Neu hier? Lies hier über unser Motto gemeinsam statt einsam.
Mitglied werden einloggen




Passwort vergessen?

1 2

Die Taufe des Exfinanzministers

Von ehemaliges Mitglied Montag 15.03.2021, 12:11


Das Leben des Missionars ist nicht immer leicht, aber oft sehr schön, zumal, wenn man sieht, wie Gott, der Herr, an den Menschen arbeitet. Da denke ich etwa an die Geschichte eines ehemaligen Finanzministers.

Als ich diesen Mann in Peking traf, war er bereits 85 Jahre alt und einer der ärmsten Bettler, denen ich je begegnet bin. Gleich nach der Revolution (1911) war er Finanzminister gewesen, ich glaube, einer der ersten, wenn nicht gar der erste der Republik China. Ein Zeichen seines Reichtums waren seine 18 Frauen. Das heißt nicht, er habe einen Harem gehabt, sondern er hatte 18 Familien in verschiedenen Städten, die er als Finanzminister immer wieder besuchen musste. Damals konnte jemand in China ziemlich schnell reich werden — durch Korruption; aber er konnte auch sehr schnell arm werden — durch Intrigen.
Als dieser Herr seinen Reichtum verloren hatte und seine Frauen nicht mehr unterhalten konnte, verschenkte er sie an seine Freunde. „Du hast nur eine Frau, wähl' dir noch eine von meinen aus", forderte er den einen auf. „Du hast noch gar keine Frau, nimm doch eine von mir; hilf mir!" bat er einen anderen. Nur die 18. Frau behielt er; die erste, rechtmäßige, war bereits gestorben. Die Tochter dieser 18. Frau konnte ich kurz vor ihrem Tod taufen. Ihre letzten Stunden und ihr Sterben waren dann so schön, dass der alte Herr mir ganz betroffen sagte: „Herr Pater, so möchte ich auch sterben. Darf ich auch katholisch werden?"
Das Ganze fing damit an, dass mir jemand mitteilte, in einem Winkel eines großen Tempels liege eine Frau im Sterben. Ich schickte chinesische Priester hin, aber sie kamen unverrichteter Dinge zurück; sie wurden nicht vorgelassen. Auf Drängen einer Krankenschwester suchte ich selbst die Kranke auf, obwohl ich sicher war, dass ich als Ausländer erst recht abgewiesen würde. Zu meinem großen Erstaunen ließ man mich aber sofort vor. So begegnete ich zum ersten Mal der kranken Frau und ihrem greisen Vater, dem ehemaligen Finanzminister.
Ein Blick auf die junge Frau genügte, um mir zu sagen, dass sie wirklich nicht mehr lange zu leben hatte. Sie litt an schwerer Tuberkulose, hatte sich auf einer Seite völlig wund gelegen, war bis auf die Knochen abgemagert und konnte nur noch wispern. Ich begann, ihr leise von unserem Glauben zu erzählen, und suchte sie auf die Taufe vorzubereiten. Da sie aufgeschlossen war, konnte ich sie schließlich taufen.

Als ich jedoch beim Taufritus bis zur eigentlichen Taufe, dem Übergießen des Wassers, gekommen war, unterbrach ich die Handlung und tat, was ich bisher nie getan hatte; ich muss hier wirklich vom Heiligen Geist geführt worden sein. Ich fragte die junge Frau: „Haben Sie einen Feind?" Sie erwiderte: „Ja, meinen Mann." Darauf ich: „Warum denn das?" — „Er ist schuld an meinem Tod", und gibt mir kein Geld, so dass ich verhungern muss." Ich sprach nun von Christus, wie er von seinen Feinden ans Kreuz genagelt wurde und vor seinem Tod noch betete: „Vater, vergib ihnen, denn sie wissen nicht, was sie iun." — „Jetzt muss ich auch Sie bitten, dass Sie wirklich bereit sind, Ihrem Mann von Herzen zu vergeben. Wollen Sie das tun?" Die Frau schwieg, wohl eine Minute oder länger; sie kämpfte mit sich; dann kam ein leises „Ja".

