Geh öfter mal ins Kino!
Von
CeeBee
Freitag 06.05.2022, 18:00 – geändert Freitag 06.05.2022, 20:35
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Nachfolgend stelle ich nochmals eine leicht überarbeitete Fassung meines im Jahre 2014 hier erstmals veröffentlichten Beitrages ein. Alle, die sich somit durch das wiederholte Lesen gelangweilt fühlen könnten, bitte ich freundlichst um Nachsicht ...
In der einen halte ich meinen Anorak, mit der anderen Hand, zwischen den Fingern noch das abgerissene Billett, klappe ich den mir zugewiesene Sitz herunter, setzte mich, lege die Jacke und den Schirm über die Knie. Während ich meine Kinokarte in die Hosentasche schiebe, lasse ich den Kinosaal und alles darin auf mich herab. Licht, Decke, Leinwand, Leute, und die Bilder rechts und links an der Wand. Gelassen und entspannt bin ich. Der Hauptfilm läuft noch nicht, die Beleuchtung hält die gesamte Szenerie weiterhin in einer Art früh abendlicher Dämmerung und das Publikum gibt sich noch murmelig, hi und da lachend, dem Schwätzen und Herumalbern hin. Ich freue mich sehr auf den heutigen Abend und warte mit großem Appetit auf eine fesselnde Unterhaltung! Sich mal etwas Gutes tun war meine Absicht, etwas, das ablenkt und vereinnahmender ist als das tägliche, sich wiederholende Einerlei.
Mein Rundumblick durch den Saal endet auf dem Nachbarplatz neben mir. Hier sitzt eine riesengroße, dunkelblau zerknautschte Jeans der Marke "Was geht ab, Mann". Eine von der Sorte, die man nicht am Hintern trägt, sondern ganz lässig an den Knien baumeln lässt. Auf den ersten Blick ist nicht auszumachen wie viel Leute in diesem Beinkleid stecken. Aber von irgendwo her ragt ein langer tätowierter Arm heraus, mit einer riesigen Pratze vorne dran, die hin und wieder in einen vielleicht zwanzig Liter großen, weißen Plastikeimer voller Popcorn hineinfährt. Jeder Schaufelhieb in den hochfliegenden Puffmais bringt mindestens ein Kilo Superknuspercrunch zum Vorschein, der mit einigen Streuverlusten irgendwo mitten in einem Gesicht verschwindet.
Mein Sitznachbar richtet das Wort an mich: "Mmmpffhhllmmrrmpfffssshhhmpfff".
"Wie bitte?" will ich abklären, begreife aber sofort, die Antwort auf meine Frage lautet wahrscheinlich wiederum popcornzerkauenderweise "Mmmpffhhllmmrrmpfffssshhhmpfff". So schweige ich, lächle freundlich und nicke nur zustimmend mit dem Kopf, als ob ich verstanden hätte. Ich habe zwei Möglichkeiten: entweder war das ein freundlicher Willkommensgruß, der etwa hätte lauten können: "Guten Abend, ich hoffe wir können uns heute auf ein genüssliches Kinoerlebnis einrichten. Ich habe den Film schon dreimal gesehen und werde Ihnen im Laufe der Vorstellung an den entscheidenden Stellen ein paar Erläuterungen zur Handlung geben". Na, schönen Dank! Was ich dann doch viel lieber in die Botschaft hineininterpretieren möchte ist: es hätte sich vielleicht genauso gut nur um einen kurzen, harmlosen Zuruf gehandelt. So übersetze ich den üppigen Schwall lückenlos aneinandergereihter Konsonanten für mich einfach in: "Tach!" oder vielleicht auch in: "Na?".
Während sich um meine Füße, wie bei leichtem Schneefall, ein weißer Teppich, in diesem Falle nicht von zarten Eiskristallen, sondern von rieselndem Popcorn, verbreitet und mittlerweile etwa bis zu meinen Knöcheln aufgeschichtet liegt, gebiert die dunkelblaue Jeans, gleich nach jener Eingangsunterhaltung, ein zweites Leben. Ahnte ich es doch! Mit leisen, undeutlichen Piepslauten taucht aus dem Schatten meines Nachbarn ein hübsches Mädchengesicht auf, das mich flüchtig anschaut und lächelt. Blond und blauäugig, wie ein Reh!
