Angekommen?
Von
Heha45
Dienstag 09.11.2021, 14:12
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
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Heha45
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Wo ist Anne meine alte holländische Freundin? Wir kennen uns seit über 50 Jahren und sahen uns in unregelmäßigen Abständen immer wieder. Anne wurde Mutter von 5 Jungs, nach Dreien sollte eigentlich Schluss sein. Das letzte Baby wurde mein Patenkind weil sich niemand in der Verwandtschaft fand, der diese Aufgabe übernehmen wollte.
Anfangs besuchte sie mich mit Frank ihrem Mann, ein Ekel von Mensch der keinen Widerspruch duldet. Er bedrängte seine Schwägerin Eva als seine Frau im Krankenhaus lag, sie war geschockt und brach den Kontakt zu ihrer Schwester ab. Anne glaubte ihrem Mann: „Die lügt“, behauptete er. Es tat mir weh, wie er seine Frau behandelte, ein Macho durch und durch. Weiterhin besuchte ich Anne und mein Patenkind bis es verunglückte. Jan fuhr mit seinem Motorrad auf schnurgrader Straße in die Leitplanke und war auf der Stelle tot. Von da an veränderte sich meine Freundin. Der jüngste Sohn war ihr Liebling, die anderen Söhne kamen nicht mehr. Frank verwies sie des Hauses weil sie nicht so funktionierten, wie er sich das vorstellte. Anne litt darunter, wehrte sich nicht.
Danach wurde sie wunderlich, redete wirres Zeug und war nicht zu bremsen, ganz gegen ihre Natur. Früher saß gerne auf dem Sofa, bewegte sich nur wenn es sein musste und nahm an Gewicht zu, nun lieft sie ruhelos umher. Frank war ratlos, er bekam sie nicht mehr in den Griff, was mich freute. Sie legte Schallplatten auf, immer wieder dieselbe Weihnachtsmusik schallte durchs Haus, im Hochsommer. Mit mir sah sie sich alte Fotos an, erzählte dazu von früher. Geduldig hörte ich zu, verstand aber nichts, ihren Gedankensprüngen konnte ich nicht folgen.
Bei meinem nächsten Besuch öffnete Frank die Tür, lässt mich draußen stehen und sagt: „ Anne ist im Heim, sie hat mich mit einem Messer angegriffen“. „In welchem Heim?“ „Die erkennt niemanden, das wird nix mehr, “ bekam ich zur Antwort und die Tür wurde geschlossen. Verdutzt fahre ich nach Hause. Von dort rufe ich Frank an und frage nochmal nach der Heimadresse. Diesmal bekomme ich sie mit dem Hinweis, wegen Corona darf kein Besuch hinein.
Einige Zeit später werden die strengen Maßnahmen gelockert und ich fahre zum Pflegeheim. Trotz Mundschutz erkennt Anne mich sofort, sie stellt mich ihren verwirrten Mitbewohnern vor: „ Das ist meine Freundin Helga.“ Nach lichten Momenten gleitet sie in die Vergangenheit, redet deutsch-holländischen Kauderwelsch. Als ich mich verabschiede, will sie mit. Eine freundliche Pflegerin hält sie zurück und meint, ich solle Anne auch weiterhin besuchen, das sei wichtig. Diesen hilflosen flehenden Blick meiner alten Freundin werde ich nie vergessen. Wieder gab es Besuchsverbot wegen der Pandemie und als endlich gelockert wurde, war Anne nicht mehr dort. Wo ist sie? Mir verweigerte man die Auskunft, ich bin nicht verwandt. Als ich Frank anrief legte er sofort auf.
Annes Schwester Eva fällt mir ein, ihre Adresse finde ich im Internet. Obwohl sie keinen Kontakt mehr hat, will sie mir helfen Anne zu finden. Mittlerweile verging ein Jahr, dann meldete sich Eva: „Anne wohnt hier ganz in der Nähe.“ Sofort fahre ich über die Grenze nach Heerlen, finde das Pflegeheim und stehe an der Rezeption.
Kein Problem, mit Mundschutz darf ich hinein. „Aber sie wird sie nicht erkennen“, warnt mich eine Pflegerin. Eine kleine alte Frau blickt mich an und durch mich hindurch. Anne sitzt am Fenster ganz entspannt. Zufrieden sieht sie aus, mir scheint sie ist endlich angekommen.