Das einsame Zähnchen
Von
tastifix
Donnerstag 05.08.2021, 10:03
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
tastifix
Donnerstag 05.08.2021, 10:03
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Wie ungerecht! Die Milchzähne waren so winzig, mussten aber genauso kräftig zubeißen und soviel leisten wie später ihre großen Nachfolger und fielen trotzdem nach nur wenigen Jahren aus. Die Großen dagegen durften meist viele, viele Jahre im Mund verbringen.
Kurz bevor meine Enkelin in die Schule kam, war es soweit. Ich bekam einen Anruf:
„Omihiih, ich hab nen Wackelzahn!!“
Pflichtgemäß staunte ich durchs Kabel, wohl sehr beeindruckend, denn sie reagierte ausgesprochen zufrieden. Dagegen war das Wackelzähnchen, Happs genannt, ein paar Tage später überhaupt nicht mehr zufrieden, denn es musste einem schicken Schneidezahn Platz machen. Der arme Ding fiel raus. Einfach so. Dabei hatte der Happs noch Glück im Unglück, denn er landete nicht im Müll, sondern fand ein neues Zuhause in einer hübschen, mit einer mit einem tollen Tempotaschentuchlaken bezogenen Schwamm-Matratze gemütlich ausgelegten Blechdose.
Hm, auf der lag es sich recht weich und warm und, was ihm zunächst sehr gefiel, erwartete ihn dort auch keine Beiß- und Kauarbeit mehr. Zwei Tage genoss Happs die anhaltende Ruhe und Stille noch. Doch danach begann er sich zu langweilen. Nichts zu tun und keine Unterhaltung.
„T. hat doch Kekse gebacken: Warum spendiert sie mir nicht ´nen Krümel? Wäre ich wenigstens beschäftigt!“
Vor lauter Langeweile wurde er müde, schlief ein, lag dann dort fast noch regloser als ohnehin schon und träumte von Bratwürstchen und anderen Köstlichkeiten, die er zu zerkleinern half. Der Schlaf war lieb zu Happs und gönnte ihm vier tolle Tage im Traumland. Aber dann ...
Wie gemein! Er war gerade dabei gewesen, ein Traumkotelett durchzubeißen und hatte den Triumph noch ein bisschen länger stolz genießen wollen. War wohl nix! In der dunklen Dose wurde es plötzlich taghell und eine Kinderhand schob ein kleines weißes Etwas herein, das dann in einer Ecke erst mal still liegen blieb. Der Deckel wurde wieder aufgelegt und es war wieder düster. Aber denn doch nicht so dunkel, als dass das Neue, Knabbi mit Namen, Happs nicht hätte erkennen können. Der lag ihm nämlich genau gegenüber.
„Wie kommst Du denn hierher?“, fragte Knabbi schüchtern.
„Na, genauso wie Du!“, war Happs noch etwas schläfrige Antwort.
„Dann bist Du auch ein T.-Zahn, stimmts?“
„Erraten!!“
Prompt mochten sie sich gut leiden und erzählten sich über ihre Beiß-Abenteuer. Als sie nach einigen Tagen damit fertig waren, öffnete sich erneut die Dose und ein weiteres Zähnchen purzelte herein. Nach und nach leisteten ihnen immer mehr Winzig-Zähne Gesellschaft. Ale freuten sich darüber, aber besonders Happs, der ja am längsten von ihnen in der Dose allein gewesen war. Er würde sich nie wieder langweilen müssen.