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Mein Leben steht in Gottes Hand

Von inbus Donnerstag 17.09.2020, 07:58


Was hätte ich der Frau zum Troste sagen sollen?! Hier hilft kein Menschenwort, mochte es noch so gut gemeint sein. Schwer war der Kummer ihres Herzens, dennoch hatte sie ihre alten Kräfte nicht wieder erlangt - sie war nicht mehr die Jüngste -, und die Erinnerung an die Schmerzen und Komplikationen der letzten Geburt waren noch allzu nahe. Dazu kam die winzige Wohnung, in der schon sechs kaum Platz hatten... Wie sollte ich sie trösten, was sollte ich ihr nur sagen! Da fiel mir eine Geschichte ein, die eine alte Dame mir vor einigen Monaten erzählte. Und ich überlegte, ob diese Geschichte nicht geeignet wäre, der kummervollen Frau wenigstens Trost zu geben...

Es war in Schlesien, lange vor dem Ersten Weltkrieg, als Frau X. einen Frauenarzt aufsuchte, der zwar nicht den christlichen Glauben hatte, aber die Familie mit den drei gesunden Kindern schon lange kannte. Er wusste auch um die schwer leidende Mutter, die er mehrmals untersucht hatte. Und es tat ihm weh, ihr sagen zu müssen: „Sie dürfen kein Kind mehr haben, Frau X., es könnte ihr Tod sein."
Aber die Patientin schüttelte energisch den Kopf, als würde sie sich um die ebengestellte Frage nicht kümmern. „Gleichviel, Herr Doktor, wie auch alles kommen mag, ich werde das Kind haben! Und wenn es nicht sein soll, so ist es Gottes Wille." Der Arzt hatte diesen leidenschaftlich heraus gestoßenen Worten mit schweigendem Ernst zugehört. Er wusste auch, dass es die Pflicht eines Arztes war, eine Patientin auf die Lebensgefahr, die durch die Geburt entstehen könnte, aufmerksam zu machen. „Ich begreife Sie nicht, seien Sie doch vernünftig, Frau X.! Es geht um Ihr Leben! Und nicht nur allein um Ihr eigenes, sondern Sie gefährden auch das Ihres Kindes!" Die Frau nickte lebhaft, und wischte sich verstohlen eine Träne aus dem Auge. „Ich weiß es, Herr Doktor, aber wie dem auch sei, mein Leben steht in Gottes Hand." Jetzt wusste der Arzt, dass er hier nichts weiter ausrichten konnte. Und ein wenig ärgerlich sagte er zu ihr: „Gut, wenn Sie durchaus meinen gut gemeinten Rat in den Wind schlagen, dann tragen sie auch die Folgen ihres Eigensinns! Aber eines kann ich Ihnen heute schon sagen, ich behandle Sie diesmal nicht! Mich brauchen Sie nicht zu rufen!"
Seufzend erhob sich die Frau und reichte dem sonst gütigen Arzt die Hand mit den Worten: „Gut, Herr Doktor, ich werde sie nicht belästigen und werde auch meinen Mann davon unterrichten. Auf Wiedersehen!"

Wochen und Monate vergingen. Frau X. spürte kaum etwas von den Schmerzen, wie sie sonst das Kommen eines Kindes mit sich brachte. Täglich befahl sie sich und das noch ungeborene Kind Gott und der Allerseligsten Jungfrau an. Aber sie hatte auch die gut gemeinten Worte des alten Arztes nicht vergessen. Dennoch hatte sie auch nicht die leiseste Angst vor der bevor- stehenden Geburt. Ihre Hoffnung auf die täglichen inbrünstigen Gebete setzend, erwartete sie gelassen und ruhig den Tag, der über zwei Leben entscheiden sollte. Und dann kam die schwere Stunde. Trotz aller Besorgnis ihres Mannes hatte die Frau es abgelehnt, den Arzt rufen zu lassen. Er hatte ihr ja schließlich wiederholt gesagt, dass er jegliche Verantwortung ablehne. Aber, was sollte auch der Arzt, da diese Geburt die leichteste im Leben der Mutter war. Und da wusste sie, dass ihre Gebete nicht nutzlos gewesen waren. Das Kind, ein gesunder und wohlgemuter Knabe, war wohlauf, und die Mutter - sie war so glücklich wie noch nie in ihrem Leben, nicht einmal damals, als man ihr das erste Kind in die Arme legte. Es war etwas wunderbares um dieses Kind, denn nach der Schilderung von der Frau X., zeigte es sich von Jahr zu Jahr deutlicher, dass auf diesem Kind der Sorge und des Glaubens, der Einsamkeit und des Vertrauens ein ganz besonderer Segen ruhte. Es war ein ruhiges und geduldiges Kind, dass sich leichter erziehen ließ als seine Geschwister, es machte seinen Eltern keinerlei Schwierigkeiten und erwies sich bald als vorzüglich befähigt, klug und fromm. Und das blieb auch so - von Jahrzehnt zu Jahrzehnt. Und heute ist der jüngste Sohn von Frau X. Priester in der Diaspora, ein Geistlicher, der aus einem verlorenen Haufen eine Gemeinde von treuen Katholiken geschaffen hat - mit Gottes Gnade, mit Glauben und Vertrauen und - dem sorgenden fruchttragenden Gebet seiner alten Mutter. Diese Geschichte erzählte ich jener sorgenvollen Frau, die der Kummer so tief niedergedrückt hatte, dass es fast unmöglich schien, sie wieder aufzurichten. Und weil diese „ Geschichte" kein Märchen war, auch keine Legende, sondern ein Geschehnis aus dem täglichen Leben, das ich aus dem Munde der glaubensstarken Mutter selbst gehört hatte, vermochte es ihr wirklich einen Trostweg aufzutun. Und so habe ich dieses Erlebnis aufgeschrieben, weil ich glaube, es könnte auch andere Mütter mit tieferer Zuversicht im Glauben erfüllen.

„Der große Ruf" - Maria Anders-Thilo

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