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Ein Prüfling wie kein zweiter

Von tastifix Montag 17.05.2021, 16:11 – geändert Montag 17.05.2021, 16:22

Schon seit Monaten hat Sven von morgens bis abends gebüffelt ...

Wegen der für Schüler recht unüblichen intensiveren geistigen Tätigkeit schwelen nun bereits die ersten Rauchwolken über seinem Kopf.
„Doch, ich schaff das! Ich hab`s!`
Zu seinem Glück schaut er nicht noch zum 15.Male das Kapitel über Logarithmen durch. Sonst würde es vielleicht heißen:
„Ich schaff das nicht!“
Heute ist der Tag, an dem es sich entscheidet, ob er Arzt oder eher Tierpfleger werden solle.

Als er am Ort des Schreckens eintrifft, hocken vor der Abiprüfungsfoltertür schon mehrere vor Aufregung nassgeschwitzte Jammerlappen. Aus Angst geweiteten Augen scheinen sie die besagte Tür anzuflehen, sie möge doch den Raum hinter ihr möglichst fix im Nebel der Gnade vor Recht verschwinden lassen. Doch gemein bleibt alles, wie es ist. Ein paar der Kameraden fixieren betreten ihre Schuhspitzen. Neugierig folgt Sven ihrem Blick:
´Nee, nen Spickzettel ist dort nicht eingeritzt!`
Vielleicht hoffen ja diese Kandidaten für die geistige Schlachtbank, dass der Boden zu ihren Füßen sich öffnet, sie in unbekannten Tiefen landen und sie sich dann durch einen unterirdischen Tunnel davon stehlen können. Darin sind sie sich sowieso einig: Alles ist besser als der ihnen bevorstehende Gang ins Farbe-bekenn-Zimmer.
´Ich hab zu oft geschwänzt. Pythagoras, was ist das? - Eventuell gar ´nen neuer Fußballstar!??`

Bei diesem Anblick schwindet Svens Zuversicht mehr und mehr und macht steigender Verunsicherung Platz. Kummervoller Miene klemmt auch er sich auf einen der schmalen wackligen Stühle, der sofort bedrohlich zu knarren beginnt. Vorsichtshalber vermeidet Sven es, sich noch zu rühren. Nicht, dass jenes Uralt-Ding noch unter ihm zusammen kracht und er dann ein recht schmerzhaftes Fliesenrendezvous in Kauf nehmen muss. Im schlimmsten Falle in eine Ohnmacht ausufernd. Der ist er inzwischen ziemlich nahe.
´Die spare ich mir besser für drinnen auf. Wäre vielleicht hilfreich!`
Wie kann er als halbwegs anständiger Schüler es nur wagen, sich jetzt solch frevlerischen Ideen hinzugeben?? Tz,tz. Aber, sich dafür zu schämen, fällt ihm im Traum nicht ein. Zumal er in diesen Warteminuten ohnehin kaum eines vernünftigen Gedankens mehr fähig ist.

Die Pforte zur Prüfhölle öffnet sich und das aufmunternd lächelnde Gesicht seines Mathelehrers lugt um die Ecke.
„Herr Merker, Sie sind dran!“
´Nomen ist ja eigentlich Omen!`, denkt unser Kandidat auf einmal.
Urplötzlich verfliegt die übergroße Panik. Nur noch wenige Minuten trennen ihn von der ärztlichen Glückseligkeit. Aufrechter Haltung folgt er seinem Lehrer. Ihn empfangen mehrere Gestalten, sowie ernster und wie auch wichtiger Miene, ihres Zeichens allesamt bedeutende Mitglieder des Schulwesens. Kritisch mustern sie ihn durch ihre Gleitsichtbrillen, die zwar fast von den Nasen zu gleiten drohen, ihren Trägern aber trotzdem noch zusätzliche Würde verleihen.
„Und Sie trauen sich diese Prüfung zu?“
„Ja, ja!“, stammelt Sven etwas verblüfft.
„Na, dann fangen wir mal an ...“

Die Richter über Abi oder auch Nicht-Abi bombardieren den Armen mit ständig komplizierteren Fragen.
„O je, wenn das so weitergeht, dann ...“
Aber das Lernen zahlt sich aus. Sven schleudert ihnen wie aus der Pistole geschossen die richtigen Antworten entgegen. Jenen altehrwürdigen Herren wird es allmählich unheimlich. Ein Schüler, der allem standhält, zählt eher zu den Raritäten. Die Schule darf sich auf den Wissensstand solcher Ausgaben wirklich etwas einbilden, tut sie wohl auch, wie man von den stolz/ anerkennenden Blicken der anwesenden Lehrer abliest.

