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Die Mutter Gottes wartete

Von ehemaliges Mitglied 14.03.2021, 11:44


In der Karsamstag-Nacht, als feierlicher Glockenklang die Freude der Auferstehung verkündete, verschied Herr Dr. Michele Cassola ruhig im Herrn. Zur Zeit des Wunders der Gottesmutter war er Direktor des Medizinisch-Mikrografischen Provinzial-Laboratoriums in Syrakus und hatte das außergewöhnliche Glück, die aus dem Bild der heiligen Jungfrau in dem ärmlichen Haus in der Via degli Orti geflossenen Tränen zu erforschen und zu analysieren. Sein schwieriger geistlicher Weg fand einen glücklichen Abschluss durch die freudige und bedingungslose Hingabe an den Glauben im Verlauf der Woche, in der die Kirche das österliche Geheimnis des Herrn feiert. Ungläubig zur Zeit des Wunders, war Herr Dr. Cassola es auch nach der Analyse der wunderbaren Tränen geblieben.

Ein rechtschaffener und ehrlicher Mensch, skrupelhaft in der Pflichterfüllung und Ausübung seiner Mission, bezeugte er seine moralische Redlichkeit auch im Fall des wunderbaren Weinens.
Ich begegnete ihm zum ersten Mal an einem heißen Sommernachmittag des Jahres 1954, als ich nach Beendigung meiner Bibelstudien den Anfang meines Priesterdienstes der Syrakuser Diözese widmete, indem ich mit dem unvergesslichen Msgr. Ottavio Musumeci im Komitee der Muttergottes der Tränen auf der Piazza Euripide zusammenarbeitete.
Aus Anlass des ersten Jahresgedenktages des Wunders hörten wir die bedeutungsvollsten Zeugenaussagen an. Für mich waren das großartige Augenblicke. Im vergangenen Jahr war ich während der Tage des Weinens von Syrakus abwesend. Die außergewöhnliche Nachricht hatte mich in Österreich erreicht und mich vollkommen verblüfft. Herr Dr. Michele Cassola sprach mit solcher Klarheit und Überzeugung, dass ich mich nicht wenig über jenen guten Freund wunderte, der mir ins Ohr flüsterte, der Zeuge sei Atheist.

Mit dem Impuls, der jenen Jahren eigen ist, fragte ich ihn, sobald ich konnte, wie er seine Gewissheit über die Echtheit des Weinens mit seiner religiösen Stellungnahme vereinbare.
„Hören Sie", antwortete er mir mit Freundlichkeit und Heiterkeit, die jedoch in seinem tiefgründigen Blick eine große innere Qual verrieten, „es ist nicht ehrlich, das zu verneinen, von dem man Zeuge ist. Ich fühle mich wie vor einer Mauer ohne Eingang. Für dieses Ereignis habe ich keine Erklärung. Sie Glücklicher, der den Glauben hat! Wenn Sie wollen, beten Sie für mich."

Jene Worte bewahrte ich. Ich zitierte sie öfters während 19 Jahren, in denen ich Herrn Dr. Cassola nicht wieder sah.
Ich hätte nicht gedacht, dass ich diesem Mann, dessen Ehrlichkeit mich zu ernsthafter Überprüfung meiner Kenntnisse über das Glaubensgeheimnis verpflichtete, in dem für sein Leben entscheidendsten Augenblick wieder begegnen sollte.

Als mich die Tochter Bruna, die schon im Alter von acht Jahren die geistliche Qual ihres Vaters mit Liebe, Intelligenz und größter Feinfühligkeit verfolgte, ihm in den ersten Tagen der Heiligen Woche vorstellte, sprach ich nicht über Gott mit ihm. Er sagte jedoch, als nähme er ein seit langer Zeit unterbrochenes Gespräch wieder auf mit dem tiefen Blick jenes warmen Nachmittags vor neunzehn Jahren zu mir: „Ich habe begriffen." Er sagte auch deutlich, dass er sich über meinen Besuch gefreut habe, hinzufügend, dass ihn auch weitere Besuche freuen würden. „ich habe begriffen." So begann der frohe Schlussakt eines schwierigen geistlichen Weges.

