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Böla Sester!

Von tastifix Samstag 13.08.2022, 13:15

Ach, wie erholsam ist doch ein Nachmittag im engsten Familienkreis. Je kleiner der Kreis, umso erholsamer. Waren wie bei uns nur Papa, Mama und zwei Kleinkinder mit von der Partie, bedeutet es doch Glück und Frieden pur. Tja, als noch sehr unbedarfte Eltern freuten wir uns auf ein stressfreies Wochenende. Wie allerdings traute Stunden enden können, bewies uns der ersehnte Samstag.

Zunächst lief alles bestens. Wir spielten im Wohnzimmer mit den beiden Töchtern oder sahen zu, welche aparten Duplo- oder auch Lego-Häuser sie errichteten. Manchen fehlten zwar die Türen, aber die Architektinnen würden sicherlich noch für Strickleitern sorgen. Kindliche Fantasie kennt ja keine Grenzen. Mit Feuereifer waren S. (5J.) und N. (2 1/2J.) bei der Sache. Es entstanden die eigentümlichsten Bauten. Die Zwei strahlten vor Stolz und ließen sich keinesfalls von uns verunsichern, die wir zögerlich auf mögliche statische Probleme hinwiesen.
„Allet hichtig!", versicherte N. .
Sie bedient sich zeitweise noch der Babysprache.
„Gar nicht wahr!", widersprach S..
In ihrer Stimme schwang Mitleid mit den so erschreckend unkundigen Eltern.
„Ihr habt keine Ahnung!"
Es traf tief. Wir verstummten.

Das Häusermeer war fertig. Doch jeder Ort hat Straßen und auf denen fahren Autos. Dies wusste schon N.. Selbst für einen dermaßen gelenkigen Zweikäsehoch wie sie wurde das Hocken auf dem Teppich nach einer Weile ziemlich unbequem und sie schaute sich, unterstützt von der älteren Schwester, fix nach einem geeigneteren Bauplatz um. Ihr prüfender Blick fiel ausgerechnet auf den Couchtisch, mit meinem Rosenthal-Porzellan geschmückt. Prompt planten unsere Töchter zwischen den Kuchentellern und Untertassen Straßen und Gassen. Uns wurde so allmählich mulmig zumute. Frustriert verabschiedete ich mich gedanklich von meinem Lieblingsservice. Na ja, es tröstete denn doch etwas, dass ich mich immerhin einige Jahre daran hatte erfreuen dürfen.
´Irgendwann findet eben alles sein Ende!`, seufze ich im Stillen.

Derweil sausten Lego- und Duplo-Gefährte in rasendem Tempo quer über den Tisch, umrundeten unablässig Tassen sowie Teller. Der Anblick machte mich fertig. Ich vergass fast das Atmen. Auch der Papa wurde sichtlich unruhig. Bestimmt fragte er sich, ob die Zwei wenigstens die wichtigsten Verkehrsregeln beherrschten, dann zum Wohle unserer Nerven und auch des Porzellans. Es schien fast wie ein Wunder: Weder fiel etwas zu Boden noch beobachteten wir Auffahrunfälle. Dennoch erinnerten wir uns nach dem ersten Schock der Erziehungspflichten.
„Das dürfen wir nicht durchgehen lassen!", raunte ich meinem Mann zu.
Der nickte. Aber laut der Elternzeitschrift durfte man Kinder nicht heftig zurechtweisen, denn sonst tragen sie einen Schock fürs ganze Leben davon. Dies wiederum wollten wir auf keinen Fall verantworten müssen. Deshalb folgten nur vorsichtige Hinweise:
„Wäre es nicht besser, die Stadt in euer Kinderzimmer zu verlegen?"
Und fügten hinterlistig hinzu:
„Ist viel mehr Platz und ihr könnt prima Autobahnen bauen!"
Von wegen! Stur bestanden sie darauf, in unserer Nähe zu spielen, ließen sich aber denn doch dazu überreden, ihre Stadt zurück auf den Teppich zu verfrachten.

Wir atmeten auf. Zu früh gefreut! Denn dann sausten die Autos wild durcheinander. Dort störte ja kein Porzellan, um das sie sich herum hätten herum schlängeln müssten. Alles an Zusammenstößen wurde nachgeholt, was zuvor erstaunlicherweise ausgeblieben war.
„Das macht die N. extra. Die will mir das Auto kaputtmachen!", beschwerte sich S..
„Is dar nich wahr! Du bis doof!", schleuderte N. mutig der Älteren entgegen.
Darauf S.:
„Mama, die hat ´doof`` zu mir gesagt!"
Und zu N.:
„Selber doof!"
Die Zwei zankten sich wie die Rohrspatzen. Gemütlicher Nachmittag ade, Stress hallo! Unsere Nerven flatterten.
„Herrgott, lass es Abend werden!"

Der Kampf zu unseren Füßen eskalierte. N. hatte es auf ein Auto abgesehen, mit dem S. in wahnwitzigem Tempo durch die Straßen und ab und zu auch, selbstverständlich nur ´aus Versehen`, durch die Häuser. In der Lego-Stadt herrschten wohl besondere Regeln. Entsetzt stellten wir fest, dass Verstöße gegen die Straßenverkehrsordnung von den Playmobilpolizisten überhaupt nicht geahndet wurden. S.`Auto war knallrot, N.`s Lieblingsfarbe. Also wollte sie es ihrer Schwester mopsen, griff keck zu, aber S. hielt fest. Zwei Kinderhände umklammerten je ein Ende des Autos, das den zweiseitigen Angriff tatsächlich als Eintel überstand. Lego ist eben ein gut konzipiertes Spielzeug.

N. spürte zunehmend die Überlegenheit der älteren Schwester. Die kammte eben schon viel mehr Tricks. Wutentbrannt rappelte sie sich hoch, brüllte wie am Spieß, raste an uns vorbei aus dem Wohnzimmer und schrie:
„Böla Sester!!"
Sie knallte die Zimmertür von außen mit einer solchen Wucht zu, dass die fast aus den Angeln sprang. Wir wandten uns S. zu, die fassungslos hinter Schwesterchen her starrte. So etwas hatte sich die Kleine ihr gegenüber noch nie getraut. Noch nicht mal eine passende Antwort fiel ihr ein!
„Dies ist die Grundsteinlegung zu einer wahrlich innigen Freundschaft!", flüsterte ich dem Papa zu.
Um S.` Seele zu schonen, bemühten wir uns verzweifelt um ernste Mienen. Erst, als auch sie, dann genauso sauer, aus dem Wohnzimmer rannte, lachten wir Tränen.

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