Doch den Prüfern bereitet es zunehmend Kopfzerbrechen. Sie nehmen ihre Aufgabe extrem ernst, sitzen ja nicht zum Vergnügen hier, sondern auf ihnen lastet große Verantwortung. Nur nach strengster Einschätzung würden sie das ersehnte positive Urteil fällen. Also versuchen sie Sven zu verunsichern. Doch wider dessen eigener Erwartung weiß er sogar die brenzlige Frage nach den Logarithmen zutreffend zu beantworten.

Obwohl er sich dermaßen tapfer geschlagen hat, zittert er aber denn doch der hoffentlich letzten Frage entgegen: Sein Selbstbewusstsein droht ihn erneut im Stich zu lassen, der Verstand desgleichen den Dienst zu verweigern. Sichtlich vor Anspannung schwitzend, verschränkt Sven wartend die feuchten Hände hinter seinem Rücken.
´Nun macht doch endlich!!`
Nochmals rücken sämtliche Honorationen die Brillen auf der Nase zurecht, sitzen dann dort genauso einschüchternd wie die Oberbefehlshaber der Bundeswehr und schon kommt sie, die furchtbare entscheidende Frage:
„Ja, Herr Merker, nachdem Sie so sehr brillieren konnten, wird dies jetzt bestimmt eine Kleinigkeit für Sie sein ...“
Sven`s Herz pocht bis zum Halse, fast erträgt er es nicht länger.
„Also, Herr Merker, dann verraten Sie uns mal: Wieviel ergibt eigentlich 1+1?“
´Hääh? Spinnen die jetzt?`
Sven erstarrt, ist im ersten Moment keines Wortes fähig. Doch dann:
´Das ist ´ne Fangfrage! Die wollen mich rein legen!`
Dies hatt er gut erkannt, heißt ja nicht ohne Grund ´Merker`.
Er atmet erleichtert auf. Prompt kehrt sein fast verloren geglaubtes Selbstbewusstsein zurück, sein Verstand arbeitet wieder auf Hochtouren und gibt ihm die passende Idee ein:
´Die werden sich wundern!`
Nicht länger steht er dort wie ein armer Sünder vor dem Herrn. Dagegen blitzt aus seinem Blick der Schalk.
„Nuun, Herr Merker? Wir warten!“
„Ja also, es ist nämlich so … , startet Sven langsam, jedes Wort betonend.
Irritiert horchten die Prüfer auf. Damit haben sie nicht gerechnet, damit nicht. Und dann müssen sie einsehen, dass es nichts gibt, was es nicht gibt, selbst während solch wichtiger Prüfungen nicht.

Sven hebt nämlich zu fast wissenschaftlichen Spekulationen an, dass vielleicht 1+1 auch mal 4 oder 5 oder gar 6 ergeben könne, bezieht sich zunächst nur auf Allgemeines, so auf vorgegebene verschiedene Umstände, bedient sich keck dabei der verhassten Wahrscheinlichkeitsrechnung und kleidet seine Ausführungen dreist in -zig Prozentangaben.

Den hochstehenden Herrschaften verschlägt es eindeutig sowohl das logische Denkvermögen als deshalb auch die Sprache. Nun souverän lächelnd, treibt es Sven aber noch auf die Spitze:
„Und nun komme ich auf die einzig wirklich den Ausschlag gebenden anderen Umstände zu sprechen, die, wie Sie sicherlich wissen, nämlich durch ganz bestimmte Verhaltensweisen die faktische Erweiterung des grundlegenden Faktes 1+1=2 hervorrufen …`
Und er fügt noch ein paar sehr weise klingende Erkenntnisse aus früheren Psychologiestunden an.
Gespannt blickt er in die Runde. Stille im Raum. Dann räuspert sich einer der Herren:
„Ja, also, ääh …“
Ein zweiter beweist etwas mehr Fassung:
„Sie dürfen jetzt gehen, Herr Merker! Sie erfahren gleich das Ergebnis!“

´Gleich` dauert denn erstaunlich lange, bis sich endlich ein zweites Mal die Tür öffnet. Wieder ist es sein Mathelehrer, der nun grinsend auf ihn zukommt.
„Gratuliere: Eine glatte Eins! Eine solch schlagfertige Antwort ist denen garantiert noch nie geliefert worden!!“

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