Erst einen Tag später sprach ich ihm von jenem Gott, der die Liebe, Rechtschaffenheit, Pflicht ist, jenem Gott, dem er in Wirklichkeit begegnet war, und von dem er, indem er sich als Atheist erklärte, vielleicht die Karikatur zurückwies, die ihm von wenig instruierten und inkonsequenten Gläubigen dargeboten worden war.
Ich sprach ihm von Christus, dem höchsten Beweis der Liebe und Herrlichkeit Gottes, von der Kirche, von dem großen Sakrament Christi, von Maria, unserer Mutter. Ich erinnerte ihn mit viel Takt an den ihm von Gott vor zwanzig Jahren geschenkten außergewöhnlichen Augenblick und unsere Begegnung im Jahre 1954.
Gattin und Töchter, die mein priesterliches Wirken mit Klugheit und großer Zartheit unterstützten, unterließen es nicht, mich über das Auf und Ab des geistlichen Weges ihres Familienmitgliedes zu unterrichten.
Wir alle hatten den sicheren Eindruck, dass er seit langem dieses Gespräch erwartete, das am Gründonnerstag, während der Erzbischof im Dom die Messe »in coena Domini« feierte, mit seiner frohen Kapitulation dem Geheimnis Gottes gegenüber, mit der bedingungslosen Hingabe an den Glauben und mit dem Sakrament der Lossprechung endete.
Am Karfreitag litt er sehr unter der Abwesenheit des Priesters, dessen erwünschte Gegenwart ihn ruhiger machte.
Karsamstag war sein »großer Tag«. Vom Rektor der Wallfahrtskirche erbat und erhielt ich das Reliquiar der Tränen und brachte es zum Haus Cassola.

Der Doktor erforschte es lange, küsste es, küsste mit Hingabe das Kreuz, empfing mit Liebe die heilige Eucharistie. Dann schlummerte er ein. Ungefähr eine Stunde später schlug ich ihm vor, die Krankenölung zu empfangen. Er folgte allen Gebeten bis zum Schluss mit einer Aufmerksamkeit und Gegenwärtigkeit, die das so nahe Ende nicht vorausahnen ließen. Er erhielt den Segen mit dem Reliquiar und schlummerte wiederum ein. Es war 14 Uhr.

In der Nacht, während der österlichen Feier, als im Dom das Knistern und der Schein des Feuers der Verkündigung der Wunder Gottes vorausging, hing ich meinen Gedanken nach, und in einem schwer zu beschreibenden seelischen Zustand brachte ich mein erstes priesterliches Wirken auf der Piazza Euripide, Ostern 1973 und die Feiern des zwanzigsten Jahresgedenktages mit der glücklichen Ankunft im sicheren Hafen Gottes des Herrn Dr. Cassola in Zusammenhang.

Ein brüderlicher Freund von ihm drückte mir gegenüber mit Frische und Begeisterung, die im Gegensatz zu seinen Jahren zu stehen schienen, aus: „Ich hörte, dass Mimi Cassola, der jetzt im Sterben liegt, die Gnade des Glaubens erhalten hat. Ich bin wirklich glücklich." Er drückte damit die Freude der vielen Personen, die Dr. Cassola dankbar waren, und die seit langem für ihn das Geschenk des Glaubens ersehnt hatten, aus. Er, der vie- le Jahre lang vor der Mauer ohne »Eingang« gelitten hatte, fand endlich seine Tür.

„Ich bin die Tür", sagte Jesus eines Tages, „wer durch mich hineingeht, wird gerettet werden ..." (Joh. 10,9). Wir, weder ich noch der brüderliche Freund, wussten noch nicht, dass Herr Dr. Michele Cassola gerade während des Festgeläutes der Glocken der nahen Pfarrkirche, die ihm die Freude der Auferstehung verkündeten, schon in das ewige Leben eingegangen war.

V. Migliorisi


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