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Blick in die Vergangenheit

Von tastifix Dienstag 03.07.2018, 15:05

Ich war sprachlos. Vor mir zwei in breite goldfarbene Rahmen gefasste große Ölgemälde. Dabei lag ein Zettel:
´Es sind Urahnen von dir!`
Vielleicht war es die Überraschung, vielleicht die sentimentale Ader oder auch meine ziemlich ausgeprägte Fantasie. Egal, diese Gemälde zogen mich magisch an und es war plötzlich, als ob aus ihnen die Stimme des Blutes zu mir spräche. Völlig durcheinander und auch erschrocken verdrängte ich diese abwegige Empfindung sofort wieder.
´Ich hab ja noch nicht einmal den Hauch einer Ahnung, um welche Großeltern, Urgroßeltern oder gar Ururgroßeltern es sich handeln könnte!`
Aber die Faszination, die die alten Bilder auf mich ausübten, ließ auch nach mehreren Tagen nicht nach, sondern steigerte sich dagegen noch. Gebannt betrachtete ich sie und versuchte sogar, die Miene der dargestellten Personen zu deuten.
„So ein Quatsch! Und jetzt Ähnlichkeiten zu erkennen zu glauben, ist ja wohl bekloppt!`
Selbst abends im Bett grübelte ich:
„Wer seid Ihr? Und, vor allem, wie wart Ihr?“

Egal, womit ich mich beschäftigte, es ließ mich nicht mehr los. Meine Gedanken flogen in meine frühe Kindheit.
´Ja, richtig! Diese Portraits haben ja damals daheim im Wohnzimmer gehangen!`
Der Hintergrund ist sehr dunkel gehalten, fast schwarz, nur die Gesichter der Personen heben sich hell dagegen ab. Und wegen der Größe der Gemälde wirkten diese deshalb auf meinen Bruder und mich sehr abweisend, fast eher bedrohlich. So fragten wir Kinder auch nicht, wer das denn wäre. Vielleicht fehlte uns auch der Mut dazu, denn meine Eltern verloren von sich aus nie ein Wort darüber. Dagegen interessierten mich sehr zwei helle Zeichnungen. Die einezeigte eine Villa und die andere in einem festlichen Saal eine große Gruppe sehr elegant gekleideter Menschen.
„Wer sind diese Leute?“
„Unsere Familie!“, war die Antwort. „Sie waren reich.“
Wie verträumte kleine Mädchen so sind, guckte ich neugierig nach, ob vielleicht eines der Kinder sogar eine Krone auf dem geflochtenen Haar trug. Zu meiner Enttäuschung entdeckte ich keine. Und doch klopfte mein Kinderherz heftig.
„Wie schön das alles aussieht!`, seufzte ich.

Ich wurde älter, besuchte die Tanzschule und trug dann zwar nicht solch eine Robe, aber eben hübsche Kleider nach heutiger Mode und fühlte mich chic. Doch jene beiden Zeichnungen vergaß ich nie mehr.


Bald 50 Jahre später:
Mich erreichte der Brief einer mir Unbekannten, die sich als eine entfernte Verwandte vorstellte. Sie nannte Namen naher Verwandter und bat mich um Daten. Wie sie schrieb, war sie dabei, einen Stammbaum der Familie mütterlicherseits zu erstellen. Aufgeregt las ich dieses Schreiben wieder und wieder. Aber weil ich arge Bedenken hatte, am Ende doch einer Betrügerin aufzusitzen, legte ich den Brief zu meinen Unterlagen und dachte nicht weiter darüber nach.

Und dann, nach neun weiteren Jahren, schaute ich fasziniert auf diese Ahnen. Die Gedanken überschlugen sich und wühlten mich auf, so dass ich im Internet nachzuforschen begann. Mehrere Wochen darauf dann schrieb ich jener Verwandten, erklärte selbstverständlich, weshalb ich damals nicht geantwortet hatte und erwähnte die beiden Portraits. Ich setzte sie über meine zwischenzeitlich getätigte Recherche im Internet in Kenntnis und dass ich wirklich einige Informationen über entfernte Verwandte und auch über Ahnen gefunden hätte. Zudem hatte ich nach dem Vergleich mit Ölportraits, zu denen Daten ihrer Entstehung angegeben waren und die ähnlichen Kleidungsstil sowie auch Rahmung zeigten, ungefähr den Zeitraum eingrenzen können, in der meine Bilder gemalt worden sein mussten. Sie schlug vor, ihr Fotos der beiden Gemälde zukommen zu lassen. Sie habe noch vergilbte Fotos meiner Großmutter und wollte nach Ähnlichkeiten forschen. Erfreut darüber, wie sehr entgegenkommend sie reagierte, kam ich dem nach.

Eine lange Zeit hörte ich gar nichts. Jeden Morgen hastete ich zum Briefkasten, jeden Morgen war ich ein kleines bisschen enttäuschter.
´Bestimmt hat sie nichts feststellen können und meldet sich deshalb nicht!`
Weil meine Nachbarin erwähnte, in der letzten Zeit wären öfters Briefe nicht angekommen, überlegte ich, nachzufragen, ob sie mein Schreiben mit den Fotos überhaupt erhalten hatte. Doch dann entschloss ich mich, noch etwas abzuwarten. Es gab ja viele Gründe, weswegen sie sich nicht gemeldet haben könnte …

Und wirklich: Genau einen Tag später flatterte mir ihr Antwortschreiben ins Haus. Wieder mit einer Fülle neuer Informationen. Nein, es wären nicht meine Urgroßeltern, auch nicht meine Großeltern! Sie schickte Fotokopien von Bildern, auf denen meine wirklichen Urgroßeltern mütterlicherseits zu sehen waren. Einmal von 1857 anlässlich der Verlobung/Heirat und dann ein Bild von 1910. ´Dr. X, geheimer Sanitätsrat/ Kreisphysikus ` hatte meine Verwandte noch am Rand notiert. Auch Fotos meiner Mutter als Sechsjähriger hatte sie beigefügt. - Meine Urgroßmutter hatte einen sehr ausgefallenen Mädchennamen, der mir half, weitere Nachforschungen im Internet anzustellen. Puzzlestein fügte sich an Puzzlestein. Es wurde immer interessanter, aber auch entsprechend komplizierter. Während ich weiter suchte, stieß ich nebenbei in der Familie meines Vaters auf einen Schriftsteller, der vor 150 Jahren zunächst als Apotheker in Münster, wo auch mein Vater studiert hatte, gearbeitet, dann sich aber gänzlich der Schriftstellerei verschrieben und sich zusätzlich intensiv mit den Naturwissenschaften auseinander gesetzt hatte. In einer niedersächsischen Stadt ist eine Straße nach ihm benannt. Ein Foto dieses Straßenschildes fand ich dann ebenfalls im Internet. Es war irgendwie ein eigenartiges Gefühl, den eigenen Mädchennamen dort zu lesen ...

Ich hatte herausgefunden: Meine Urahnen waren Akademiker und Kaufleute. Aber noch immer war mir schleierhaft, wen denn nun meine eigenen Ölportraits wirklich zeigten. Meine Verwandte schrieb dazu, dass nach ihrer Recherche diese Gemälde noch weitaus älter seien, eventuell gar Ururgroßeltern darstellten. Sie riet mir, nun die Ahnenreihe meines Vaters zu suchen. Wahrscheinlich werde ich jener Stadt einen Besuch abstatten. Vielleicht erfahre ich ja noch viel mehr.

Ich bin sehr gespannt ...

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