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Ordnung oder Ritual?

Von Heha45 Mittwoch 25.08.2021, 13:05

"Es muss alles seine Ordnung haben," sagte mein Opa. Heute heißt es, mit dieser Einstellung kann man ein Konzentrationslager leiten. Ich denke, dazwischen gibt es noch viele andere Möglichkeiten miteinander klar zu kommen. Das merkte ich, als ich ein paar Tage bei den Großeltern zu Besuch war. Opa hatte einige Gewohnheiten die sich im Laufe der Zeit zu Ritualen entwickelt hatten.

Jeden Morgen um 10 schaltete er das Radio ein, das durfte sonst niemand. Mich faszinierte das grüne magische Auge an dem Gerät. Es ging langsam auf und stand irgendwann still. Als Opa mal nicht guckte, drehte ich an einem Knopf, um es wieder zu bewegen. Sofort setzte ein Rauschen ein, die wichtigen Nachrichten, die Opa hören wollte, waren nicht zu verstehen, er wurde wütend und schimpfte mit mir. Nie mehr fasste ich das Radio an sondern sah nur stumm dem grünen Auge zu.

Täglich, pünktlich zum Mittagsläuten, holte Opa Kartoffeln aus dem Keller, nahm ein Eimerchen voll Wasser und begann zu schälen. Das heißt, er zelebrierte es. Die Schalen waren so dünn, dass man fast hindurch sehen konnte. Er nahm sich viel Zeit dafür, deshalb schob Oma die Essenszeit immer wieder nach hinten. „Opa, darf ich helfen“, fragte ich eines Tages. Er war nicht begeistert aber Oma half mir. „Nun lass das Kind doch mal, “ gab mir ein Schälmesserchen und eine Kartoffel. Unter Opas Aufsicht gab ich mir die größte Mühe, die Knolle von der Schale zu befreien. Es war nicht gut genug. „Das übst du mal zu Hause. Kartoffeln sind Lebensmittel, du machst aus ihnen Abfall.“

An seine Rituale durfte niemand tippen, aber eins gewöhnte Oma ihm doch ab. Immer freitags genehmigte sich Opa einen Schoppen Bier, den holte Oma aus einer nahen Gastwirtschaft. Bevor es zu dieser Regelung kam, ging Opa selbst zur Wirtschaft und blieb des Öfteren an der Theke kleben. Oma hatte dann Angst um ihr Haushaltsgeld. Wenn ich da war, schickte er mich zur Kneipe, um das Bier zu holen.

Nachdem Opa Rentner geworden war, entdeckte er das Stricken. Vorher war es die Gartenarbeit die ihn beschäftigte, aber wegen seiner „Staublunge“ bekam er nur schwer Luft und war nun froh, wenn er sitzen konnte. Stricken entwickelte er zur Perfektion, dafür bewundere ich ihn noch heute. Eine Masche wie die andere und nie war ein Fehler zu entdecken. Er strickte täglich für seine Enkelkinder. Bahnen aus denen Röcke, zusammen genäht wurden, Jacken und Pullover, meist aus aufgeribbelter Wolle. Auch Puppen wurden bestrickt. Beim Aufribbeln durfte ich helfen, das machte Spaß, aber das Aufwickeln zu Knäulen begeisterte mich nicht so sehr.
Opa starb früh und krank, an ein Lächeln von ihm kann ich mich nicht erinnern.

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