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Reparatur aus Liebe

Von tastifix Dienstag 15.01.2019, 11:58 – geändert Dienstag 15.01.2019, 15:11

Es geht es um ein besonders junges Liebespärchen ...

Gerade mal den Kinderschuhen entflohen, sind Manuela sechzehn und Jürgen fünfzehn Jahre alt. Beide gehen noch zur Schule und lernen sich auf einer Klassenfete kennen. Als sich Manuela später nach vielen Jahren, als sie längst getrennte Lebenswege beschritten, an ihren ersten Blick in Jürgens grüne Augen erinnerte, lächelte sie verschmitzt vor sich hin.

Nicht allein deshalb, weil sie sich auf Anhieb mochten, sondern auch, weil es galt, beim Tanzen unten ja die Füße richtig zu sortieren:
„Ein Schritt vor, zwei zur Seite, dann ein Schritt nach hinten und wieder von vorne!"
Wehe, Manuela hatte sich verzählt! Dann stolperte sie zuerst über die eigenen, danach über Jürgens Füße, der als Möchtegern-Kavalier angestrengt seine Mimik unter Kontrolle hielt und sich den Spitze-Absätze-Schmerz heldenhaft verbiss. Zum Glück hing Manuela fest in seinem Arm, so dass sie während der Drehungen weder der Länge nach hin flog noch sich unsäglich vor den Anderen blamierte.

Nach gemeinsamem Durchstehen der für ihr Halberwachsenen-Image so gefährlichen Situation mochten sie sich noch mehr und verguckten sich ineinander. Als dann ihre junge Liebe bereits mehrere Monate währte, stellte Manuela stolz Jürgen ihren Eltern vor, denn er war ein sehr nett aussehender, intelligenter Junge. Ihr Freund gab sich so charmant wie noch nie, denn er wollte erstens Manuela und zweitens vor allem Manuelas Mutter imponieren. Diese war auch prompt von ihm begeistert und Töchterchen demzufolge im siebenten Himmel.

Leider schwamm aber ein kleines Härchen in der Sympathie-Suppe. Manuela sah jünger aus als sie war. Jürgen zählte gar erst fünfzehn Lenze und sah dummerweise nooch jünger aus. Manuelas Eltern fanden es peinlich:
„Ihr seht zusammen aus wie zwei Zehnjährige! Was sollen bloß die Leute denken?"
Manuelas älterer Bruder verkniff es sich nicht und frotzelte nach Kräften herum, immer wieder. Seine kleine Schwester war deswegen sehr sauer und erzählte alles brühwarm Jürgen, der dann wütend darüber grübelte, wie er das Schon-fast-Erwachsensein beweisen und damit sein Ansehen retten könnte.

Das Schicksal meinte es gut mit ihm. Es war die Zeit der Schallplattenspieler. In fast jedem Haushalt dudelte solch ein Ding den halben Tag vor sich hin. Eines Tages erfuhr Jürgen, dass der Plattenspieler in Manuelas Heim kurz davor stand, den Geist aufzugeben. Dem Gerät war nur noch ein jämmerliches Jaulen zu entlocken.
„Meine Chance!", sagte sich der technisch begeisterte, glühende Verehrer der Tochter des Hauses und bot seine fachkundige Hilfe an. Beeindruckt standen Eltern und erst recht Manuela neben ihm, als er den Schallplattenkreisel auf dessen Gesundheit untersuchte. Nach knapp einer halben Stunde erklärte Jürgen, sich in der Bewunderung der Umstehenden sonnend:
„So, der ist wieder in Ordnung!"

Weil er dermaßen fachmännisch gewerkelt hatte, zweifelten weder Manuelas Vater (die Mutter soundso nicht, weil sie von Technik keinen Schimmer Ahnung hatte!) noch Manuela - aus noch viel verständlicherem Grunde - sein Wissen an. Die Drei bedankten sich bei Jürgen, Manuela strahlte noch mehr vor Stolz und schwebte im achten Himmel. Dies durfte sie immerhin ungefähr zwei Stunden genießen. Dann allerdings war damit Schluss.

Die Ernüchterungspille erschien in Gestalt des älteren Bruders. Der erfuhr von dem wichtigen Ereignis, zeigte sich aber mitnichten tief beeindruckt, sondern marschierte dem inneren Reifegrad Achtung erweisend, langsam würdevollen Schrittes ins Wohnzimmer zum Schallplattenspieler, legte eine Platte auf und stellte ihn an. Alles hielt den Atem an. Die Eltern starrten, ausnahmsweise wortlos, wie hypnotisierend auf das Gerät. Manuela ebenfalls, wobei ihr das Herz bis zum Halse klopfte. Gleich wäre der Triumph vollkommen. Nicht etwa der hochnäsig drein schauende Bruder, sondern ihr Freund, ihr Jürgen hatte es geschafft, das Ding vor der Schrottpresse zu retten.

Die vier Menschen spitzten die Ohren, forschten nach einem Ton, den man als Musik hätte bezeichnen können. Aber leider kam da nichts, was der Bezeichnung `Melodie` auch nur im Entferntesten gerecht wurde. Der einzige Laut war ein noch viel schrecklicheres Kreischen als das vor der Reparatur aus Liebe. Manuelas Bruder feixte:
„Sagt mal, wer hat den denn kaputt repariert?!"

Es brauchte mehrere Jahre, ehe Manuela ihrem Bruder diese Bemerkung verzieh.

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