"Mmmpffhhllmmrrmpfffssshhhmpfff", sagt der Klotz am Popcorneimer zu dem Mädel und nach ein paar flinken Handbewegungen verschwindet alsbald das elfengleiche Antlitz wieder im Halbdunkel.
Jenes scheue Wesen, die Freundin, so möchte ich vermuten, hat ihrem mampfenden Kerl neben sich eine Cola in die Hand gedrückt.
Oha!
In Sekundenbruchteilen stellen sich meine so oft erlebten ad-hoc Befürchtungen hinsichtlich eines aufkommenden Unheils ein. Gleich einem Spökenkieker fliegen mich Ungemach und Miseren an wie Tauben, die sich auf dem Markusplatz in Venedig zur Mittagsfütterung auf die Touristen stürzen. Meine Ahnungen sind selten unbegründet. Sie beschleunigen den Herzschlag und machen sich sofort mit einer gesteigerten Körperspannung und nervöser Unruhe bemerkbar. Ich kann nichts dafür, in mir laufen Zwangsreaktionen ab
Zur Erklärung muss ich rasch in die Geschichte meine Familie zurück, denn bei meinen Vorfahren, ob von mütterlicher oder väterlicher Seite weiß ich nicht mehr so genau, hat sich seit unzähligen Generationen, ich vermute, seit Adam und Eva, ein Gendefekt weitervererbt - mich selbstverständlich nicht auslassend - der sich wie folgt bemerkbar macht: hat man den Mund vollgestopft mit etwas trockenem, krümeligem, wie zum Beispiel Popcorn (was sonst) und versucht darüber hinweg etwas zu trinken, sagen wir mal Cola (sieh mal an), landet alles, das heißt, diese nassbröselige Mischung, mit an Sicherheit grenzender Wahrscheinlichkeit in der falschen Kehle und was das bedeutet, brauche ich gewiss nicht näher zu erläutern.
Obwohl, jeder erlebt diesbezüglich eine andere Not. Wenn ich mich an den Sandkuchen erinnere, über den ich letztens meinen Milchkaffee hinweg laufen ließ und anschließend mit hochrotem Kopf, hustend ... nein ich will korrekt sein, der Husten kam erst später.
Zunächst spürt man beim ersten, entspannten Schluck den altbekannten Schreck in der Gurgel, weil es wie so oft die falsche Weichenstellung war und dass alles wieder raus muss aus der Luftröhre. Da aber der Mund noch voll ist und man nicht weiß, wohin mit alledem was da ganz plötzlich irgendwie weg muss, versucht man die Backen auf ein Vielfaches des normalen Fassungsvermögens aufzublasen, damit auch die Rückkehrer aus dem Schlund noch Platz haben, mitsamt dem ersten Husterer. Das mag zunächst gelingen. Dem kurz darauf zweiten Aufbäumen des Körpers allerdings halten die zusammengepressten Lippen nicht mehr Stand und alles muss raus. Kaffee und Kuchen, auch jedes andere Gemisch, fliegen in hohem Bogen, je nach Stellung der Lippen, entweder als langer Strahl oder als breite Sprühwolke, über den Tisch und hinterlassen ein kontrastreiches Muster auf dem feinen, cremefarbenen Damast. Ist man gut erzogen und weiß sich zu benehmen, wendet man den Kopf beim erneuten, unmittelbar nachfolgenden, weiteren Anfall höflich zur Seite und entledigt sich des verbliebenen Restes in verzweifelter Hoffnungslosigkeit einfach schicksalergeben gegen die Tapete. Dies ist vorteilhaft, weil meistens abwaschbar, es sei denn, man hat sich eine seidene Wandverkleidung ausgesucht oder ausgerechnet die vom Hausherren auf der Raufaser höchstpersönlich handkolorierten Schablonenmalerei. Wenn man jedoch beim ersten Aufkommenden der Eruption, gleich zu Beginn, die Hand in Panik ganz, ganz fest vor den Mund drückt, bleibt zwar das Tischtuch, da alles zur Seite spritzt, möglicherweise unbefleckt aber die Sitznachbarn rechts sowie links dürfen nun aktiv am Geschehen teilnehmen, obwohl man genau dies, um alles in der Welt, zu vermeiden suchte. Das ist die Krux, zu überlegtem Handeln ist keine Zeit. Man verhält sich intuitiv, so wie immer!
