Abends im Nobelrestaurant
Von
tastifix
21.08.2022, 12:32 – geändert Mittwoch 09.11.2022, 19:49
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Von
tastifix
21.08.2022, 12:32 – geändert Mittwoch 09.11.2022, 19:49
Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten
Frau Wuttke trägt ein schreiend buntes Minikleid und 8cm-Absatz-Schuhe, stakst auffällig unsicher einher und erntet spöttische Blicke. Ihr Mann ein grellrotem Jacket zur verwaschenen Jeans und glaubt sich dem Anlass völlig angemessen gekleidet. Der dreifache Nachwuchs, Klein-, Schulkind und Twen folgen im Anti-Sonntagsausgehlook.
Klein-Ina bringt den halben Sandkasten mit, Lehmkrusten auf dem zerknitterten T-Shirt und der verbeulten Hose. Die Schuhe sind total verdreckt.
Schulkind Moni tritt als Tintenfleck-Dalmatiner auf. Blaue Kleckse stehen für Fleiß und sind lobenswert. Bloß keine sauberen Fingernägel. Es wäre untypisch.
Tven Sven latscht mit gestreift gefärbten Haaren hinterdrein. Die sechs blitzenden Ohrstecker und das schwarze Stachelhalsband ziehen die Blicke noch zusätzlich auf sich.
Wuttkes laufen also durch den noblen Saal. Vorneweg bemüht sich Madame verzweifelt, die Balance zu halten. Gleichfalls auf Stil bedacht, folgt ihr Monsieur im Macho-Cowboy-Gang. Die Kinder schlurfen gelangweilt hinterdrein. Verstohlen reiben sich die Gäste die Augen, mustern die Neuen schockiert, tuscheln und ereifern sich in Selbstgefälligkeit. Sie selber wissen ja, was sich geziemt.
Es stört die Familie nicht. Ob der dollen Beachtung weicht die Langeweile in den Gesichtern des Nachwuchses einem stolzen Strahlen. Bester Laune laufen sie an der Tischreihe entlang. Dann geht ein Aufatmen durch den Saal. Die Aliens haben endlich ihre Plätze gefunden. Das Risiko eines peinlichen Kontaktes ist somit gebannt. Man wendet sich wieder dem Rehrücken oder auch Hasenbraten zu. Ist auch anzuraten, denn sonst müsste man die gar kalt verspeisen. Die versnobten Gäste ahnen ja nicht, was sie noch alles erwartet ...
Wuttkes ist piekfeiner Benimm total egal. So poltern dann die Stühle knarrend übers wertvolle Parkett. Die Eltern lassen sich auf sie nieder plumpsen, die Kinderschar ebenso. Leider stimmt der Abstand zum Tisch noch nicht und das Ganze geht vor vorn los. Endlich passt es danach. Längs der Wand harren Kellner aus, wie Statuen postiert. Sie beweisen weitaus mehr Haltung als dann Wuttkes. Die haben Hunger, aber die Speisekarte ist auf Französisch gehalten. Obwohl null Ahnung, was sich dahinter verbirgt, picken sie fünf Mahlzeiten mit besonders attraktiven Namen heraus und Herr Wuttke schreit dröhnend ´Ober!`durch den Saal. Eigentlich möchten Kellner lieber dezent per leisem Zuruf und/oder flehender Geste mit der Hand, weil noch leiser, heran gebeten werden. Doch jetzt schrecken sie aus dem Stand-Nickerchen auf und einer sprintet, gequält lächelnd, denn hinzu. Der Arme muss sich mit ganz viel blühender Fantasie zusammen reimen, was denn Familie Wuttke zu speisen wünscht. Zum Glück kann er gut kombinieren. Nur deshalb dürfen sich Wuttkes sicher sein, wirklich etwas von dem zu bekommen, was auf der Karte steht.
Selbst die Wartezeit ist vornehm lang. Zu lang für den Nachwuchs, der allmählich aufmuckt. Nesthäkchen Ina imitiert mürrisch gefährlich gut den Zappelphilipp aus dem Struwwelpeter. Dann ist es fast soweit. Sich In letzter Sekunde am Tischtuch festklammernd, bewahrt sie sich vor einem peinlichen Unfall. Klar rutschen Gläser und Teller und Besteckteile fallen zu Boden. Die Kleine schiebt sie mit dem Schuh heimlich noch ein wenig hin und her, angelt sie aber denn doch wieder nach oben und lässt sie zurück auf den Teller klatschen. Danach sucht sie neuen Zeitvertreib und tritt mit Wonne Moni gegen das Schienbein. Die lässt sich das nicht gefallen, holt aus und Inas Wange rötet sich. Lautes Gebrüll der Kleinen. Alle Umsitzenden verfolgen das Geschehen. Nein, also wirklich und so etwas hier!! Mama Wuttke lässt ihren Nachwuchs die Plätze wechseln. Ein geliebtes Drittel rechts von ihr, das andere links. Gegenseitige Spontanangriffe sind damit verhindert. Aber nun startet ein hochnotpeinliches Wortgefecht.
