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Kinderphantasien

Sie erinnerte sich noch genau. Die schmale Schotterstraße mit Pinien und dann das Hotel gegen den Berg. Weiß getüncht mit rotem Dach im kapholländischen Stil, mit zwei Vorbauten an jeder Seite. Die Straße machte einen Bogen, um dann in einem Kreis wieder zurückzuführen. In der Mitte waren ein Schwimmbad und grüner Rasen. Überall Cannas in dem wunderschön angelegten Garten.
Was ihr jedoch damals Angst gemacht hatte, war die Äußerung ihres Vaters, er kannte den Ort. Noch nie war er jemals da gewesen, doch beschrieb er Bauten, die nicht mehr zu sehen waren, beschrieb Ställe, die als Wohnzimmer ausgebaut wurden und auch die Molkerei, mit einem unterirdischen Flüsschen. Der Eigentümer, ein Schotte, war entsetzt über die Beschreibung, denn genau so war es, aber vor 100 Jahren!
Irgendetwas stimmte mit dem Hotel nicht. Außerdem waren überhaupt keine Gäste da. Sie waren damals allein. Ihr Zimmer lag im zweiten Stock, in einer Art Nische, mit dem Blick nach hinten auf den Berg und einen Teich. Man hatte das Gefühl, dass man nicht allein war. Überall war die Gegenwart von etwas, nur sah man nichts. Nachts knirschte der Holzfußboden so, als ob jemand darauf herumlief. Sogar die alte Standuhr im Flur kündigte Unheil an. Nur passierte nichts. Es waren wahrscheinlich Kinderphantasien, die gerne das Unheimliche hinaufbeschworen.

Jedoch überkam sie ein herrliches Gefühl des Gruselns, als sie an einem Tag einen geheimnisvollen Gang entdeckte, der mit einem sehr niedrigen Türchen endete, unterhalb der Treppe. Er war so niedrig, dass Erwachsene sich nur tief gebückt darin bewegen konnten, aber sie konnte mit Hilfe einer Taschenlampe tief hineinkriechen. Es war kalt in dem Gang, und sie musste ständig Spinngewebe wegwischen. Auf jeder Seite waren merkwürdige Schubladen zu erkennen, die verrostete Messinggriffe hatten. Der Versuch, eine Schublade aufzuziehen missglückte jedoch. Sie saß fest. Dann war da plötzlich ein zweiter Gang, der links abbog. Sie stand wie versteinert da und wusste nicht, was sie machen sollte. Sollte sie darin rein gehen oder nicht? Eine innere Stimme riet ihr jedoch, lieber geradeaus zu gehen. Wer weiß, wo der hinführte! Der Gang, in dem sie sich bewegte, wurde noch niedriger, um dann plötzlich mit einem Holzfenster zu enden.

Was dann geschah, war herrlich. Sie drückte gegen das Fenster mit ihrem vollen Gewicht, es flog auf, sie dadurch, um mitten in einem Bügelraum zu landen, wo nur noch Staubwolken die Gegenwart von einigen Schwarzen, die dort bügelten, zeigten. Das Geschrei wollte überhaupt nicht mehr verstummen! Glücklicherweise hatte sie sich nicht verletzt, und so konnte sie, völlig verstaubt und mit Spinngewebe beklebt, wieder aufstehen. Was nun aber dieser Gang war, wo er hinführte und was er zu bedeuten hatte, hatte sie nie erfahren. Das Geheimnis blieb bis zum heutigen Tag.

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