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Ein Marienbild, Trost in einem Kerker.

Von ehemaliges Mitglied Samstag 15.05.2021, 10:10


In der Mitte des Tejoflusses, ehe er seine gewaltigen Fluten in den Atlantik ergießt, erhebt sich auf einem Felsenriff die dunkel-massige Sperrfestung "San Julian da Barrra." In ihren Grüften, in die nie ein Sonnenstrahl dringt, schmachteten in der Mitte des 18. Jahrhunderts Gefangene, die bis zu 17 Jahren in diesen Verliesen ausharrten. Die Missionsgebiete der Jesuiten in Südamerika hatten in voller Blüte gestanden, bis eines Tages der portugiesische Minister Pombal, ehrgeizig und despotisch wie kein anderer, die Missionare vertrieb und ihr Werk radikal vernichtete. Zuerst brachte man die Patres in Konzentrationslager, dann die Oberen und Nichtportugiesen in die Kerker des furchtbarsten Gefängnisses jener Zeit.

Der Aufenthalt dort war entsetzlich. Die Wände trieften von Wasser, alles schimmelte und wurde vom Rost zerfressen. Bei Hochwasser verwandelten sich die Zellen in eine übel riechende, schlammige Kloake. In Lumpen gehüllt, ohne Licht, nur im Schein einer winzigen Öllampe, die einen unerträglichen Geruch verbreitete, fristeten die Jesuiten dort ihr Leben. Doch weit schlimmer als diese körperlichen Leiden war die Not der Seele. Depressionen stellten sich ein, einige verloren zeitweise den Verstand, aber keiner brach sein Gelübde, keiner verließ den Orden. Dann wären sie sofort auf freien Fuß gesetzt worden.
Das schlimmste für sie war: sie blieben ohne den Trost der Sakramente, ohne das heilige Messopfer. So oft sie auch darum baten, ernteten sie nur höhnisches Gelächter. So vergingen Tage, Wochen und Monate, ohne dass man sie vor ein Gericht stellt. Und kein Ende war abzusehen.

Unter den eingekerkerten Jesuiten befand sich auch ein P. Martin Schwarz, der aus Amberg in der Oberpfalz stammte. Er war einer von denen, die am längsten die Qualen des Gefängnisses erdulden mussten. Zum Andenken an seine bayerische Heimat hatte er ein kleines Marienbild aus Landshut mitgenommen, die »Mutter mit dem geneigten Haupt«. (Die Landshuter Madonna, die »Mutter mit dem geneigten Haupt«, ist eine Kopie des Gnadenbildes der Unbeschuhten Karmeliten zu Wien-Döbling, dort genannt »Unsere Liebe Frau mit dem geneigten Haupt«.) Er hütete es sorgfältig, und es gelang ihm, allen Durchsuchungen zum Trotz, diesen Kupferstich in den Kerker zu schmuggeln und dort zu verbergen. Es entging auch allen Kontrollen, wurde sehr verehrt und als Quelle des Trostes empfunden. Zu ihr, »der Trösterin der Betrübten«, wandten sich die Verlassenen in ihrer Not. Sie flehten zu Maria um Hilfe, ohne dass eine Wendung zum Besseren eingetreten wäre. Da verfasste in dieser großen Bedrängnis P. Meisterburg aus Bernkastel zum Geburtstagsfest der lieben Muttergottes am 8. September 1762 ein lateinisches Gebet. Es besteht aus 178 Doppelversen und preist Maria als Tochter des ewigen Vaters, als liebreiche Mutter des Sohnes und als keusche Braut des Heiligen Geistes. P. Meisterburg klagt der himmlischen Herrin vertrauensvoll sein und aller Leid, spricht von den Schikanen, denen sie ausgesetzt sind, und sagt ihr, wie sehr sie das heilige Opfer entbehren. Er fleht sie an, ihnen den Trost der Sakramente zu vermitteln, als Speise, als Unterpfand zum Durchhalten, als Wegzehrung. Und er erhält die Gewissheit, dass Maria helfen wird!
Wirklich wurde es schon bald darauf möglich, in der Stille der Nacht heimlich in den Zellen abwechselnd die heilige Messe zu feiern und das Brot des Lebens zu empfangen. In diesem lebendigen Grab, nur mit Lumpen bekleidet, manchmal tief im schlammig-schmutzigen Wasser stehend, feierten die Männer das Opfermahl, und zum Altarbild erhoben sie dankbaren Herzens jenen Kupferstich des P. Schwarz, die »Mutter mit dem geneigten Haupt«. Nun wird der Kerker ihnen lieb und teuer, sie strömen über vor Freude und Jubel über Gottes Heimsuchungen. Viele bieten ihr Leben an als Sühne, und diejenigen, die sterben, gehen wie Heilige in die Ewigkeit hinüber. Auch plötzliche und auffallende Krankenheilungen werden bekundet. Dem Festungskommandanten ist es unfassbar, dass die Inhaftierten immer noch leben. Spöttisch schüttelt er den Kopf: „Alles verfault in diesen Kerkern, nur die gefangenen Jesuiten verfaulen nicht!" 1777 starb der König von Portugal, Josef I., und sein Minister Pombal wurde gestürzt. Die Märtyrer konnten aus ihren Löchern emporsteigen ans Tageslicht. Es dauerte Wochen, ehe sich ihre Augen an die Helligkeit des Tages und ihre Lungen an frische Luft gewöhnten. 37 Jesuiten waren gestorben, 45 hatten die Haftzeit überstanden. Diese Tatsache ist nicht natürlich zu erklären, weil andere Gefangene in diesem Verlies bereits nach wenigen Monaten starben. Die Überlebenden waren überzeugt, dass sie nur durch die Gnade Gottes, die Maria ihnen vermittelte, durchgehalten hatten.
P. Schwarz nahm das Bild der »Mutter mit dem geneigten Haupt«, das durch die feuchte Kerkerluft sehr gelitten hatte, mit sich in die Heimat. Nach seinem Tode gelangte es über Eichstätt, Regensburg, Feldkirch und Köln nach Essen, wo es seit 1936 seinen Platz in der St.-Ignatius-Kirche hat. Als in der Endphase des Zweiten Weltkrieges die Industriestadt an der Ruhr hart mitgenommen wurde und alle Kirchen der Innenstadt in Schutt und Asche sanken, konnte in St. Ignatius das heilige Messopfer immer gefeiert werden. Jetzt thront das Bild der Gottesmutter unter einer lichten Kuppel in der neu aufgebauten Kirche. Ständig brennen Kerzen und blühen Blumen vor ihrem Altar und zeigen, dass auch in der heutigen Not Menschen mit ihren Anliegen zu ihr kommen.

Inge Kowalsky

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