„Arschgeige!“ „Pinkelbaby!“ und und und ...
„Immerhin“, meinen die Eltern, „eine tolle Phantasie und Ausdauer!“
Der weit ältere Sven besticht dann auf erheblich ausgefeiltere Weise. Erstens hatte er diesen Abend in einer Punk-Disko mit ein paar tollen Bienen verbringen wollen. Zweitens geht ihm das schrecklich vornehme Getue gehörig auf den Keks und außerdem ist in diesem Schuppen nur tote Hose. Also extrem sauer, beschränkt sich seine Kompromissbereitschaft allein noch aufs Notwendigste. Nein, nicht mit ihm, dem einzig vernunftbegabten Wesen in dieser Gesellschaft hoffnungslos degenerierter Mitgeschöpfe!
Man vernimmt von ihm fast nur noch ´Scheiße!`, ´Bescheuert!` und vor allem ´Gehirnamputiert!`. Seine wirklichen intellektuellen Fähigkeiten verbirgt dieser Hoffnungsträger seiner Eltern meisterhaft in eher angeborener Bescheidenheit. Dafür braucht es aber nicht viel Anstrengung. Mama und Papa Wuttke denken nicht daran, ihn zurechtzuweisen. Wie gut nur, dass die Wartezeit gerade ihr Ende findet. Schon rauschen fünf Kellner mit unter hohen, silbrig glänzenden Hauben versteckten Tellern heran. Wuttkes rechnen erfreut mit tollen Portionen wie im sagenumwobenen Schlaraffenland. Aber:
„Es ist nicht alles Gold oder Silber, was glänzt.“
Nein, denn da liegen nur ein winziges Stück Fleisch, zwei Nudeln plus ein Esslöffel Gemüse, drei Erbsen plus vier Minimöhren - eindeutig aus der Dose. Fassungslos betrachtet Sven diese Speisenmikroskopausgae:
„Wat soll dat denn sein ...?“
Moni zählt laut nach:
„Eine Erbse, noch eine Erbse ...“
Es sind tatsächlich drei. Auch das Additionsergebnis bei der Anwesenheitskontrolle der Möhren reißt sie zu wahren Begeisterungsstürmen hin. Mensch, ist ja nur ein Fünftel dessen, was sie in der Pommesbude essen könnte. Ina fällt kalten Herzens ihr Urteil:
„Ich will zu MacDonalds!“
Mama und Papa Wuttke versprechen rasch den direkt anschließenden Besuch jener Futterhütte.
In der nachfolgenden halben Stunde beweist Sven sein Schimpfwörterrepertoire. Soviel Wisssen haben die Eltern ihm gar nicht zugetraut. Moni zerteilt derweil die Möhren, stellt besänftigt fest, dass nun acht Möhren da liegen und siehts nicht ein, noch länger mit Sven um die Wette zu schimpfen. Klein-Ina stochert lustlos im Essen herum und bildet sich bei jedem Bissen ein, es sei eine Pommes.
Jetzt noch gutes Benehmen vorzugaukeln, wäre nur lächrlich. Es wird drauflos gekleckert. Nach Beendigung des Mahles ist das Tischtuch zur Pseudo-Speisekarte befördert. Die echte liegt unter einem der Stühle. Weil ja Ton-in-Ton als edel gilt, hat unsere Familie Mitleid mit den neben dem bunt gesprenkelten Tischtuch farblich verblassenden Servietten und entfernt mit deren Hilfe das Menüverzeichnis auf den Gesichtern. Die Servietten passen wieder zur Tischdecke.
Aufatmend stellen Alle im Saal fest: Die Aliens planen den Aufbruch. Der Ober strahlt und will fix kassieren. Doch wird nicht bezahlt und es gibt darum auch kein Trinkgeld. Dagegen zeigt ihm Herr Wuttke einen zerknitterten Zettel:
„Gutschein für ein Essen mit der ganzen Familie.“
Ohne seine Reaktion abzuwarten, räumen Wuttkes das noble Feld. Der Ober starrt mit offenem Mund hinter ihnen her.