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Ein Fronterlebnis

Von inbus Samstag 26.09.2020, 06:39

Sofort wurden die Polen freundlicher...

Am Ende des kurzen Polenfeldzuges 1939 war Georg Eisele in Gefangenschaft geraten. Sein Zug war zu weit vorgestürmt, wurde an einem Waldrand umzingelt, und jetzt lag er nach langem Marsch erschöpft auf Stroh in einem leeren Fabriksaal. Als in der Dunkelheit eine Zeitlang wilde Schreie vor dem Hause zu hören waren, flüsterte ihm ein Kamerad zu, man munkle doch, dass die Gefangenen erschlagen würden, und Furcht ließ sein Herz erzittern. Sollte sein junges Leben so rasch und ruhmlos enden? Da fiel ihm sein junges Weib ein, dem er sich kurz vor dem Krieg angetraut hatte. Wie würde sie beben, wenn sie seine Lage sähe! Sie denkt ganz sicher an ihn, gerade in dieser Stunde, ja sie betet jetzt wohl für ihn! Freilich hat er sie verlacht, als sie beim Abschied versprach, alle Tage für ihn zu beten, besonders vor dem Schlafengehen. Er hatte ja das Beten schon vor ein paar Jahren aufgegeben und seinen Kameraden geglaubt, die von einem unabwendbaren Schicksal sprachen, aber keinen gütigen Vater im Himmel anerkennen wollten, ohne dessen Willen kein Haar von unserem Haupte fällt. Und je mehr er sich von diesen betören ließ, um so mehr wandte er sich von der Kirche ab, und so konnten ihn auch die Bitten seiner Braut nicht soweit bringen, dass er sich kirchlich trauen ließ, obwohl dazu die knappe Zeit vor dem Abmarsch noch gereicht hätte. Nun sah er sie wieder vor sich, wie sie nach der standesamtlichen Trauung die Treppen des Rathauses herunter schritt und unter stillen Tränen ihm zuflüsterte: „Georg, warum gehen wir jetzt nicht in die Kirche?" Er aber hatte sorglos aufgelacht und seinen zwei Kameraden, die als Trauzeugen mitgingen, zugestimmt, die das als etwas Altmodisches und ganz Überflüssiges erklärten. Als er dann sein junges Weib nachts im Kissen weinen hörte, und als sie wieder um kirchliche Trauung bat, war er anfänglich unwillig gewesen, hatte aber dann doch zugesagt, sie nach Kriegsende nachzuholen, wenn sie dann noch darauf bestehe. lm Herzen freilich hatte er anders gedacht.

Diese Tränen brannten ihm nun plötzlich auf der Seele, als er so schlaflos dalag. Warum hat er ihren Wunsch nicht erfüllt? Warum sie mit diesem Stachel im Herzen zurückgelassen? Hatte sie denn so unrecht mit dem Verlangen, so getraut zu sein wie die Eltern, die gottlob noch gar nicht wussten, dass er ohne den Segen der Kirche sich verbunden hatte? Und wie er nun an seine Eltern dachte, wachte seine ganze Jugendzeit in ihm auf, diese sorglose, gläubige, köstliche Jugend, in der er so wohlbehütet dahin lief, bis er in der schlimmen Welt draußen an die Kameraden geriet, die seinen Kinderglauben ins Wanken brachten. Ob er nicht doch auf dem Irrweg war, ob nicht das zarte Gemüt seiner Frau das Richtige ahnte? Und als nun einer der vielen verwundeten Kameraden neben ihm laut das Vaterunser betete, da betete er unwillkürlich mit; und siehe, da kam auf einmal Kraft und Hoffnung in sein verzagtes Herz, dass er sich die Worte mehrmals wiederholte, die sein Weib beim Abschied gesprochen hatte: „Wenn Du auch nicht daran glaubst, ich werde alle Tage für Dich beten, besonders beim Abendgebet!" Und in der stillen Hoffnung, dass dieses Gebet seines treuen Weibes ihm Rettung bringen werde, schlief er endlich ein.

Am anderen Morgen kamen sechs polnische Soldaten herein und begannen, sie auszusuchen; alles, was sie bei sich trugen, wurde ihnen abgenommen. Der Roheste von ihnen machte fortwährend die Gebärde des Erschießens, so dass die Furcht aufs Neue erwachte. Nun kamen sie auch zu Eisele. Als sie ihm die Taschen geleert hatten, griff einer noch in die Westentasche und zog einen Rosenkranz heraus, an dem eine Muttergottesmedaille glänzte. Den hatte ihm die junge Frau heimlich hineingesteckt, und erst auf der Fahrt hatte er ihn entdeckt und hätte ihn am liebsten als unnütz weggeworfen. Er wurde rot, als der Rosenkranz zum Vorschein kam, und fürchtete, ausgelacht zu werden. Aber welche Wirkung! Der Pole hob den Rosenkranz hoch, zeigte auf die Medaille und rief den anderen Polen zu: „Ah, Katolika!" Sofort wurden die Polen freundlicher; der Anführer kam herbei und ließ ihm sogleich alles zurückgeben, was ihm genommen worden war, und als die anderen sich entfernt hatten, ging er nochmals zu Eisele hin, zeigte auf sich und ihn und sagte unter wohlwollendem Kopfnicken: „Je festen Katolika. — Ich bin Katholik."
Wie dankte jetzt Georg seiner Frau, dass sie ihm diesen „Talisman" mitgegeben hatte! Und wie staunte er, welche Macht doch die Religion über die wildesten Gemüter hatte. Alle Furcht war aus dem Herzen gewichen, und seine frohe Hoffnung übertrug sich auch auf seine Mitgefangenen. In der Tat geschah ihnen kein Leid, wenn auch die Verpflegung sehr armselig war. Aber sie sahen, dass auch die Polen nur Schwarzbrot und Kohlsuppe bekamen.

Am nächsten Morgen hörten sie Gewehrfeuer aus der Ferne, sahen die Polen unruhig hin- und herlaufen, und auf einmal meldete ein ausgetretener Kamerad, dass kein Pole mehr im Hause zu sehen sei. Zögernd verließen sie den Fabriksaal und beratschlagten auf dem Hof, was zu tun sei. Da sahen sie fremdartiges Militär auf sich zukommen. Sie stutzten und reckten die Hände hoch, um sich als Gefangene zu erkennen zu geben. Als diese in den Hof einmarschierten, erkannte sie einer der Russen und rief: „Ah, Rußki!" — „No Bolschewiki!", brummte der fremde Offizier. Durch einen Dolmetscher ließ er sie ausfragen und versicherte dann, dass sie frei seien, da ja Deutschland mit Russland einen Freundschaftsvertrag habe; sie sollten nur warten, bis sie sich deutschen Truppen anschließen könnten.
Nach einigen Wochen erhielt Eisele Heimaturlaub. Mit welcher Freude und mit welchen Dankgefühlen fuhr er der Heimat zu! Die Freude der jungen Frau war noch größer, aber am tiefsten war ihr Herz bewegt, als sie Georgs Gesinnungswechsel entdeckte, als er am anderen Tag zur Beicht und ein paar Tage später mit ihr zum Traualtar schritt. Da weinte sie wieder Tränen, aber diesmal waren es Tränen der Freude und des Glückes.

(K. Schilcher, „Augsburger Kirchenzeitung" 1950)

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