn dann die noch nachfolgende Erklärung XYZ … “
Zunächst schien Prof. Dr. Dr, Geist ein wenig konsterniert zu sein. Doch hatte er sich fix wieder unter Kontrolle und erklärte gnädig alles ein zweites Mal. Besorgt ließ er sogar einen Drittel der Fremdwörter weg.
´Nicht, dass ich gar noch ein drittes Mal ...`

Aber selbst zwei Drittel Fremdwörter in solch langer Rede waren wohl noch zu viel gewesen. Den weniger Mutigen, die bereits nach der ersten Hälfte des Vortrages gestreikt hatten, wollten denn jetzt doch Engagement beweisen und bestürmten nun den armen Prof. Dr. Dr, Geist mit Fragen.
„Herr Professor, weshalb aber verbindet sich R mit T und warum wird aus C dann CDE??“
„Herr Professor, aber warum …?“
„Herr, Professor, wenn aber doch ...“
Sie bewunderten den Professor dann noch mehr, denn er blieb keine einzige Antwort schuldig, verfiel aber leider wieder ins Lateinische und des nicht zu knapp. Daraufhin verweigerten selbst die Hirnzellen der noch halbwegs Mutigen die Mitarbeit und jene verstummten. Die erneut veränderte Geräuschkulisse ließ nun doch die gar nicht Mutigen sowie die vor sich hin Träumenden aufschrecken

Auch Franziska hatte bereits recht früh die geistigen Waffen gestreckt und entsprechend wenig von all dem mitbekommen. Aber so ganz umsonst wollte sie denn nicht hier gesessen haben, riss sich zusammen und hob den Finger für ein Wortmeldung.
„Ja, bitte, was möchten Sie wissen?“
„Ich .. Ich bin mir nicht sicher, ob ich zu Beginn alles verstanden habe ..“
„Welches Detail meinen Sie genau?“
„Herr Professor, Sie erwähnten den zugrunde liegenden Fakt X ...“
„Ja, aber was bitte haben Sie da denn nicht verstanden!?“, war die ärgerliche Rückfrage.
„Herr Professor: Sie haben alles so toll dargelegt. Aber können Sie mir sagen, wie eigentlich sich die Basis für Ihre Ausführungen entwickelt hat?“

Im Saal war kein Laut zu hören. Eine solche Frage zu stellen nach diesem brillanten Vortrag würdigte ja fast die Qualität der professoralen Arbeit ab. Gespannt warteten alle auf die Antwort. Garantiert würde sie ein wenig ironisch ausfallen. Auch Franziska hielt den Atem an.
´Wie wird er reagieren?`
Erschüttert schnappte Prof. Dr. Dr. Geist nach Luft:
´Ist ja nicht zu glauben! Dabei hab` ich doch alles dermaßen einleuchtend erklärt … !`
Um sich wieder zu fassen, räusperte er sich ein drittes Mal:
„Ja, also: ehem...das ist ..ääh, soo!“
„Jahaah??“, hakte Franziska nach.
Überrascht registrierten die Studenten, wie verunsichert das Genie plötzlich dort am Pult stand. Ja, Prof. Dr. Dr. Geist verharrte nicht länger vor jenem, sondern schlurfte mit düsterer Miene unruhig hin und her. Eindeutig suchte er nach einer Chance, sich jetzt keine geistige Blöße zu geben.
Wieder zurück, richtete er das Mikro erneut richtig aus und dann folgende Worte an seine Studentin Franziska:
„Hm, hm, alsoo: Für die Beantwortung Ihrer Frage empfehle ich Ihnen den Nachschlageband OPG ...“

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