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Totenkult bei den Schamanen

Von EwigerBrunnen01 Dienstag 13.04.2021, 08:52


Der junge Krieger weint. Seine Trä­nen fallen auf den Leinenbeutel, den seine Hände umklammern. Er birgt die Asche seines Bruders. Um ihn herum im Halbkreis ho­cken die anderen Männer des Shabonos, wie die Yanomami im venezolanisch-­brasilianischen Grenzgebiet ihre winzigen Dörfer nennen.

Ein Schamane tänzelt herbei. Er hat sich mit der Kräuterdroge Epena vollgedröhnt, um Zugang zum Geisterreich zu finden. Er stellt einen gro­ßen Tiegel mit Bananensuppe in die Mitte. Er packt den Beutel, öffnet ihn und lässt die Asche in die Suppe rieseln. „Bruder, mein Bruder“, schluchzt eine Schwester des Toten.
Der Schamane verteilt mit den Händen die Asche, bis die Suppe grau und zäh aussieht wie frisch angerührter Zement. Plötzlich springt er hoch, schlägt mit seiner Machete wild um sich, drischt auf den Lehmboden rund um den Sup­pentiegel ein, lässt dann die Machete fallen und zerrt, die Hände zu Klauen verkrampft, an et­was Unsichtbarem, als wolle er es losreißen und wegschleudern. „Dööi, dööi, dööi“, stöhnt er schweißgebadet. – „Weg, weg, weg“ ihr bösen Dämonen, lasst uns und den Toten in Ruhe!
Schwer atmend hält er inne, schöpft mit einem Holzbecher die graue Suppe aus dem Tiegel und reicht sie dem Bruder des Verstorbenen. Der schlürft sie, noch immer Tränen in den Augen.
Der Becher geht reihum, bis der Tiegel leer ist. Jetzt hat sich das Dorf den Toten einverleibt, ihn und sich selbst erlöst. Denn Leichen sind für die Yanomami, dieses Volk von Steinzeitjägern am Oberlauf des Orinoko, die Wohnstätten von Dämonen. Diese bösen Geister vertreiben das Wild aus den Wäldern, tragen Feindschaft unter die Menschen, bringen Krankheit und Tod. Erst wenn von einem Toten nichts, aber auch gar nichts mehr übrig ist, sind die Dämonen unge­fährlich. Von nun an darf niemand im Dorf den Namen des Toten jemals wieder aussprechen. Sonst könnten die Dämonen wiederkommen.
Himmel und Hölle kennen die Yanomami so wenig wie das Nirwana oder die Wiedergeburt.
Doch dieses Volk ist der lebende Beweis dafür, dass Menschen unabhängig von ihrer Kultur oder Bildung den Drang in sich tragen, das Un­erklärliche zu erklären.

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Klar, dass wir „zivilisierten“ Menschen bei einem solchen Totenkult Ekel verspüren, aber lehrt nicht die Kath. Kirche Ähnliches in Bezug auf die Eucharistie? Brot und Wein werden angeblich in den Leib und das Blut Jesu umgewandelt, so dass jeder Gläubige Jesus in abgewandelter Form in sich aufnimmt bzw. ißt und trinkt.


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