Eine etwas unübliche Gerichtsverhandlung
Von
tastifix
Freitag 08.04.2022, 15:40 – geändert Montag 05.09.2022, 11:03
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tastifix
Freitag 08.04.2022, 15:40 – geändert Montag 05.09.2022, 11:03
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Nach zwei Stunden gemütlichen Zusammenseins war Schluss mit der Gemütlichkeit. Es fiel etwas vor, was als ausgesprochen impertinenter Vorfall einzustufen war, der dann Ernstes nach sich zog.
Es kam zur Gerichtsverhandlung. Richter Würdevoll nahm eine würdevolle Haltung ein:
„Sie heißen Emilie Stiebitz, sind 50 Jahre alt und wohnhaft in ... „
„Stimmt jenau, Herr Richter!“
„Und Sie wissen sicherlich, dass Lügen vor Gericht böse Folgen für Sie haben können ...“
„Klar, ich sag nur die Wahrheit, nix als die jaanz reine sogar!“
Bekräftigend nickte Emilie Stiebitz in die Runde, was aber weder den Richter noch den Staatsanwalt Denkfix, die Verteidigerin Frau Kombinierschnell nur ein bisschen und die Geschädigte Magdalena Stiebitz überhaupt nicht beeindruckte.
Der Richter:
„Herr Staatsanwalt Denkfix, bitte verlesen Sie die Anklageschrift!“
Denkfix:
„Frau Emilie Stiebitz, Sie werden beschuldigt, am 6.2 dieses Jahres während einesTreffens von außerordentlicher Seriösität genau diese in überaus dreister Weise missachtet, dagegen Ihrem Namen alle Ehre gemacht und die zur Tatzeit vor Ihnen stehende Magdalena Stiebitz, Ihre Cousine, bestohlen zu haben.“
„Ach, so würde ick dat eigentlich nich nennen. Habs ja nur gut gemeint!“
„Wiie bitte??“
Richter und Staatsanwalt schnappten nach Luft.
„Na ja, dat is ja meene Cousine und wie ick halt so bin, hab ick mir Sorgen gemacht, weil ick jemerkt hab, wie schwer die an ihrer Tasche zu tragen hatte ...“
„Vielleicht war sich die Angeklagte in jenem Moment nicht bewusst, dass sie eine Straftat beging,“ warf zögerlich Verteidigerin Kombinierschnell ein.
„Waaas?? Sie wollen doch nicht wirklich in Erwägung ziehen, dass sie nur aus ...“, brauste Staatsanwalt Denkfix auf und Frau Kombinierschnell verstummte lieber, was sie für den weiteren Verlauf der Verhandlung klugerweise auch dann beibehielt.
´Bringt nix mehr!`
Mehr zu denken beziehungsweise in diesem Moment dann extrem fix zu denken, war selbst Denkfix verwehrt.
„Doch!“, setzte Emilie Stiebitz dagegen."Oder wat würden Sie machen, wenn da Ihre Cousine steht und vor Anstrengung wegen ´ner Tasche nen knallroten Kopp hat?“
„Erstens steht hier nicht zur Debatte, was ich tun würde und zweitens ist des jetzt eine bodenlose Unverschämtheit!“
Nun glich auch Staatsanwalt Denkfix einer überreifen Tomate.
„Ebend, Herr Staatsanwalt!"
Und sie wandte sich an Richter Würdevoll:
"Nich, Herr Richter, det wäre ne Leistung ohne Hilfe oder so ähnlich gewesen, wie dat fast hier so heißt?“
Richter Würdevoll hielt es für unter seiner Würde, sie etwa noch zu korrigieren.
´Zwecklos!`
Offensichtlich lief Emilie Stiebitz zur ihrer höchstpersönlichen Bestform auf. Mitleid war eindeutig überflüssig. Richter Würdevoll schaffte es nur mit äußerster Mühe, die würdevolle Haltung zu bewahren. Am liebsten hätte er ihr den offensichtlich ver-rückten Kopf gewaschen. Aber ihn beschlich ein vager Verdacht und den äußerte er denn auch. Prompt wurds Emilie Stiebitz zu bunt.
