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Mutprobe

Von activia 08.08.2021, 16:46

Paul stand hinter einem Baum. Er selbst war gut geschützt gegen Blicke Anderer, konnte aber ungehindert auf das Geschehen vor ihm schauen. Fast atemlos folgte er dem Schauspiel, das vor ihm ablief. Hören konnte er nicht viel. Dazu war die Gruppe der Jugendlichen zu weit weg. Es waren 4 - 2 Jungen und zwei Mädchen - etwa in seinem Alter. Paul war gerade erst vor ein paar Tagen 15 geworden. Ein schwieriges Alter, wie seine Eltern immer wieder seufzend betonten. Für ihn, fand Paul, war es auch nicht gerade leicht, die eigenen Probleme in der Schule, mit Gleichaltrigen, mit den Erwachsenen...und mit seinen eigenen Gefühlen unter einen Hut zu bringen. Ja, die eigenen Gefühle waren wohl das größte aller Probleme. Erst vor Kurzem hatte er entdeckt, dass er sich in der Nähe eines Mädchens besonders wohl fühlte. Sandra, seine Mitschülerin, kannte er eigentlich schon seit der ersten Klasse. Sie war ihm nie besonders aufgefallen...Ehrlich gesagt, hatte er Mädchen immer albern und doof gefunden. Sie hockten zusammen und kicherten, auch wenn die Situation alles andere als lustig war. Sandra hatte natürlich einen entscheidenden Vorteil. Sie war eine fleißige und begabte Schülerin. Und wenn er sie fragte, ließ sie ihn sogar die Lösung der Hausaufgaben abschreiben. Bis vor kurzem hatte er auch nur seinen Vorteil gesehen, ohne sich weiter um die Vorzüge des Mädchens zu kümmern. Das hatte sich von einem Tag zum anderen geändert. Plötzlich nahm er ihre schlanke Gestalt, die Haare, die sie schulterlang trug, und vieles andere wahr. Er fand, sie war das schönste Mädchen weit und breit. Natürlich versuchte er, so oft es ging, in ihre Nähe zu gelangen. Das war nicht einfach, denn Sandra war der Mittelpunkt einer Clique, zu der er keinen Zugang fand. Paul verstand nicht, was diese Gruppe so unzertrennlich machte...

Bis jetzt, denn er beobachtete, wie die 4 Jugendlichen einen viel kleineren Jungen in die Mitte genommen hatten. Sie standen im Kreis und schupsten den Kleinen von einem zum anderen. Dabei schienen sie sich köstlich zu amüsieren. Paul konnte es an den lachenden Gesichtern erkennen. Der kleine Kerl in der Mitte fing an zu weinen. Das schien die Großen nur noch mehr anzustacheln. Immer schneller schoben sie den jungen hin und her, bis der schließlich hinfiel...mitten hinein in eine riesige Pfütze, die Paul vorher gar nicht wahrgenommen hatte. Kaum lag der Junge stürzten sich die 4 auf ihn. Sie rissen ihm die Schultasche aus der Hand und nahmen ein Handy und die Geldbörse heraus. Sie wollten ihm gerade auch noch seine Jacke wegnehmen, da fing der Knirps an, sich zu wehren. Er schlug um sich, kratzte und biss. Es half alles nichts, gegen die Übermacht der 4 hatte er nicht den Hauch einer Chance. Paul konnte nicht glauben, was er dann sah: Sandra, die charmante und stets freundliche Sandra, schlug den Kleinen ganz brutal mit der Faust ins Gesicht. Der Junge blutete aus Nase und Mund. Tränen mischten sich mit dem Blut und liefen auf seinen Pullover, wo sie hässliche Flecke hinterließen. Die Jacke hatten die Großen ihm schon abgenommen und waren gerade dabei, ihre Beute zu teilen. Da fasste Paul einen Entschluss. Er verließ seine Deckung, sprintete die paar Meter bis zu der Gruppe und stellte sich schützend vor das Opfer. Gebieterisch forderte er die Herausgabe der entwendeten Dinge, erntete aber nur höhnisches Gelächter. Er hatte nicht wirklich damit gerechnet, Erfolg zu haben und wusste auch, dass er selbst Gefahr lief, verprügelt zu werden. Es war ihm egal, aber er wollte es nicht darauf ankommen lassen. Er zog sein Handy und sagte: " Gebt sofort die Sachen heraus. Ich habe die Polizei gerufen. In ein paar Minuten sind sie da!" Paul wußte nicht, ob sein Bluff funktionieren würde. Offensichtlich schon, denn die 4 ließen von ihrem Opfer ab, und Sandra kam lächelnd auf ihn zu. "Hey, Paul", sagte sie, " Was soll das. Du willst doch kein Spielverderber sein. Oder?" Sie griff nach seinem Arm und schaute ihn mit einem verführerischen Augenaufschlag an. Wie sehr hatte sich Paul so ein Lächeln und eine Berührung immer gewünscht. Aber nun war dieser Wunsch wie weggeblasen. Dieses Mädchen hatte gerade einen viel kleineren und schwächeren Jungen verprügelt und beraubt. Das gab den Ausschlag für Paul. Er riss sich los und schrie beinah: " Was ist daran Spiel, wenn man einen Schwächeren überfällt? Du und deine Clique, ihr könnt mir künftig gestohlen bleiben. Ihr seid einfach nur ein feiges Pack. Wagt es nicht noch einmal, andere abzuziehen! " Mit diesen Worten nahm er den Kleinen an die Hand und ließ die 4 sprachlos zurück.



Die Geschichte ist fiktiv, lässt sich aber mühelos auf andere Situationen übertragen. Auch im Alltag der Senioren gibt es Augenblicke, wo Zivilcourage gefragt ist, wo der Egoismus mal schweigen sollte und wir auch über uns selbst hinaus wachsen können.

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