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Jugenderinnerungen

Von speedygonzalez Donnerstag 14.10.2021, 00:26

Debring bei Bamberg

Wir waren noch nicht ganz aus dem Allgäu hierher nach Debring gezogen, da wurde Magdalene so schwer krank, dass sie nach Bamberg ins Krankenhaus mußte. Vati arbeitete zu dieser Zeit noch in Kulmbach, wo die Ersatzteillager der Kruppschen Südwerke waren. Während des Krie-ges waren die Krupp KRAWA und die Ersatzteillager nach Süddeutschland, Kulmbach, Bamberg und nach Mühlhausen im Elsaß ausgelagert worden. Daher unser Aufenthalt in Altkirch im Elsaß, aber davon in den voraufgegangenen Kapiteln.

Wie er das damals schaffte, jeden Abend nach Hause zu kommen, ist mir fraglich. Mit 6 Jahren ohne Kenntnisse der Einheimischensprache hatte ich genug andere Probleme. Unter anderen auch den Hundebiss, von Nach-bars Hund, den einer der Bauernkinder in meinem Alter auf mich gehetzt hatte. Ich glaube Konrad Heinze, auch ein Flüchtling wie wir, hat diesem Jungen gesagt, es solle den Hund zufassen lassen. Der, jünger als Kunnä, wie er im Volksmund klang, gehorchte natürlich und hob den Köter sogar noch an, dass er an meine Arme, die ich in Abwehr erhoben hatte, dran käme. Der Biss mußte geklammert werden. Dr. Ruckert, im Volksmund, wohnte in Stegaurach, was mit meiner Mutter zu Fuß, auch schon mal wieder fast zwei Stunden dauerte.

Jedenfalls war Vati zuhause für uns nur Stress, die ganze Situation für ihn wohl auch. Man muß sich vorstellen, dass wir eine sechsköpfige Familie waren, auf einem Bauernhof unter Polizieeinsatz einquartiert worden waren und dementsprechend dauernd unter des Bauerns Nickeligkeiten zu leiden hatten, dazu ein Sommer, der alles bekannte an Hitze in den Schatten stellte.
Die Lebensmittel auf Marken waren knapp und mußten von einem Laden aus Stegaurch hergebracht werden, eine Sache für uns Jungs, was wieder mit Rempeleien der Jungs aus Neuaurch einherging und nun auch noch Magdalene, die damals 12-jährig und Muttis Augenschein war. Ins Krankenhaus konnte Mutti nur abends mit Vati. Und dann kam eines Abends jemand vom Gastfof Krug, vorne an der Bambergerstraße, damals noch die B22, und sagte, dass sie dringend ins Krankenhaus kommen sollten. Also rannten sie los, die 9km nach Bamberg zum Krankenhaus. Es gab weder Bus zu der Stunde, noch Privatauto noch ein Taxi, die sowieso als Exporttaxis nur für die Amis. Also liefen sie wie von Furien gehetzt.

Ich weiß nicht, ob sie Magdalene noch lebend gesehen haben, aber die folgenden Tage waren ein Albtraum. Hansjosef, mein älterer Bruder hat wohl schon richtig mitgekriegt, was das bedeutete. Mir ging es dann bei der Beerdigung und Muttis Trauer wohl erst richtig auf, was uns fehlte. Ich kann mich auch gar nicht mehr richtig an Magdalene in Debring erinnern. Sie war von Anfang an, bei den "Englischen Fräuleins" im Gymnasium, konnte schon Klavier und Gitarre spielen und war mehr von Mutti in Beschlag genommen, als von uns. Im Allgäu war sie noch mehr meine große Schwester. Klar, mit mir, 6, Wölfchen, 4 1/2, und Irmchen, 3, Tante Gertruds Tochter, und war sie mehr unser Mutterersatz, denn Mutti mußte für die umliegenden Bauern nähen, um weitere Lebensmittel in Form von Bezahlung zu erhalten und TG, ihre jüngere Schwester, regelte den Haushalt.
Doch an das: "Hansjosef, du bist der Älteste und hast aufzupassen ...." , was dann immer häufiger zu hören war, kann ich mich noch gut erinnern. Auch dass Hansjosef, vier Jahre älter als ich, hin und wieder druckfest nachgeholfen hat, wenn er mit seinen Spielkameraden allein losziehen wollte. Komischerweise war auch Kunnä dabei, dem ich meinen Hundebiss zu verdanken hatte.

Dieser Sommer 46 ist in meiner Erinnerung das Heißeste, war man sich vorstellen kann. Wie es um das Getreide stand, kann ich nicht sagen, aber ich weiß, dass die Bauern im Wald sogar das Laub als Einstreu für die Ställe zusammengerecht haben. Weidebetrieb gab es dort damals nicht. Wenn wir, barfuß wie üblich, vor der Haustür standen, mußten wir hin-und hertanzen, so heiß waren sie Stufen. Frizino, der Bauer war ja so nickelig, die Haustür abgeschlossen zu halten. Und so war es jedesmal ein Theater, bis wir hinein konnten. Das hat er auch ein-zwei mal mit Vati gemacht, als er von der Chorprobe heimkam. Vati hatte seit einiger Zeit die Leitung des Kirchenchors in Stegaurach übernommen. Und als Frizino wieder einmal auf sein lautes Pochen vor der Tür nicht aufmachen wollte, war Vati schon zurück auf den Hof, um nach einem geeigneten Knüppel zu suchen, um in seine Wohnung gelangen zu können. An das Gebrüll am nächsten Abend auf dem Hof kann ich mich noch recht gut erinnern, als Vati mit Frizino "redete". Jedenfalls bekamen dann alle Parteien Haus-türschlüssel, die von Herrn Diener, Knecht auf Frizinos Hof, auch einer eingewiesenen Flüchtlingsfamilie aus Schlesien, dann in Handarbeit kopiert wurden, sodass wir Kinder auch einen Schlüssel hatten.

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