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Eine Schranke fiel

Von inbus Mittwoch 01.07.2020, 07:04


Als Mrs. Harrings in Lourdes ankam, fühlte sie sich bedrückt durch den Anblick der großen Menschenmenge, die alle Straßen und Winkel mit der Vielfalt eines ungeheuren völkischen Gemisches erfüllte. Man sah Trachten aus verschiedensten entlegenen Nationen, ein babylonisches Sprachengewirr schwirrte in den Hotels. Menschen aller Rassen waren hier vertreten. Und Msr. Harrings kam sich verloren und einsam vor, wie immer, wenn sie in einem Menschenstrom wandern musste. Sie beschloß, sich sofort auf eine stille Insel zu retten.
Zum Glück war ihr in der Fremdenpension lange zuvor telegrafisch ein Einzelzimmer zugesichert worden; es lag etwas zum Ausgang der Stadt an der Windung des Gave hin. Als sie sich beim Portier meldete, musste sie ein Weilchen warten. Sie wich einen Schritt zurück. Vor ihr stand eine Schwarze und erbat in ihrem gutturalen Englisch Aufnahme für sich und ihr krankes Kind. Der Portier nickte freundlich. Er wusste bereits Bescheid. Gewiss, Zimmer Nummer acht war frei. Mrs. Harrings ging ein Schock durch die Glieder. Sie hatte doch die Nummer zugesichert bekommen. Sollte sie Bett an Bett mit einer Schwarzen kampieren?
Erregt fuhr sie dazwischen: „Verzeihung, Monsieur, das muss wohl ein Irrtum sein. Das Zimmer gehört mir!" Der Portier hob die Schultern. „Pardon Madame, es war nicht anders zu machen. Sie sehen ja wohl selbst, wie überfüllt unsere Stadt ist. Da müssen wir jeden Raum nutzen."
Mrs. Harrings schlug das Herz bis zum Hals, sie zwang die Erregung nieder, wartete einige Augenblicke, bis die Schwarze vorübergegangen war und sagte dann: „Das ist unmöglich, ich habe in meinem ganzen Leben noch nicht mit einer Farbigen in einem Raum zugebracht. Wissen Sie, was Sie mir zumuten?"

Der Mann sah sie ruhig an. „Madame, ich vermittelte Ihnen keine schlechte Gesellschaft. Die Schwarze ist die Frau eines großen Häuptlings aus Nordostafrika, unter ihresgleichen eine Person von Rang, und außerdem katholisch, wie Sie und ich."
Mrs. Harrings war den Tränen nahe. „Sie verstehen mich nicht, Monsieur, Sie sind eben Franzose! Wie können Sie ermessen, was es für eine Amerikanerin bedeutet, mit einer Schwarzen in enge Berührung zu kommen? Wenn ich das nur geahnt hätte! Aber was tut man nicht alles aus Liebe zu seinem kranken Kind?"
Der Portier wartete, bis sich die Dame etwas beruhig hatte, dann meinte er: „Ganz recht, auch die Schwarze hat ein krankes Kind. Keine Sorge, es wird Sie nicht stören. Die Kleine ist drei Jahre alt und total gelähmt." Jetzt stürzten Mrs. Harrings die Tränen. „Das tut mir ja leid, mein eigenes Kind liegt in Washington mit Kinderlähmung darnieder. Deswegen bin ich hier. Es war natürlich transportunfähig für die weite Flugreise. Aber deswegen kann ich doch nicht drei Tage lang mit einer Schwarzen kampieren! Der Portier verlor die Geduld nicht. „Es handelt sich nur um drei Nächte", korrigierte er gelassen, „und da ist ohnehin alles schwarz, Madame. Bei Tage werden Sie wohl genau wie die Häuptlingsfrau unterwegs sein. „Wir kennen das. Also, wollen Sie das Zimmer, oder..." Mrs. Harrings trocknete sich die Augen. „Natürlich, ich muss es ja nehmen, sonst kann ich draußen übernachten, bei der Menschenmenge.

Geknickt ließ sie sich zu ihrem Zimmer geleiten. Als sie hineinkam, saß die Schwarze auf ihrem Bett und kaute an einer undefinierbaren Mahlzeit — auch das noch! Jetzt stand sie auf, ergriff den bunten Wandschirm und stellte ihn so vor sich, dass die Amerikanerin ihre braunen, in Lappenschuhen steckenden Füße darunter hervorkommen sah. Gott sei Dank, sie hatte wenigstens einen Schimmer von Verständnis dafür, was in ihr vorging. Wenn sie sich geräuschlos verhielt, konnte man sogar die Illusion aufrechterhalten, man sei allein. Nein, die Negerin stör- te nicht. Sie hatte weder Gepäck auszupacken noch machte sie irgendwelche Anstalten sich vom Reisestaub zu reinigen. Mäuschenstill verhielt sie sich. Mrs. Harrings legte sich nieder, ihre Nerven entspannten sich. Schon nach wenigen Atemzügen schlief sie ein.

