Baby Dr. X
Von
tastifix
Donnerstag 01.07.2021, 00:17
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tastifix
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Ich sitze in einem gemütlichen Gartencafe und beobachte am Nebentisch eine junge Frau. Ihr Baby, ein Junge, ist etwa sieben Monate alt. Eine Zeitlang strampelt der Kleine vergnügt im Kinderwagen herum, was die Mama sichtlich zufrieden stimmt und mit Wonne die Tasse Kaffee sowie den Kuchen genießen lässt. Kurz darauf schiebt sie den leeren Teller zur Seite, greift in ihre Tasche und vertieft sich in einen Schulhefter. Sofort denke ich an Chemie oder Physik und verdränge schleunigst alle hochsteigenden Erinnerungen an die betreffenden Schulstunden auf dem Lyzeum.
Derweil kräht ihr Mini eher ausgesprochen ungnädig herum. Ich kann ihn verstehen, denn am Himmel nur auf so ein paar doofe weiße Wolken zu blinzeln, wird recht schnell langweilig und er wünscht sich Ablenkung. Seine Mama-Kammerzofe reagiert gut erzogen, hebt den Schreihals aus dem Wagen, woraufhin dieser prompt verstummt und gnädig guckt.
Jedoch ist noch arger Frust vorprogrammiert: Liebevoll setzt ihn die Mama sich auf den Schoß, verteilt Küsschen rechts und links und noch einen zarten Handkuss obendrein. Den Kuss rechts nimmt der Sprössling mit Freude entgegen und patscht ihr noch freudvoller mit der Hand durchs Gesicht. Dem zweiten dagegen versucht er vergeblich auszuweichen. Den Handkuss quittiert er mit einem gequälten Seitenblick. Wenn Baby geahnt hätte, was ihm anschließend beschieden sein sollte, hätte es sich wahrscheinlich tausend Handküsse auf einmal gewünscht.
Seine Mama zählt zur ehrgeizigen Sorte, ehrgeizig mit sich selber und genauso ehrgeizig mit dem Sprössling. Wahrscheinlich hat sie in der Elternzeitschrift gelesen, dass man mit der Förderung der Kleinen gar nicht früh genug beginnen kann. Sie hält dem Baby tatsächlich das Formelsammelsurium vors Gesicht. Na ja, einen Moment lang findet es das recht interessant, denn das Papier raschelt so schön. Aber selbst das eindruckvollste Rascheln verliert fix den Reiz, wenn den kleinen Händen nicht der Spaß gegönnt wird, das Papier zu zerknittern. Die Mama befürchtet wohl zu Recht, dass als Ergebnis des dann ziemlich lustigen Zeitvertreibes keine exakten geometrischen Figuren entstehen würden. Also umklammert sie unerbittlich die Patschfinger und vereitelt dem Nachwuchs so jeglichen Kreativitätsversuch.
In den nächsten Minuten bekomme ich eine kostenlose Nachhilfestunde in Mathe. Ich lausche aufmerksam und höre auch alles, denn, weil Baby eine die Ohren bedeckende Sommermütze trägt, rezitiert die Mama in beachtlicher Lautstärke:
„A zum Quadrat plus B zum Quadrat ...“
Baby sind die Quadrate schimpflich egal. Es mag die Laute nicht, quäkt los, erntet daraufhin ein drittes Küsschen, diesmal auf die Nasenspitze und die Mama fährt fort:
„ ... ergibt C zum Quadrat!“
´Richtig!`, denke ich anerkennend. ´Stimmt auffallend!`
Aber dem Sprössling geht die vorgezogene Mathestunde zunehmend auf den Wecker. Weder Küsse noch nachfolgende Streicheleinheiten beruhigen ihn noch. Dagegen protestiert er gegen die Geistesfolter mit einem ohrenbetäubenden Gebrüll.
„Bäääh!!!“
Die Mama will sich, garantiert mehr als deprimiert ob des fehlenden wissenschaftlichen Interesses ihres zukünftigen Prof. Dr. Dr. usw... keine Blöße geben, blickt betont gelassen in die Runde und steckt dem Kleinen den Schnuller in den Mund. Daraufhin beschäftigt sich der, sofort besänftigt, ausgesprochen babytypisch mit der Überprüfung der Ablutsch-Qualitäten der Beruhigungsmuntel. Garantiert redet sich die junge Mama ein, dass ihr Baby ein Spätzünder ist und das ersehnte wissenschaftliche Interesse denn eben später umso drängender einsetzen und zudem in die ersehnte Richtung vorpreschen wird ...