Um zu prüfen, ob ihre Antwort ehrlich gemeint war, fragte ich weiter, ob sie bereit sei, ihren Mann noch einmal zu treffen, und ob ich bei dieser Zusammenkunft dabei sein dürfte; zuvor hatte sie mir nämlich gesagt, dass sie ihren Mann nie mehr sehen wolle. Ihre Zustimmung kam sofort, ohne Zögern, und wir vereinbarten den nächsten Tag für ein Treffen. Daraufhin fuhr ich mit der Handlung fort und taufte die junge Frau auf den Namen Maria. Da begann die Kranke plötzlich zu strahlen. Eine tiefe Freude, ein inneres Leuchten brach aus ihrem Gesicht hervor, das alle Umstehenden, die Eltern der jungen Frau, einen amerikanischen Pater und mich, in Erstaunen setzte. Der alte Mann war ganz verwirrt und fragte immer wieder: „Was ist das, was ist das ...? Was ist da passiert?"
Stockend und in kurzen Sätzen berichtete die Neugetaufte, dass sie als Kind eine katholische Schule besucht habe; dort habe sie einmal bei einem Theaterspiel zu Weihnachten Maria darstellen dürfen. Dass sie nun in der Taufe »Maria« geworden war, machte auf sie solchen Eindruck, dass ihr Körper anfing zu leuchten, und auch als sie vier oder fünf Tage später starb, strahlte ihr Gesicht immer noch. Deshalb die Bitte ihres Vaters um die Taufe. Ich gab dem ehemaligen Finanzminister drei Bücher über den Glauben, die in klassischem Chinesisch geschrieben waren; es war für diesen gebildeten alten Herrn etwas ganz Besonderes, in dieser alten Sprache die Glaubenswahrheiten lesen zu dürfen. Dann bat ich ein Mitglied der Legio Mariä, ebenfalls ein gebildeter Mann, ihn von Zeit zu Zeit zu besuchen, um Schwierigkeiten, die auftauchen könnten, zu besprechen. Als der aber mit den Schwierigkeiten nicht mehr fertig wurde, ging ich selbst wieder hin. Nach drei Monaten merkte ich, dass der alte Herr nicht mehr lange leben würde. So fragte ich ihn eines Morgens, als er schon nicht mehr von seiner Matte aufstehen konnte, ob er nun getauft werden möchte. Bei seiner Taufe stellte ich auch ihm die gleiche Frage, die ich an seine Tochter gerichtet hatte: „Haben Sie Feinde?" — „Herr Pater, nicht nur einen, sonst wäre ich nicht so arm geworden." Wieder wies ich hin auf den Heiland am Kreuz und auf seine Bitte für seine Feinde. „Wären Sie auch bereit, so zu sprechen, wenn Ihre Feinde jetzt hier wären?" Nach einer kurzen Pause sagte er, und ich war überzeugt, daß er es ehrlich meinte: „Ja Pater, ja, ich vergebe allen." Daraufhin habe ich ihn auf den Namen Josef getauft. Noch im Laufe des Vormittags ist er in seinem Winkel im Tempel gestorben.
Am Spätnachmittag des folgenden Tages war die Beerdigung, und weil er einmal ein angesehener Mann war, hatten sich Hunderte auf dem riesigen Tempelhof versammelt; auch einige seiner Frauen waren zur Beerdigung gekommen. Ich hatte Mitglieder unserer Pfarrei eingeladen und suchte die Beerdigung so feierlich wie möglich zu gestalten, mit Weihrauch und Weihwasser und einer kurzen Predigt.
Als ich meine Ansprache beendet hatte, trat ein Herr aus der Menge hervor und sagte: „Brüder, hört mich an!" Ich musste unwillkürlich an die alten lateinischen Klassiker denken. Dann fuhr er, der Direktor eines Gymnasiums, wie ich später erfuhr, etwa in folgender Weise fort: „Ihr wisst alle, dass ich mein Leben lang für die Erziehung in Eurer Mitte gearbeitet habe; und ich habe immer gemeint, ich hätte Großes geleistet. Heute muss ich aber gestehen, dass ich, verglichen mit diesem Missionar, nichts Großes geleistet habe, jedenfalls nicht so Großes wie er. Als der Missionar gestern Morgen diesen Mann taufte, habe ich hinter der Tür gestanden und zugeschaut; da habe ich festgestellt, dass der Pater es fertig gebracht hat, dass dieser Mann seinen Feinden vergab. Das habe ich in meinem Leben noch nicht fertig gebracht."
Ich habe daraufhin noch ein paar Worte über die Gnade Gottes gesagt, und dann zogen wir zum Friedhof. Viele schlossen sich der Prozession an. Man sieht an diesem Mann, wie Gott, der Herr, auch durch Armut und Not Menschen zu ihrem Ziele führen kann.

P. Glanemann SVD

Du möchtest die Antworten lesen und mitdiskutieren? Tritt erst der Gruppe bei. Gruppe beitreten

Mitglieder > Mitgliedergruppen > Glaube im Alltag > Forum > Die Taufe des Exfinanzministers