Ja, und dann kommt jener Husten, der das Innerste nach außen kehrt, bis hin zur vollständigen Entleibung. In Folge aber offenbart sich die größte Leistung der Evolution, noch weit vor der zweigeschlechtlichen Vermehrung oder dem unfallfreien, rückwärtigen Einparken rangierend. Denn was nun geschieht, läuft nach einer, in Millionen von Jahren eingeübten, genetisch gesteuerten Prozedur ab, bei allen Menschen und an jedem Fleckchen dieser Erde gleich geartet.
Fühlte man sich soeben noch als wild um sich spuckendes Ungeheuer aufs Peinlichste betroffen, mutiert man, mit besagtem, hochrotem Kopf sich in Hustenkrämpfen wie ein Wurm auf dem Boden windend, im Handumdrehen vom Täter zum Opfer und genießt alle hilfsbereiten Aufmerksamkeiten, die Mitmenschen überhaupt nur aufzubringen vermögen. Rücken klopfen, Arme hoch, Arme runter, stabile Seitenlage und wieder Schläge zwischen die Schulterblätter inklusive kleiner Herzmassagen in den Rettungspausen, das ganze Programm. Wobei allerdings ein aufgrund der soeben geglückten Wiedergeburt spontan angebotener, erster Schluck Wasser und das dazu gereichte trockene Stück Brot oftmals zutiefst erschrocken und mit heftigstem Kopfschütteln brüsk zurückgewiesen wird, aus schierer Angst, schon die leiseste, erneute Reizung des immer noch in höchster Erregung vibrierenden Gaumenzäpfchens, könnte die nächste Runde der soeben mit Ach und Krach überstandenen Höllenfahrt einläuten. Und während mit dem röchelnden Menschlein dort auf dem Teppich durch gutes Zureden die Rückkehr ins normale Leben geprobt wird, sind bereits ganz diskret die Folgen des Unfalls beseitigt. Sofort ist die entweihte Tischdecke gegen eine frische ausgetauscht und kurzerhand die breite Geschirrkommode vor den großen, tropfnassen Wandfleck geschoben. Obendrein verteilt man gegebenenfalls an die Herrschaften auf den Nachbarplätzen des just Auferstandenen eilends ein paar trocknende Handtücher, nebst wohlriechenden und sanft reinigenden Erfrischungspads. Neu tapeziert wird bereits am Tage darauf. Wie gesagt, alles geschieht automatisch, weil die Natur das so eingerichtet hat.
Wenn es tatsächlich an dem ist, dass sich dieser Erbfehler schon seit den Zeiten des Paradieses verbreitet hat, so sehr ist wahrscheinlich, dass auch mein Kinonachbar, wiewohl ich von dem Gedanken nicht gerade berauscht bin, ausgerechnet er sei ein entfernter Verwandter, von dieser Schwäche heimgesucht ist.
So tippe ich also, das gesamte, kommende Szenarium vor dem geistigen Auge vorausschauend, meinem Vordermann in der nächsten Sitzreihe auf die Schulter, damit sich dieser von der bedrohlichen Situation hinter ihm ein eigenes Bild machen kann. Ihn anstarrend, versuche ich wortlos, mit magischen, nein genauer, mit magnetischen Blicken, seine Augen auf meinen Nachbarn zu lenken. Doch da mein hypnoseresistenter Vordermann, so unwahrscheinlich es auch sein mag, nicht einmal im Entferntesten mit mir und meinen Defekten verwandt zu sein scheint, kann er, deutlich erkennbar, die verheerende Wirkung des brisanten Gemisches aus Popcorn und Cola nicht richtig einschätzen und schaut mich und den kauenden Klotz nur verstört fragend an und wendet sich wortlos und kopfschüttelnd wieder dem Geschehen auf der Leinwand zu. Ich bin sicher, er wird zudem noch geraume Zeit darüber nachgedacht haben, warum ich ihm meinen bereits geöffneten Regenschirm reichen wollte.