Als sie aufwachte, war es bereits gegen Morgengrauen, ja, todmüde war sie gewesen von der Flugreise, der anschließenden Autofahrt von Paris — Lourdes und den Aufregungen daselbst. Sie setzte sich auf — nebenan war alles lautlos, als sei die Schwarze gestorben. Ehe Mrs. Harrings ihr Zimmer verließ, um die Frühmesse in der Basilika zu besuchen, warf sie doch einen Blick hinter den Wandschirm. Da saß doch die Schwarze zusammengekauert vor dem Bett auf dem Fußboden und bewachte wie ein regungsloses Wesen den Schlaf eines Kindes, dessen dunkles Köpfchen scharf von den weißen Kissen abstach. Hatte sie auf der Erde — ja, es musste so sein: auf der Erde geschlafen oder gewacht — was wusste sie? Leise und seltsam bedrückt ging sie hinaus. Auch in der heiligen Messe fand sie keine rechte Sammlung, keine innere Erhebung, wie sie dies erwartet hatte. Nun, das würde sich wohl bei der Grotte ändern; wie hingerissen sprachen ihre Freundinnen ja daheim von Lourdes. Noch war ihr Interesse kühl und ungerührt. Sie studierte den Kirchenplan, eine Stunde später begannen die öffentlichen Bittandachten an der Grotte den ganzen Tag hindurch und abends dann die Lichterprozession. Nun, sie würde noch beten lernen. Es ging um Eves Gesundheit. Ihre arme Kleine, welche Hoffnungen hatte sie auf diesen Besuch der Mutter gesetzt! Aber jetzt fühlte sich Mrs. Harrings unglücklich, mutlos und matt, kaum, dass sie ein Rosenkranzgebet zusammenbrachte! Vergeblich starrte sie zum schimmernden Bildnis der Jungfrau von Massabielle auf, ihr Herz an diesem Anblick zu entzünden. Enttäuscht wandte sie sich nach einer Weile und ging. Alles ärgerte sie, die Menge, die sich wieder auf die Füße trat, die Verkäufer an den glitzernden Ständen mit den Andenken und Weihegedenken — war das nicht die Schwarze aus ihrem Zimmer, die gerade einen knallblauen Rosenkranz kaufte und vor Glück strahlte? Rasch ging sie weiter. Der nur nicht begegnen!
Vielleicht fand sie eine tiefere Erbauung, wenn sie die berühmte Krankensegnung miterlebte am Nachmittag? Der Priester mit dem Allerheiligsten segnete jeden Kranken mit Inbrunst. Die Amerikanerin beobachtete genau, aber nichts Aufsehen erregendes ereignete sich. Dann schlich sie weg zur heiligen Quelle: schöpfte und trank mit Leere im Herzen, füllte eine Flasche mit dem Wasser — für Eve — innerlich war sie wie aus- gebrannt. Wie konnte sie da ihrem Kind helfen? Nein, nur nicht zurück in ihr Zimmer, am Ende war die Schwarze bereits wieder dort. Sie wollte noch einmal zur Grotte zurück. Vielleicht war es abends stiller. Doch als sie kam, hatten sich wieder Beter in Mengen dort vereint; nur mühsam gelang es ihr, nach vorn zu kommen. Ein Priester betete vor, stimmte ein Lied an, alle sangen. Plötzlich wurde die Amerikanerin seltsam angerührt durch eine glockenklare, jubelnde Frauenstimme von solcher Leichtigkeit und Schönheit, dass sie irgendeine berühmte Sängerin vermutete und sich umwandte. Fast entsetzt schaute sie in das Gesicht der Schwarzen, das von Hingegebenheit schimmerte. In ihren Armen hielt sie das kranke Kind und sang'— sang, als sei ihre Seele Lied geworden. Mrs. Harrings senkte den Kopf. Wie war es möglich? Wie kam eine Wilde an solche Stimme und warum in aller Welt sang sie mit diesem Glücksausdruck, während ihr Kind doch offensichtlich so krank war wie zuvor?
Der Geistliche verließ nun die Grotte und beendete die Andacht, öffnete das Gitter — sofort strömten die Menschen nach vorn. Auch Mrs. Harrings wurde mit geschoben. Nun konnte sie ganz nahe, bis unter die Füße der Statue treten; da wandte sie sich halb; die Schwarze blieb demütig vor den Weißen zurück. In diesem Augenblick zersprang etwas im Innern der Amerikanerin. Sie ging rasch, nahm die Schwarze bei der Hand und sagte mit weicher Stimme: „Kommen Sie, meine Liebe, bitte, hier ist Platz für Sie" und führte die Schwarze bis unter das Bildnis. Die stand reglos, mit empor gewandtem Gesicht, schimmernden Augen, als sänge ihre Seele noch. — Und plötzlich musste die Amerikanerin weinen, und ihr Herz quoll über von Gebet, für Eve, für sich, nein, auch für jene, die Schwarze und das Kind — was war geschehen? Sie kannte sich nicht mehr und kniete. Die Schranke fiel... Später, in ihrem Zimmer, räumte sie den Wandschirm weg; lange sprach sie mit der Schwarzen, mütterlich und gut, woher sie komme, wie lange sie gereist sei mit dem kranken Kind? 0 — nicht lange, nur drei Monate zu Fuß, ja, von Nordafrika über Spanien bis hierher... „Und nun?", fragte die Amerikanerin erschüttert, „müssen Sie auch wieder zurückwandern, ganz allein, zu Fuß? Und ohne Heilung gefunden zu haben für Ihr Kind?" Die Negerin lächelte eigen. „O Msr. Harrings, ich kam ja nicht, um zu bitten, sondern um zu danken. Ja, dafür, dass mein Mann Christ wurde; einige Jahre zuvor noch hätte er das krank geborene Kind unweigerlich getötet. Ist es nicht ein Glück, dass er lernte, es zu lieben, dass es leben darf?" Die Amerikanerin schwieg überwältigt. Ehe sie schlafen ging, beugte sie sich über die Schwarze und machte das Kreuzzeichen über sie. „Gott segne Sie", murmelte sie, „es ist Gnade, dass ich Sie treffen durfte."
Sie wusste nun, dass es in Lourdes Wunder gab und gibt, die nie offenbar werden, außer am Tage des jüngsten Gerichtes.

Consilia Maria Lakotta

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