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Ejo, der Feind

Von inbus Donnerstag 02.07.2020, 09:32


50Grad im Schatten! Ein wahrer Brutofen! Doch setzt der Missionar den Unterricht fort. Bald spricht er laut, bald flüsternd leise. Er geht auf und ab, gestikuliert, hält an und fährt dann wieder fort. Vergebens!
Die kleinen Augen der Kinder fallen zu — die Kinder können nichts dafür —, und von Zeit zu Zeit sinkt ein Wuschelkopf auf die Bank und bleibt da liegen, von Hitze und Müdigkeit überwältigt.
Nun, heute wird der Katechismus bestimmt nicht mehr ins Gedächtnis dringen. Die Gehirnkästen streiken. Was soll man nur anfangen, um die Aufmerksamkeit dieser Urwaldkinder zu gewinnen. Ja, eine Geschichte. Aber da nun mal Religionsunterricht ist, soll es doch eine wahre Geschichte sein. Sind die nicht auch immer die besten?
Und der Pater fängt an, die Schöpfungsgeschichte zu erzählen. Wie Gott Adam und Eva und durch sie alle Menschen zum Heile ruft. Eine Bedingung ist daran geknüpft.
Dieses große Glück im Paradies recht zu schildern, hat der Pater schließlich so farbenprächtige Bilder gefunden, dass seine jungen Zuhörer allmählich warm werden und anfangen interessiert zuzuhören. Oh, wie herrlich es im Paradies war! Nur die Schlange! Bei diesem Wort fährt Jebu, der bisher selig geschlafen hatte, auf. „Ejo", die Schlange; kein Tier ist so furchtbar wie dieses; biegsam wie eine Schlingpflanze kann sie sich heimtückisch verstecken, um gerade im richtigen Augenblick zuzustoßen und ihre Beute mitten ins weiche Fleisch zu beißen und ihr das tödliche Gift einzuspritzen.

Ejo, das ist der Feind. Darum hat Jebu bei diesen Worten des Paters gezittert. Er hat seinen kleinen Lockenkopf gehoben, der bisher so sanft auf seinem Ärmchen geruht hatte. Er hat ganz ängstlich um sich geschaut und dann unwillkürlich furchtsam seine Augen zum Dach der kleinen Kapelle gehen lassen.
„Ejo, Pater, Ejo..." Jetzt hat er das Wort ausgesprochen, aber seine Stimme ist erschreckt, und seine Augen schauen gebannt vor Entsetzen. Da oben an der Bambusstange, die das einfache Dach der Kapelle trägt, gleitet langsam eine riesige Schlange. Jetzt bewegt sie sich gerade über dem Kopf des kleinen schwarzen Buben. „Ejo... Ejo...!" Jetzt stoßen zwanzig Kehlen gleichzeitig einen Schrei aus, ergriffen von einer Panik.
In einem Augenblick ist die Kapelle leer. Nun schlafen sie nicht mehr, die Kerlchen, die eben noch die schreckliche Hitze bedrückte. Eine unter der Bank versteckte und dann plötzlich losgelassene Feder hätte sie nicht plötzlicher herausschnellen lassen. Nur Jebu ist an seinem Platz verblieben. Wohl möchte er fliehen wie die anderen auch; denn eine lodernde Angst hat ihn ergriffen und ihn in einen schrecklichen Zustand versetzt. Eine Macht, die stärker ist als sein Wille, hält ihn unter der Herrschaft der Schlange, die langsam und heimtückisch sich jetzt zu ihm herablässt.
Der Pater ist ebenfalls geblieben. Angstschweiß perlt auf seiner Stirn. Was soll er tun, um den kleinen Buben zu retten? Keine Waffe ist in der Kapelle. In der Zeit, in der der Missionar fortliefe, sein Jagdgewehr zu holen, hätte Ejo sein Mordwerk vollendet. Unwillkürlich hat der Priester sich Hilfe suchend zum Marienbild umgewandt. Sein Blick bleibt hängen an ihren Füßen..., diese Füße, die auf einer Schlange stehen. Da kommt dem alten Pater ein seltsamer Gedanke: Langsam bewegt er sich auf das Harmonium zu, greift einen Akkord und beginnt das Lied „Ave Maria". Bei den ersten Tönen hat die Schlange aufgehört, sich weiter herabzulassen. Ihr Blick wendet sich jetzt zu jenem Instrument, dem die Töne entsteigen. Sie hört zu, sichtlich entzückt, und Jebu ist von diesem Blick befreit, der ihn auf die Stelle festgenagelt hatte. „Rette dich", ruft der Pater, „und hol den Bruder Isidor!" Während einer langen halben Stunde hat der Missionar Ejo, der Schlange, vorspielen müssen. Alle Marienlieder hat er gespielt. Das Schlangentier, immer entzückter, hat sich langsam herabgelassen und ist bis zur Marienstatue vor gekrochen. Hier, zu Füßen Mariens, hat sie sich zusammengerollt, ganz unterwürfig und friedlich. Dort hat sie dann Bruder Isidor überraschen und erschlagen können. Und ihr könnt glauben, als man nachher die unterbrochene Religionsstunde wieder aufnahm, ist es dem Pater nicht mehr schwer gefallen, die Aufmerksamkeit seiner Schüler zu gewinnen. Ich glaube sogar, dass niemals das Lehrstück von der Erbsünde so verstanden worden ist, wie an jenem Abend von Jebu und seinen Freunden.

Aus „ Vorlesebuch zum Kath. Katechismus"
Bd. 1 Verlag Pfeiffer, München.

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