Debring
Von
speedygonzalez
Freitag 15.10.2021, 23:14
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
speedygonzalez
Freitag 15.10.2021, 23:14
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Prügelschwanger war es immer, wenn Sibbi ein größerer Junge in Reich-oder Sichtweite war. Das war ein rechter Tunichtgut und jedes Mal, wenn er auftauchte, gab es Ärger. Dann konnte aber auch sein, dass er es mit den anderen Älteren so verdorben hatte, dass die ihn regelrecht zusammenschlugen. Einmal bekam er dabei, das habe ich gesehen, eine biegsame Weidengerte durchs Gesicht gezogen, aber der Kerl konnte halt keine Ruhe geben.
Vom Schuberthof, dem äußeren Schubert, der am weitesten außen an der B22 Richtung Birkach lag, bekamen wir Milch und die mußte ich abends immer holen. Das war eigentlich ein netter Spaziergang. Vorn an der Aurach über einen kleinen Steg auf einem Fußpfad durch die Wiesen über den Wässerlesgrom, Entwässerungsgraben, in dem ich fast ertrunken wäre, bis zum Schuberthof und mit 2ltr Milch wieder heim. Bis Sibbi mich in der Dämmerung einmal zu fassen kriegte. Der war nicht nur 5 Jahre älter sondern auch viel stärker und sein Ruf als Raufbold tat ein übriges. Jedenfalls wollte er auf die Milchkanne scheißen. Was er auch tat und es blieb etwas dran hängen. Als Mutti das sah, nahm sie die Milchkanne und ging damit auf den Hof zu dessen Mutter. Mutti ist an und für sich sehr friedlich, konnte aber nötigenfalls kämpfen wie eine Löwin. Wir bekamen also neue Milch und Sibbi von seiner Mutter mit einem Besenstiel den Rücken poliert. Mein Gott, was hat sie den verprügelt. Hat er nie wieder getan.
Das mit dem Ertrinken war bei der Schneeschmelze, wenn die Aurach und der Wässerlesgrom die Fluten nicht mehr aufnehmen konnten und sich oberhalb der Landstraße von Debring nach Birkach ein Stausee bildete. Dann gurgelte das Wasser durch die Unterführungen und es gab keinen Weg durch die Wiese zum Schubert, sondern wir mussten die Landstraße nehmen. Als es dann wieder besser wurde, konnten mein Freund Karl, Herr Dieners Sohn und ich, wir gingen in die gleiche Schulklasse, wieder auf der Wiese spielen. Frizino und Herr Diener luden irgendwelches Zeugs auf ein Fuhrwerk. Karl und ich ließen Schiffchen fahren, unter der kleinen Brücke durch, die bis auf eine Handbreit Luft mit Schmelzwasser gefüllt war. Gurgelnd schoss die braune Brühe hindurch, nahm mein Schiffchen, irgendein Hölzchen mit und Karl stand am anderen Ende, um es wieder aufzufangen. Mein Schiffchen kam aber nicht und ich trat auf den nassen Balken vor der Brücke und beugte mich vor, um etwas sehen zu können. Weil das nicht ging, beugte ich mich noch weiter vor, rutschte ab, stürzte kopfüber in den Graben und kam noch vor der Mündung wieder hoch. Karl hatte mich am Band meiner Kappe gepackt, ich hielt mich an dem Balken angekrallt, meine Beine und der Rest wurden immer weiter in das Rohr gezogen. Herr Diener kam vom Fuhrwerk heruntergesprungen und wollte zu mir, als Frizino ihm in die Arme fiel und sagte: "Lass den Bankert doch versaufen!" Doch Herr Diener riss sich los und schaffte es mich aus dem Loch und dem reißenden Wasser herauszuziehen.
Das war Frizino.
An der Landstraße nach Würzburg, eben die zwischen Debring und Schubert, lag linkerhand ein Brunnenhäuschen, aber einen Brunnen gab es nicht darin. Wohl aber Panzerfäuste und ähnliche Utensilien aus dem Krieg, die dann aber bald verschwunden waren. Es war uns strengstens verboten, so etwas anzufassen. Hat Hansjosef aber dort nicht gestört, als er die Panzerfaust sah. Er meinte, die sei nicht mehr scharf und hat sie mehrmals an die Mauer geschlagen. Und wenn ...? Dann hätte es vielleicht noch eine Beerdigung gegeben. Vieleicht auch eine, von der ich nicht viel mitgekriegt hätte.
Die hätte es auch ohne das fast gegeben, denn im Sommer drauf, 47, war Hansjosef auch auf den Tod krank. Es muss irgendetwas mit dem Rücken-mark gewesen sein, ich weiß es nicht mehr. Jedenfalls war Pfarrer Eggert da und hat die Letzte Ölung gespendet. Schwester Edmunda, eine ganz hervorragende Krankenschwester der Elisabethinnen aus Stegaurach, die sich schon die ganze Zeit um Hansjosef kümmerte, liefen draußen im Gebet mit uns die Tränen über das Gesicht. Aber sie gab nicht auf und als alles ärztliches Wissen nicht mehr half, griff sie auf ein altes Hausmittel zurück und machte ihm Quarkkompressen. Quark, den wir nicht hatten, den sie aber auf dem Weg von Stegaurach zu uns nach Debring heraus, sehr bestimmt von den Bauern forderte und auch bekam. Ich glaube heute, dass das mit dem Respekt vor der Leistung des Chorleiters, der ein Jahr zuvor seine Tochter verloren hatte, zusammenhängt. Dadurch schien Hansjosef sich etwas zu erholen, aber als Vati dann am Sonntagmorgen, als wir uns zu Kirche fertigmachten, noch einmal bei ihm war und ihn so still da liegen sah, bekam er Angst. Er fühlte unter der Decke an seinen Beinen: keine Wärme mehr. Wie von Furien gehetzt jagte er mit dem Fahr-rad auf einen Karrenweg die 3 km zum Windfelder, wo unser Arzt wohnte und brüllte vom Hof aus nach ihm. Der kam mit Rasierschaum im Gesicht ans Fenster und als er hörte, wie es Hansjosef ging, kam er halbrasiert auf seinem Rad hinter Vati her getobt und konnte Hansjosef mit einer Spritze, ich weiß nicht was, retten. Dann ging es ihm langsam wieder besser und er war über dem Berg.
Bamberg, die Siebenhügelstadt, das fränkische Rom, wegen seines alten Rathauses mitten in der Regnitz und der flussabwärts liegenden Häuser auch Kleinvenedig genannt, hat auf jedem Hügel eine Kirche, wie auch in Rom. Davon sind der Dom mit seinen vier Türmen und zwei Absien eine Besonderheit. Dazu kommen noch die Standbilder des Bamberger Reiters, der Seherin Sibylle und dem Grabe Kaiser Heinrichs II und seiner Frau Kunigunde. Berühmt ist auch der Michelsberg, mit seinem Benediktiner kloster. Die Michelskirche ist in der Kuppel mit 600 unterschiedlichen Blättermotiven ausgemalt. In der Nacht vor meiner Firmung wurde in dieser Kirche eingebrochen und große Werte gestohlen. Was, weiß ich nicht mehr. Nur wir draußen in Stegaurach, hatten wieder etwas wovor man sich fürchten konnte. Die Mädels ließen da garkeinen Zweifel auf-kommen. Auch die Mähr von Ausbrechern aus dem Zuchthaus Ebrach ließen unsere Zeiten in den Wäldern manchmal recht kurz ausfallen. So brauchte auch nur einer im Wald draußen gehetzt flüstern: " a Moh, a Moh!" und die ganze Bande sauste wie wild davon.