9Eure-Tickets und die Folgen
Von
tastifix
28.08.2022, 20:25 – geändert Montag 29.08.2022, 09:33
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tastifix
28.08.2022, 20:25 – geändert Montag 29.08.2022, 09:33
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Der Bahnsteig war gerammelt voll.
„Hääh? Was ist denn hier los?“
„Wissen Se dat etwa nich?“
„Nein, was denn?“
Klaus, den älteren Mann, traf ein mitleidiger Blick.
´Der lebt hinterm Mond!`, dachte Markus, der viel jüngere.
„Also: Jetzt dürfen Se janz billig durch Deutschland kurven. Abaa nur per Nahverkehrszug!“
„Die sind doch dann dreimal so lange unterwegs, bis die Leut endlich dort sind, wo sie hin wollen!“
Klaus schüttelte den Kopf.
„Und deshalb machen die solch einen Aufstand?“
„Nicht vergessen: Macht den jemand nich mit, issa out!“, erklärte Markus.
Klaus:
„Stellen Sie sich nur mal vor, das Ziel liegt mehrere Stunden entfernt und jemand will nur drei Tage unterwegs sein. Dem bleibt dann höchstens noch ein Tag zum Bummeln!“
Markus zuckte die Schultern.
„Wie weit wollen Se denn fahren?“
„Nur vier Stationen, bin froh, wenn ich wieder aussteigen kann, wenn ich so sehe, wie verrückt die sich hier benehmen! Gut, dass ich dagegen mein Ticket 2000 und eine Bahnkarte hab! - Und Sie?“, fragte Klaus.
„Fahrt ins Blaue. Mal gucken, wo ich Zwischenstopp mache!“
„Viel Spaß dann!“
„Auch so!“, antwortete Markus.
Schon bog der Zug um die letzte Kurve. Es schien fast so, schien als ob er erst die Menschenmenge zur Seite schieben müsste, um überhaupt durchzukommen. Dann zuzuschauen, was ablief, als er denn endlich hielt, erforderte gute Nerven. Mütter hievten ihre Kleinkinder hastig auf den Arm. Väter schnappten sich derweil die Koffer und nahmen Order ihrer anderen Hälfte entgegen, wie sie bitte - oder auch gefälligst - dem Vordermann noch passend viele Plätze abzuluchsen hätten.
Es herrschte ein furchtbares Chaos. Erwachsene wurden zu Furien, falls denn kein … Oder wählten, ein wenig zivilisierter, die sanftere Methode und plumpsten auf den nächstbesten Schoss, was dessen Besitzer aber nur in Ausnahmefällen erfreute. Meist jedoch ernteten sie von denen lautstark empörten Protest. Übrigens ungeachtet dessen, auf welche Art sie sich selber zuvor ihren Sitzplatzthron erkämpft hatten. Anders gesagt: Dort hockten dann so einige beleidigte Leberwürste.
„Unverschämtheit!“
„Sofort ´runter hier!“
„Was fällt Ihnen denn ein? Halten Sie sich gefälligst an den Stangen dort fest, nicht an mir!!“
„Wenn Se nich sofort uffstehen, hol ick den Schaffner!“
„Guck ich gern zu, wie Sie das anstellen wollen bei der Enge!“, kam die freche Antwort, die dann vor ungläubigem Staunen unbeantwortet blieb und - so auch der Schoss besetzt.
Klaus flehte im Stillen darum, dass dieser unerwartete übervolle Kelch mit anscheinend Durchgedrehten sich denn doch wenigstens rasch so weit leeren würde, dass er springend rechtzeitig dieser Sardinenbüchse entfliehen könnte. Ab und an hilft das Flehen tatsächlich. An der Station vor seinem Ziel entschied sich eine Familie wohl, direkt vor der rettenden Tür zur freiheitlichen Seligkeit postiert, das Ganze mit Rücksicht auf Gesundheit und Nerven abzubrechen und vielleicht besser einen geruhsamen Spaziergang durch den nahen Park zu genießen. Klaus war ihnen über alle Maßen dankbar, schnellte hoch, spurtete zur Tür und übte sich dann eine Station später im Weitsprung, der dann sehr lobenswert weit ausfiel.
´Was doch spontane Glücksgefühle so bewirken können!`, murmelte er noch, schlenderte zum nächst gelegenen Cafe und gönnte sich einen großen Eisbecher mit Sahne - in aller Ruhe.