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Optiker Linse

Von tastifix Samstag 29.10.2022, 09:49

Optiker Linse ist ein sehr fleißiger Optiker und stets beinahe ungewöhnlich besorgt ums Kundenwohl. Nie vergisst er, den hervorragenden Service seines überall gelobten und als ein billiges, alle Stunde durch die Fernsehwerbung flimmerndes Geschäft mit dem passenden Namen Argusauge zu betonen. Den Kunden bleibt der Mund vor Achtung und Beachtung offenstehen, was sie praktischerweise daran hindert, denn doch ab und zu geringen Zweifel an den den Umsatz ankurbelnden Versprechungen zu äußern.

Das Familienunternehmen Argusauge fällt der Allgemeinheit also sehr angenehm in das gleiche und jeder, der was auf sich und seine Preisvergleichskünste hält, trägt in erheblichem Maße dazu bei, dass der Besitzer nicht von der Karriereleiter plumpst. Stattdessen eröffnet er eine Filiale nach der anderen und klettert bald in den Augen der Bevölkerung, die durch seine Bemühungen nun einen scheinbar extrem scharfen Durchblick besitzen, zum König aller Günstigbrillenhersteller auf. Er selber dagegen trägt derweil ein extrem teures Gestell der Edelmarke ´Wow` und verkehrt ausschließlich mit den oberen Zehntausend dieser Welt.

Lange Zeit geht es gut. Dann jedoch kursieren fiese Gerüchte. Argusauge`s Kundschaft horcht auf, mag es nicht glauben, was sie erfährt. Ein Kunde behauptet tatsächlich, alles in all den Jahren sei Augenwischerei gewesen, um den über lange Zeit hin wohl geistig blinden Hilfesuchenden das Geld aus der Tasche und hinein in die des Optikers zu locken.Wirklich existiert ein Unternehmen, das noch weitaus billiger ist als Argusauge.

Ärgerlich über die eigene optische Trübheit und empört wegen Linses verschlagener Verkaufstaktik wechselt die gesamte Kundschaft dorthin und lässt den Optiker tief in den sich ständig mehr verdichtenden Nebel des Umsatzminus fallen. Als ihm sowohl kein hilfreicher Tipp wie auch kein Kredit von den Banken zur Rettung des Geschäftes mehr gegeben wird, stellt er verzweifelt seine ´Wow`- Brille` bei Ebay ein, was aber nicht viel einbringt. Letztendlich vertreibt sich Optiker Linse den Arbeitstag damit, in dem verwaisten Laden stundenlang die eigenen Brillengestelle aufzuprobieren. Erstehen kann er sie nicht mehr, denn sie sind zu kostspielig. Linse ist praktisch pleite.

Gerade noch rechtzeitig kommt ihm die rettende Idee. Er wendet sich an den Himmel, beteuert Reue und bittet, immerhin wieder halb klaren Blickes, um Hilfe. Der, der dort den göttlichen Durchblick besitzt, nimmt sich des zerknirschten Sünders an und gewährt ihm eine zweite Chance.
Weil des Optikers Ansehen auf Erden zerstört ist, jener dies auch zugibt und zudem inzwischen auch gesundheitlich am Ende ist, darf er wieder aufsteigen. Diesmal allerdings bis in die überirdischen Gefilde. Dort wird ihm der optische Sinn gründlich erhellt und ihm danach ein himmlisches Brillengeschäft zur Verfügung gestellt.

In dem geht es fortan ausgesprochen fair zu. Es gibt keine leeren Versprechungen mehr, denn dort oben wird nicht gelogen. Neugierig strömen Petrus, die Heiligen, die Engel und selbst Nikolaus` Rentiere herbei, denen die dichten Wolkenmassen schon seit Jahrhunderten die Sicht vernebelt haben. Ihnen allen schärft Optiker Linse den Blick, was dazu führt, dass keine einzige noch so geringe Untat auf Erden mehr ungestraft bleibt.
Linse kümmert dies nicht mehr, denn er schreitet, von allen geachtet, mit seiner nun strahlend weißen Weste und
dazu passendem klarem Blick durch die Glückseligkeit …

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