Der Junge und sein Weihnachtsgeschenk
Von
tastifix
Montag 21.11.2022, 08:58
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
tastifix
Montag 21.11.2022, 08:58
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Sven lag schon seit Monaten im im Krankenhaus. Die Diagnose: Unheilbarer Krebs! Es war schrecklich für den Neunjährigen, aber genauso schrecklich für seine Eltern, die hilflos mitansehen mussten, wie ihr Kind immer mehr verfiel.
„Kann man denn wirklich nichts mehr ausrichten, Herr Doktor?“
Professor Gerten sah sie ernst an:
„Nein, wir können ihm nur die Schmerzen nehmen. Das ist alles. Und doch auch viel, denn er muss sich nicht quälen.“
„Und, was glauben Sie, wie lange wird er noch … ?“
„Wissen Sie, das kann Ihnen niemand sagen. Vielleicht ein paar Wochen, aber höchstens noch zwei Monate.“
„Geht es wohl,“ fragte die Mutter leise sehr zögerlich, „dass Sven übers Wochenende nachhause kommt. Er wäre bestimmt sehr froh darüber ...“
„Bedenken Sie, dass Sie daheim nicht die notwendigen Geräte und Möglichkeiten haben, sofort zu handeln, wenn etwas Unerwartetes auftreten sollte.“
Der Arzt schwieg einen Moment. Er wisste nur zu gut, was in den jungen Eltern nun vor sich ging, welche Gedanken ihnen das Herz schwer machten. Aber er hielt nichts davon, Angehörigen falsche Hoffnungen zu machen, denn dann wurde es für die Betreffenden noch viel schwieriger, mit der Situation fertigzuwerden. So oft schon hatte er es miterleben müssen, dass verzweifelte Mütter zusammenbrachen, weil sie mit ihrer Kraft am Ende waren. Sie hatten sich fast aufgeopfert und denn letztendlich diesen Kampf verloren.
„Seien Sie gewiss, dass wir alles, aber auch alles für Sven machen werden, was eben noch in unserer Macht steht!!“, fügte er herzlich hinzu.
„Wir haben Vertrauen zu Ihnen und Ihrem Team! Nur - Es ist Ihnen ja klar, was uns jetzt bewegt!“, sagte nun auch der Vater.
„Bald ist Weihnachten!“, schluckte die Mutter. „Sven hatte sich so darauf gefreut und sich ein Fahrrad gewünscht. Und nun ...“
Sie sprach es nicht aus. Ihr Mann legte beschützend den Arm um sie, mehr konnte er ja nicht tun. Sie hatte versucht, sich noch zusammenzunehmen, doch nun begann sie leise zu schluchzen.
„Ich rate Ihnen, jetzt heim zu fahren und sich, so gut es geht, auszuruhen. Ich verspreche Ihnen, Sie sofort persönlich anzurufen, falls irgendetwas sein sollte. Und - das möchte ich Ihnen unbedingt sagen: Sven hat Eltern, die ihn lieben und immer für ihn da sein wollen. Wie viele Kinder würden sich solche Eltern wünschen ...“
Svens Eltern nickten, schauten ihn dankbar an.
„Bis morgen dann!“, verabschiedete der Arzt sie mit warmer Stimme.
Wieder zuhause, sagten sie sich:
„Wir können nichts für ihn tun, ihn nur für wenige Minuten täglich besuchen. Aber, Professor Gerten hat Recht: Wir dürfen sicher sein, dass Sven keine Schmerzen haben wird. Und er hat uns versprochen, sich sofort zu melden, wenn etwas passiert sein sollte!“
Eigentlich erwarteten nun bestimmt die Großeltern, dass sie sie jetzt benachrichttigen würden, wie es um Sven momentan stand. Aber dazu waren sie noch nicht gefasst genug, gönnten sich erst mal Stunden der Ruhe, um danach solchen aufwühlenden Gesprächen gewachsen zu sein.
Gegen Abend dann informierten sie die engsten Verwandten. Zum Glück waren diese so sensibel, sie nicht mit Beileidsbekundungen zu überfallen.
„Der Arzt hat recht. Für Sven wird alles noch Mögliche getan. Und wir sind immer für Euch da, wenn Ihr Hilfe braucht!“
„Danke!“, flüsterten die Beiden ins Telefon.
Nach diesem Gespräch saßen die Eltern noch lange auf.
„Wenn ich daran denke, wie sehr er sich schon auf das neue Fahrrad gefreut hat ….“, weinte die Mutter.
In der Nacht fanden sie kaum Schlaf. Die Gedanken an ihr Kind, dem nur noch wengie Tge gegönnt waren, hielten sie wach. Zu sehr waren sie in Gedanken bei ihrem Kind, dem nur noch wenige Tage gegönnt waren.
Anderntags führen sie wieder zur Klinik. Professor Gerten bat sie in sein Büro.
„Ich hätte Sie gleich angerufen! Gegen Morgen haben sich die Werte extrem verschlechtert ...“, teilte er ihnen mit.
Erstarrt schauten ihn die Eltern an.
"Bedeutet es, das er vielleicht übermorgen. morgen oder gar schon heute ...?
Bitte, sagen Sie uns die Wahrheit? Ist es schon soweit? Geht es vielleicht nur noch um Stunden?“
Ein Blick in seine Augen und sie wussten, dass sie diese Frage gar nicht mehr hätten stellen brauchen.
„Er ist augenblicklich ansprechbar. Möchten Sie zu ihm?“
„Ja, ach bitte, sofort!“
Professor Gerten begleitete sie fürsorglich den Gang entlang und aufs Zimmer, in dem ihr Kind mit dem Tod rang. Als Sven sie sah, flüsterte er:
„Mama, Papa! Ihr seid hier!“
„Ja, Sven und wir bleiben auch bei Dir!“
Sven schloss die Augen, er atmete unruhiger. Ungefähr nach einer halben Stunde derWortlosigkeit, in der der Junge die Anwesenheit seiner Eltern wohl nur noch gefühlsmäßig mitbekam, legte der Arzt beiden Eltern die Hand auf die Schulter und nickte.
„Es sind die letzten Minuten. Gleich wird er sanft einschlafen!“
Mutter und Vater hörten es, waren aber nicht imstande, zu antworten, sich für seine sensible Art zu bedanken. Wie, um ihren Sohn noch festzuhalten, schauten sie ihr Kind unverwandt an.
Auf einmal veränderte sich Svens Miene. Ein Strahlen glitt über das Gesicht des Jungen. Mit einer Stimme, die so ganz anders klang als die, mit der er vor einer halben Stunde geflüstert hatte, sagte er:
„Mama..Papa: Da, ein Engel! ... Er nimmt mich an die Hand … Ich sehe mein Fahrrad … Silbern wie aus Sternen … Mama, Papa, es ist so schön!“
Seine Eltern hielten sich umfangen, wollten noch etwas antworten. Aber es blieb keine Gelegenheit dazu. Sven war verstummt, verstummt für immer und mit jenem Strahlen auf dem Gesicht eingeschlafen. Sein sehnlicher Weihnachtswunsch, das Fahrrad, war ihm auf eine andere, wunderbare Weise erfüllt worden.
„Auch, wenn es für Sie jetzt furchtbar ist, Ihr Kind verloren zu haben, wird dieses Strahlen bei dem Gedanken an Sven für Sie Ihr Leben lang einen großen Trost bedeuten!“
Svens glückliche Miene und jene lieben Worte des Arztes vergaßen die Eltern nie mehr.