Da ich nicht unmittelbar im Gefahrenbereich sitze, wenn auch nicht vollständig sicher seitlich davon ab, bleibe ich weiterhin gespannt und beobachte das Geschehen neben mir mit steigender Neugier. Inzwischen bin ich völlig abgelenkt von allem anderen, was um mich herum passiert, denn mir scheint, das große Schauspiel an diesem Abend findet nicht auf der Leinwand statt, sondern in Kürze unmittelbar neben mir. Wie sagt doch die Werbung: "Nicht nur dabei, sondern mitten drin."
Wieder fährt die mächtige Hand in den Eimer und holt diesmal eine wirklich riesige Ladung hervor, zu er man ohne Übertreibung "mein lieber Scholli" sagen könnte und die trotz der erneuten Streuverluste bestimmt eine fünfköpfige Familie bei guter Einteilung drei Wochen lang durch den härtesten Winter bringen müsste.
Und wie auf Anweisung eines Dramaturgen verdunkelt sich der Saal und das Stimmengewirr ringsum verstummt nach wenigen Augenblicken. Mit einem Seitenblick sehe ich, wie mein Nachbar sich anschickt, die Flasche Cola an den vollgestopften Mund zu setzen. Und wenn jetzt noch Fanfaren kämen ... und tatsächlich, aus allen Saallautsprechern schmettert zu Beginn des Hauptfilmes die 20th CENTURY FOX ihr bekanntes Trompeten-Intro ins Publikum.
Datt---Da-Da-Daaa-Daaa!
Es geht los!
Was soll ich tun? Reiße ich der Hose jetzt noch schnell die Flasche aus der Hand oder stehe beherzt auf und schreie lauthals: "FEUER!"? Ersteres wird gewiss meinem Vordermann einige Unannehmlichkeiten ersparen aber höchstwahrscheinlich mich meine Vorderzähne kosten und mir ein oder eher wohl zwei blaue Augen bescheren. Im zweiten Fall würde ich alle Besucher des Kinos durch die entstehende Panik in Lebensgefahr bringen, außer mich selbst natürlich. Denn ich würde die Stampede einfach ruhig abwarten und als Letzter unbeschadet den Saal verlassen. Was bleibt also anderes als meinen Vordermann seinem Schicksal zu überlassen. Er wollte es ja so.
Während ich höre, wie die zerknautschte Jeans den ersten herzhaften Schluck Cola über das zerkaute Popcorn rumpeln lässt, habe ich schon meine Sachen gegriffen und flüchte in völliger Dunkelheit mit hastigen Entschuldigungen durch die Sitzreihe dem Ausgang zu. Dabei fällt mir ein, dass Cola im Mund ja obendrein noch hoch aufschäumt und eine mehrfache Spuckkraft erzeugt. Genauso hört sich die Explosion auch an, als sich gerade die Saaltür hinter mir schließt. Das wild wütende Brüllen einiger Männerstimmen, gepaart mit hysterischem Kreischen entsetzter Frauen vernehme ich nur noch gedämpft, sehe aber rückwärtig durch den Spalt, dass schon wieder Licht im Saal ist und der Film nicht mehr läuft. Jetzt müsste man das Muster, braun-gelb gesprenkelt wie das Fell des Jaguars, auf der weiß leuchtenden Leinwand eigentlich sehr gut sehen können, weil Cola doch so schön klebt.
Ich habe es gewusst ... die Hose ... auch ein Verwandter!
© CeeBee......................................................................................
Foto: wikimedia.org