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Der Süßwarenladen

Das süße Paradies meiner Kinderzeit war ein Süßwarenladen in unserer Straße. Er gehörte zwei liebenswürdigen älteren Damen, es waren Schwestern. Eine von ihnen bediente in dem winzigen Laden, stets mit einem Spitzenhäubchen im Haar und angetan mit einer schneeweißen, rüschenverzierten Schürze. Über der Ladentür hing ein kleines Glockenspiel, das leise bimmelte, wenn man den Laden betrat.

Das beeindruckendste waren für mich die großen Bonbongläser, einige waren abgeflacht und lagen in einem Gestell, andere waren rund und standen aufrecht, aber alle hatten einen runden Glasdeckel mit einer Glaskugel als Griff. Gefüllt waren sie mit Bonbons in vielen Sorten und Farben, deren Geschmack ich noch heute zu spüren glaube. Und das Geräusch, wenn sie mit einer der kleinen Metallschaufeln hinein fuhr und die Bonbons erst einmal lockerte, weil sie manchmal etwas zusammengeklebt waren! Ich höre es noch heute und mir läuft bei dem Gedanken an die sauren Zitronenscheiben, die roten Himbeeren, die grünen Waldmeisterblätter, die hellbraunen Zimtnüsse und die goldfarbenen Nougatkissen das Wasser im Mund zusammen.

An der Waage mit der blankgeputzten Messingschale war eine Halterung für die kleinen spitzen Papiertüten, in welche die Herrin über all diese Herrlichkeiten dann die Bonbons vorsichtig hineinkullern ließ. Das Zusammenfalten der Tüte war ein Ritual, ich bewunderte immer, wie korrekt die Tütchen aussahen, eine wie die andere. Allerdings war dieser Anblick nicht von langer Dauer, kaum war ich aus dem Laden, rupfte ich die Tüte auf und steckte voller Wonne das erste Bonbon in den Mund. Aber ich war auch sparsam, teilte mir die Leckereien gut ein, denn so oft durfte ich mir keine kaufen, weil auch dafür Zuckermarken abgeben werden mussten.
Interessant fand ich auch die großen Blechdosen, die im obersten Regal zur Dekoration standen. Mohren mit bunten Turbanen waren darauf oder geheimnisvollen Schriftzeichen, chinesische, wie mir Mutti später erklärte. Wir hatten auch eine solche Blechbüchse zuhause, sie war braun und es stand „Kaffee – Richter“ darauf. Darin sammelte Mutti Zucker für die Einkochzeit.

Später kamen zu den klassischen Bonbons, die uneingewickelt in den Gläsern waren, einzeln verpackte Toffees in vielen Sorten, Dropse in Rollen und die Gummitiere. Letztere lagen in Kartons, die einzelnen Sorten getrennt durch Pappstreifen: Da lagen also Elefanten, Nasshörner, Bären, Katzen und Frösche – eine schwere Entscheidung, welches Tier man sich kaufen sollte. Oder sollte es lieber eine der bunten Gummischlangen sein, die man so schön lang ziehen konnte? Oder aber ein Tütchen Brausepulver für einen Groschen, das kribbelte so schön auf der Zunge, wenn man es aus der hohlen Hand leckte, die anschließend bestimmt sauberer war als vorher war. Oder doch lieber eine Zuckerstange?
Meine Freundin mochte ganz besonders die schwarzen Lakritzstangen, das konnte ich überhaupt nicht verstehen, der Geschmack war zu eigenartig.

Die alte Dame hinter der Ladentafel wartete mit einer Engelsgeduld, bis man sich entschieden hatte. Sie hatte ein Herz für ihre kleinen Kunden. Und sie bediente den kleinsten Steppke mit Rotznäschen, der ihr mit schmutzigen Fingern seinen kostbaren Groschen entgegenstreckte, um einen Lutscher zu kaufen, genau so freundlich, wie die Damen, die sich eine Schachtel Pralinen leisten konnten. Ich besitze noch heute eine doppelstöckige Pralinenschachtel, in deren beiden Schubfächern meine Mutti Briefe aufbewahrte.
Einmal wollte sich eine Frau vordrängen. Sie schob das kleine Mädchen, welches ganz versunken auf die Bonbongläser starrte, beiseite und verlangte ein Viertel Kaffe. Aber die gute Bonbonfee beugte sich über die Ladentafel und fragte: „Nun, hast du dir etwas ausgesucht? Oder willst du noch überlegen?“ Ich hatte mich längst entschieden, gab ihr den Umschlag mit der kostbaren 100 gr.- Zuckermarke und dem Kleingeld und sagte: "Ich möchte bitte die ungefüllten Himbeerbonbons, damit kann man sich so schön die Lippen färben." Sie lachte und bediente mich in aller uhe, wie eine Erwachsene, das habe ich nie vergessen.

Für viele Jahre aus dem Angebot verschwunden, gibt es die losen Bonbons nun wieder und sie erinnern mich stets an das süße Paradies mit der netten Dame und den verheißungsvoll bimmelnden Ladenglöckchen.

ritterspornin

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