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Die Ersten werden die Letzten sein.

Von CeeBee Montag 06.06.2022, 14:45


Unverkennbar! An und in mir ist Leben, da ist noch lange nicht Ruh. Da blüht es und gedeiht es und wächst es: Fingernägel, Zehennägel, Haare und ... Altersmilde!

Und damit bin ich auch schon mitten im Thema.

In dem Wort Altersmilde finden zwei Begriffe zueinander, die sehr unterschiedliche Gefühle in mir auslösen. Gemäß dem geflügelten Wort: "Alter hat man aber man spricht nicht drüber", widme ich mich im Folgenden ausschließlich dem Hinterteil des obigen Nomens.

Milde, wenn sie den inneren Zustand meint, hat zur Folge, dass man sich über nichts und niemanden mehr aufregen muss, auch wenn man dies, früherer Gewohnheit folgend, herzlich gern täte. Milde zeigt aber auch in ihrer Außenwirkung einen beruhigenden Einfluss auf all jene Mitmenschen, die von dem beglückenden Wesenszustand strapazierfähiger Geduld und friedfertiger Sanftmut noch sehr weit entfernt sind.

Aber wenn der Wolf zwischen den Schafen zu grasen beginnt, ist ein Anfang gemacht.

Konkret betrachtet ähnelt Milde dem schützenden Sandsack, auch der Spundwand oder im großartigsten Falle dem weitläufigen Auebecken, welches nahe der Seele, die heranbrausenden Fluten ansteigender Emotionen oder hochschäumender Aggression besänftigend ins Leere laufen lässt. So versinkt das eigene Ego nicht im zehrenden Sog tagtäglicher Boshaftigkeiten und das Leben geht, ungeachtet mancher Attacke, in jedem Augenblick und an jedem Ort weiterhin unbeschadet seinen friedvollen Gang.

Aber bisweilen gibt es Sturmfluten, die den einen oder anderen Sandsack hinweg spülen und selbst der schwerste Schutzwall gebeugt wird, sodass er unter der Last zu ächzen beginnt.

So bin ich noch völlig gelassen, wenn an der Discounter-Kasse eine junge Mutter, in der Schlange der Wartenden hinter mir, sich in Richtung Ausgang nach vorn kämpft, mit drei süßen, kleinen Rackern an der Hand. Einer plärrend, einer quengelnd und einer heiter, zufrieden dreinschauend, weil er sich offensichtlich eben noch, am hochroten Köpfchen erkennbar, eine randvolle Windel gegönnt hat. Der Bitte der Mutter, sie aufgrund drückender Eile doch vorzulassen, komme ich gern und spontan aus reiner Zuvorkommenheit nach, zumal die drängende Zeit schon sehr, sehr streng zu riechen beginnt.

Oder der nette, junge Student von nebenan, in ledernen Springerstiefeln, schwarzer Nieten-Lederkleidung inklusive der Leder applizierten Metallsonnenbrille zur lederartigen Stirn hochgeschoben, der gerade das Päckchen Selbstdrehertabak auf das Band legen möchte und mir dabei mit stechendem Blick ein Loch in den Kopf bohrt. Der mit mahlendem Gebiss, dazu rhythmisch zuckenden Kaumuskeln und zusammengepressten, strichschmalen Lippen, unmittelbar vor meinem Gesicht, herausfordernd das bereits abgezählte Hartgeld in seiner lederbehandschuhten Pranke ungeduldig hin und her rollen lässt, auch der darf zur Kasse vor gehen. Natürlich! Ich schiebe meinen beladenen Einkaufswagen zur Seite und lasse den schwarzen Ritter von der ledrigen Gestalt wortlos passieren. Wer weiß denn schon, ob nicht da draußen irgendwo vor dem Eingang in einem Kinderwagen ein kleines Kind weinend nach seinem Papa ruft, weil ihm, also dem Kind, der Schnuller aus dem Mund gefallen ist. Da möchte man ja nicht in die Geschichten fremder Familien hineingezogen werden.

