Das Loch
Von
tastifix
Dienstag 09.08.2022, 08:17
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Von
tastifix
Dienstag 09.08.2022, 08:17
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Verärgert betrachte ich den Strumpf in meiner rechten Hand. Einen relativ neuen Strumpf. Soweit ich mich erinnere, erst drei Tage alt, schwarz, aus reiner Baumwolle und ein edles Markenfabrikat. Leider plagt mich bereits heute seinetwegen Frust. Eigentlich pflegen Strümpfe doch sehr an ihrer anderen Hälfte zu hängen. Aber ich finde nur diesen Einen. Sein Partner hat sich irgendwo versteckt, was er gar nicht nötig hat, weil er ja gleich apart und schick aussieht wie das Exemplar hier zwischen meinen Fingern. Noch gehe ich jedenfalls davon aus ...
Wo, verflixt, ist er geblieben? Warum nur verschwinden solche Dinger immer wieder und dann nur zu gerne auf Nimmerwiedersehen? Entweder verschluckt sie die Waschmaschine oder die Fußwärmer landen in irgendwelchen Zimmerecken. In denen verbleiben sie dann eine längere Weile unentdeckt und genießen sozusagen Urlaub. Langweilig wird es bestimmt nicht. Weitere Kumpels ihrer Sorte gesellen sich zu ihnen. Sie brauchen wohl gleichfalls, warum auch immer, dringend eine Pflichtpause.
Demnach sind Strümpfe sehr sozial veranlagt.Verweigert einer die Arbeit, verhilft er gleichzeitig seinem Zwilling zur Auszeit. Jedoch bringe ich es im Anblick dieses Einzenstrumpfes nicht fertig, dies noch lobend anzuerkennen. Nein, nicht schon wieder!!
Sauer durchwühle ich zuerst die Wäschekörbe, spurte danach nach oben und fahnde in sämtlichen Jugendzimmern nach dem Ausreißer. Eine Stunde später bin ich verschwitzt und groggy. Es hat nichts gebracht, das vermisste Ding bleibt wie vom Erdboden verschluckt.
Nix da! Aufgeben gilt nicht! Hartnäckig darum bemüht, endlich fündig zu werden, rutsche ich auf den Knien herum und schiele derweil auch in die tiefe Lücke zwischen Kleiderschrank und Wand. Ach nee! Dort liegt er ja, ganz weit hinten, in seiner mercerisierten Baumwollhaut leicht schimmernd und, wie ich mir einbilde, total ungetrübten Gewissens. (Haben auch Strümpfe etwa eines?) Noch entdecke ich an ihm nichts Auffälliges. Ich strecke den Arm lang vor und angele ihn unter leichtem Stöhnen aus der Lücke heraus.
Und dann sehe ich es! Genau dort, wo die Stoffferse hingehört, klafft ein kreisrundes Nichts, noch schwärzer als der Strumpf selber. Dieses so typisch leere Nichts gähnt mich provozierend an.
„Ein Loch! Ein Riesenloch in diesem fast fabrikneuen Strumpf!! - Aber, wieso nur?“
Hat vielleicht eine meiner Töchter ihrem Fuß aus Mitleid die Chance gegönnt, mal mit seinem Hühnerauge verfolgen zu können, wo eigentlich er herum spaziert? Na ja: Es erscheint mir denn doch als eher unwahrscheinlich. Kurz darauf komm ich auf des Rätsels Lösung.
Immer wieder hab ich dem Nachwuchs gepredigt, nicht auf Socken durchs Haus zu laufen, weil Strümpfe darunter leiden würden, sowohl was Sauberkeit als auch Konsistenz anginge. Aber echte Teenager ignorieren derartige mütterlichen Hinweise und pflegen jene Unsitte dann erst recht. Nur in Ausnahmefällen tragen sie Hausschuhe und ich mache mir prompt oft berechtigte Sorgen, dass mindestens eine Grippe, wenn nicht noch etwas Schlimmeres im Anzug ist.
Extra vornehmen Socken gebührt ein extra feierliches Begräbnis. Zumal dann, wenn sie bereits im zarten Alter von drei Tagen den Daseinsfaden verlieren. So landet das bedauernswerte Strumpfpaar nicht etwa in einem ordinären Plastikbehältnis, sondern in einer farblich zu den Verstorbenen passenden, also ebenfalls schwarzen Tüte einer Edelboutique.