„Herr Richter! Det is ne böswillige Untastellung, will ick ma sagen. Dafür könnt ick Sie anzeigen! - Richter beleidigt Angeklagte!!“
„Sie wagen tatsächlich …,“,brüllte Würdevoll, seine Berufswürde völlig außer Acht lassend, los.
„Herr Richter, nich, dass Se gleich nen Herzinfarkt kriegen!“, entgegnete sie, dabei bereits wieder die Ruhe selber und schlug, wieder mal äußerst hilfsbereit, vor: „Soll ick Ihnen bessa nen Glas Wasser holen?“
Richter Würdevoll röchelte nach mehr O2, desgleichen der Staatsanwalt wie auch die Geschworenen. So etwas hatten sie noch nie erlebt. So etwas nicht!
Als der Richter und auch der Staatsanwalt nach vermehrtem Luftholen sich in der Lage sahen, Ersterer sich erneut würdig zu benehmen und Zweiterer wieder fix zu denken, stand für sie fest, dass sie der Angeklagten einen Denkzettel verpassen würden. Nein, in diesem Fall wäre ein milderes Urteil fehl am Platze. Erst der infame Diebstahl, dann die Frechheiten am laufenden Band und denn gar noch Beamtenbeleidung.
"Sofort halten Sie jetzt Ihren Mund!! Einen Diebstahl zu einer Handlung der Hilfsbereitschaft zu erklären, ist eine Unverfrorenheit! Sie hatten keine Hemmungen, Ihrer eigenen Cousine, Magdalena Stiebitz, über 300 Euro zu stehlen. Dazu kommen jetzt noch weitere Anklagepunkte. Es reicht!!“
Richter Würdevoll setzte noch strenger hinzu:
„Wären Sie nicht dermaßen unverschämt geworden, hätten wir vielleicht nur eine Minimalstrafe verhängt. - Aber jetzt ganz bestimmt nicht!! Erstens geben Sie das Geld sofort zurück und zweitens verurteile ich Sie zu einigen Wochen Haft. Nutzen sie die die dafür, darüber nachzudenken,was Sie sich zu tun erfrecht haben!“
Er winkte einen Polizeibeamten hinzu:
„Abführen!!“
Aber Emilie Stiebitz wäre nicht sie gewesen, wenn sie dies so hingenommen hätte:
„Dat werden Se bereuen, wenn ick wieda raus bin! Mit Emilie Stiebitz macht man dat nicht! In ´nen Knast trotz doller Hlfsbereitschaft!!"
Dann sollten ihr die Handschellen angelegt werden. Klar wehrte sie sich heftig. Es fehlte nicht viel und sie hätte zguetreten. Als ihr die Handschellen angelegt wurden, wehrte sie sich heftig. Es fehlte nicht viel und sie hätte zugetreten.
„So“, sagte Denkfix abschließend. "Achjaa: Widerstand gegen die Staatsgewalt kommt auch noch hinzu!!“
Auf darauf noch folgende Flüche wären sie ja eingestellt gewesen. Doch durchbohrten die inzwischen nicht mehr geröteten, sondern ziemlich bleichen Juristen weder mordlüsternde Blicke noch fielen ihnen wegen akustischer Unflätigkeiten die Ohren ab. Dagegen spielte Emilie Stiebitz urplötzlich Mimik-Chamäleon.
´Die sind fertig mit den Nerven. Fallen gleich noch vom Stuhl!`
Anscheinend empfand Emilie Stiebitz wohl Mitleid mit jenen Juristen-Jammerlappen
:
"Na, nen Widastand gegen undsoweiter is doch fast so schlimm wie der blöde Diebstahl selba! Also dürfen Se gern noch nen paar Tage mehr Einbuchten dran hängen!"
Plötzlich lächelte sie süffisant:
"Denn bei Schnee draußen zu pennen is nich so wirklich jemütlich!!"
"Müssten Sie ja nicht. Es gibt Obdachlosenunterkünfte!", hielt ihr Würdevoll mit schwacher Stimme vor.
"Nee, lassen Se ma, Herr Richter! Dat is mir viel zu unsicher. Nich ,dat mir da noch jemand wat klaut!"
Man hätte eine Stecknadel fallen hören können.