Eine besondere Milde habe ich parat, wenn zwei junge, hübsch geschminkte blaue Augen unter blondem Wuschelkopf zufällig beiläufig meinen Blick streifen. Dann trete ich rasch zur Seite und schiebe, selbst wenn der Blondschopf zunächst höflich, dann im Fortgang meiner Übergriffe vielleicht peinlich berührt ablehnt und sich schließlich mit manchen Fußtritten gegen mich wehren will, ihren randvoll bepackten Einkaufswagen eigenhändig vor, so dass ich dahinter meinen Becher Sahne und das Glas Gurken auf das Band stellen kann. Für diese Momente habe ich alle Zeit der Welt, selbst dann, wenn der Arbeitstag schön lang und zermürbend war. Anlässlich solcher Vorkommnisse feiert meine Milde wahrlich fröhliche Urständ.

Aber wenn wieder ein schief gewinkeltes Mütterchen mit einem Rollator und einer abgewetzten, schwarzen Handtasche zielstrebig auf die Kasse zusteuert, dann geht bei mir, tatütata, das Blaulicht an. Dann bin ich hellwach! Dann ist das Heranschleppen und hastige Aufstapeln schwerster Sandsäcke zum Schutze meines Gemüts nur noch ein Gucken.

Dazu schnell die Geschichte:

Es ist wahrlich ein berührendes Bild: um die Achtzig, kleingebeugt, grau, faltig, leise, zittrig aber mit quirlig flinken Augen. Ein Mensch wie du und ich.

Wiewohl körperlich schmächtig, so doch heftig, fährt mir dieses Mütterchen, während ich gerade ein Stück Butter und eine Zeitschrift ganz vorn an der Kasse aufs Band legen möchte, mit ihrem Rollator von hinten in die Kniekehlen, so dass ich mich vehement für meine Unachtsamkeit entschuldige. Ob sie denn, bitte, nicht vor gehen möchte, lade ich sie ein. Denn aus ihrem kleinen, am Unterarm baumelnden Handtäschchen kramt sie ihren Einkauf, ihr karges Abendmahl, so meine Vermutung, umständlich hervor: eine kleine Dose Mais, Abtropfgewicht 185 Gramm.

Mein stolzes Pfadfinderherz strahlt ob meiner Aufmerksamkeit aber noch mehr über meine gute Tat, mich dem noch älteren Alter hintangestellt zu haben, während jenes Omilein, nun vor mir stehend, sich umwendet und mir mit einer leichten Kopfbewegung, wie zum Dank, zunickt. Ich neige ebenfalls freundlich lächelnd den Kopf, bemerke aber sofort aufgrund der ausbleibenden Reaktion, dass der Gruß nicht mir galt. Ich drehe mich um. Offensichtlich fühlt sich ein junger Mann hinter mir angesprochen, ein Enkel möglicherweise. Auf das Signal hin schiebt dieser seinen schwer bepackten Einkaufswagen an mir vorbei und beginnt sofort mit dem Entladen. Verdutzt schiebe ich meine Teile zur Seite, um Platz zu machen, bin aber gleichsam begeistert von der Hilfsbereitschaft unserer Jugend, dem Alter gegenüber, beobachte ich sein flinkes Tun. Unter dem Leeren des Wagens, schaut er fortwährend suchend umher, bis ein Mädel hinzu kommt. Es ist die Schwester, wie ich dem Wortwechsel der Beiden entnehmen kann. Sie schüttet ihre zwei mitgebrachten, mit allerlei Kleinzeug gefüllten Pappkartons vor mir kurzerhand aufs Band, um daraufhin ihrem Bruder beim weiteren Ausladen zu helfen. Die entstandene Unordnung gefällt jedoch dem von hinten anrollenden Vater der jungen Leute nicht, da er nun keine Möglichkeit mehr sieht, seine auf einer Palette aufgestapelten Pakete von Mehl und Zucker vor der Kasse adrett, sortenrein und mit der Schrift nach vorn, aufzubauen. Aber Mutter Ingeborg, die nach kurzer Diskussion dringlichst herbeigerufen wird: "INGEBORG!!!!", weiß Rat. Mich hin und wieder mit einem abschätzigen Blick musternd, sortiert sie, in der Manier einer kriegserfahrenen Trümmerfrau, alles Schwere zunächst nach unten aufs Band, so dass die leichte Ware in mehren Schichten darüber verteilt werden kann.

Durch gebanntes Zuschauen gänzlich entrückt, verfange ich mich vollständig in meine Faszination über die Flinkfertigkeit dieser Frau, so dass ich just versucht bin, ihr rasch zur Hand zu gehen. Doch noch rechtzeitig wird mir gewahr, sie stapelt ja hoch gegen mich und den Grund meines Hierseins. Da vergräbt selbst die großzügigste Milde sofort seine unartigen Hände ganz tief in den Hosentaschen! Und tatsächlich, es ist nicht überraschend, der Inhalt ihrer beiden Einkaufswagen findet nun auch noch Platz. Großartig! Das meint auch der ältere Herr, der in höchster Eile nun mit seinem Einkaufswagen einschwenkt und ... und hier kürze ich die Geschichte einfachheitshalber ab.

In der Folge der weiteren Aktionen verliere ich völlig den Überblick über die Anzahl der handelnden Personen, unmittelbar vor mir, und sehe mich plötzlich am Ende einer langen Schlange von Menschen, die ihren Einkauf bezahlen möchten. Doch schlimmer noch empfinde ich den Moment, der mich erkennen lässt, hier ist eine eingeübte, professionelle, mehrere Generationen umfassende Großfamilie, um nicht zu sagen: Großbande, am Werk, die an Hand eines präzise geplanten Überfalls, scheinbar ihren gesamten Jahreseinkauf tätigt. Denn immer mehr Leute strömen an mir vorüber in Richtung Kasse, derweil ich ständig weiter und weiter nach hinten zwischen die Regale gedrängt werde, so dass ich mich nach bereits kurzer Zeit in Höhe der Kühltruhe mit dem Frischfleisch wiederfinde. Wenn mich in dem Gewusel jetzt noch jemand anrempelt, segle ich durch den Hinterausgang und lande wieder an der frischen Luft.

Vorne, gegenüber des Einganges, auf der anderen Seite der Straße, dort im Café, wo der Rollator vor der Tür steht, sitzt der Anfang allen Übels, zufrieden seinen Kaffee schlürfend, am Fenster. Ab und an schaut das Kompaniemütterchen neugierig herüber, um sich an dem überaus erfolgreichen Sturmangriff ihrer Sippe weidlich zu ergötzen.

Ja, verdammt noch mal ... ich ... kann den Gedanken noch nicht ganz zu Ende bringen. Meiner Verwirrung folgt Nachdenken. Welches wiederum dem Drang zum Handeln Platz macht und so räume ich, langsam aber gezielt, die schützenden Sandsäcke von meiner Seele, baue die Spundwände, eine nach der anderen, sorgsam ab und lasse ganz, ganz düstere und wild rauschende Aggressionen entfesselt auf mein ach nun so verletzlich offenliegendes Gemüt hereinbrechen.

Mir, dem Robin Hood für Mutter und Kind, dem Freund von Lack und Leder, dem Verehrer himmelblauer Augen, dem Gladiator gegen Niederträchtigkeit mit Rolli, mir hat man aufs Übelste mitgespielt.

Da wächst selbst dem weichgespültesten Lämmchen, gleich einer psychosomatischen Zwangsmutation, in Windeseile der blitzende Reißzahn ... mit freundlichen Grüßen von Dr. Jekyll und Mr. Hyde.

Und ich wünschte mir, ähnlich jenem Mister Hyde, nicht nur im Wesen das böseste vom Bösen hervorkehren, sondern darüber hinaus, auf Bedarf, auch an meiner äußeren Erscheinung ein gruseliges, monsterartiges Aussehen entwickeln zu können, sodass ich Menschen, bekämen sie mich unverhofft zu Gesicht, mindestens zu Tode erschrecken könnte.

Und ich hätte schon eine Idee, wo ich als erstes meinen schaurigen Auftritt plante, nämlich genau drüben auf der anderen Seite der Straße, wo der Rollator, dort vor der Tür, vielleicht seinen allerletzten Dienst getan haben wird ...



© CeeBee..........
Foto: pixbay.com

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