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Die Christin aus dem Buddha-Tempel

Von ehemaliges Mitglied Freitag 21.05.2021, 07:58


Im Vorort »Holzbrücke« der 13-Millionen-Stadt Tokio leben 500 000 Menschen. Unter ihnen einige Hundert Christen in der Pfarrei St. Elisabeth.

Die Vorstadt »Holzbrücke« galt als eines der ärmsten Gebiete Tokios. Überall nur kleine Holzhäuser und Fabriken. Hier war das große Altersheim der Stadt, ärztlich gut versorgt. Unter den alten, meist seit Jahren und Jahrzehnten bettlägerigen Kranken waren auch einige Katholiken.
Zweimal im Monat ging ich tagsüber hin, um sie auf die heilige Kommunion am nächsten Morgen vorzubereiten. Eines Nachts gegen zwei Uhr schellt das Telefon. Die Nachtschwester der Baracke 8 bittet mich, sofort zu kommen. Es liege jemand im Sterben, der mich sprechen wolle.
Ich setze mich auf das Motorrad und fahre mit dem heiligen Öl zum Altersheim. Der Wächter am Tor kennt mich und lässt mich gleich ein. Die Krankenpflegerin wartet am Eingang. Ich meinte zu wissen, wo der Sterbende liege: ein alter Christ, den ich oft besucht hatte. Doch die Antwort der Schwester: „Nicht ihr alter Christ verlangt nach Ihnen, sondern eine Frau." Aber in Baracke 8 gibt es doch gar keine christliche Frau, geht es mir durch den Kopf.
Die Schwester führt mich an das Bett einer alten Frau, die mich jedes Mal so eigenartig angesehen hatte, wenn ich in die Baracke kam. Ich sehe, dass es nicht mehr lange mit ihr geht. Doch sie ist noch fähig, deutlich, wenn auch langsam zu sprechen ... Ja, sie habe mich verlangt, ich sei doch ein katholischer Priester. Und sie habe über achtzig Jahre gebetet, dass sie vor dem Sterben doch noch einen katholischen Priester sprechen könne. Ich schaute auf die Tafel mit Namen und Alter. Sie ist 98 Jahre alt! Woher sie denn von einem katholischen Priester wisse, fragte ich sie.

Und da kommt langsam, mit langen Pausen ihre Geschichte. Sie sei als Mädchen auf einer katholischen Schule gewesen. Dort habe eine Schwester sie durch drei Jahre unterrichtet. Mit 17 Jahren sei sie Christin geworden. „Ich habe das heilige Wasser empfangen, und dann das Brot Gottes", so drückte sie sich aus. Dann aber sei sie verheiratet worden — wie das damals allgemein üblich war, auf Beschluss und nach Wahl der Familie. Ihr Mann sei ein buddhistischer Bonze gewesen, der weit draußen in den Bergen einen Tempel besessen habe. Sie sei also dort in den Tempel gekommen, habe ihn putzen müssen, habe die vielen Gräber besorgt und bei den Totenfeiern den Weihrauch angezündet. Ihr Mann hätte ihr erlaubt, zur Kirche zu gehen, aber da sei ja nirgendwo eine gewesen. Und sie habe dann acht Kinder geboren. So sei es gar nicht möglich gewesen, jemals zur Kirche zu kommen. So habe sie 70 Jahre dort gelebt. Inzwischen sei ihr Mann gestorben. Die Kinder seien auch alle tot, und vor zehn Jahren wäre ein anderer buddhistischer Priester gekommen, so dass sie den Tempel hätte verlassen müssen. Seitdem sei sie hier im Altersheim.

Ich fragte sie, ob sie denn all die Jahre auch an den Gott der Christen gedacht habe. Da schaute sie mich erstaunt an und zog mühsam ihre rechte Hand aus der Decke. Sie hielt einen Rosenkranz. Und dann hörte ich: „Ich habe all die Jahre, ohne einen einzigen Tag jemals ausgesetzt zu haben, täglich und oftmals täglich, beim Putzen und bei den vielen Totenfeiern, ich habe immer die Kette der Madonna in den Händen gehabt oder in der Tasche. Und ich habe täglich zu ihr gebetet, dass ich doch vor dem Sterben noch einmal einen Priester finde, der mir das Brot Gottes bringt."
Und nun fing sie an zu beten, das Vaterunser und das Gegrüßt seiest du, Maria. Während sie betete, habe ich mit der heiligen Krankensalbung begonnen. Es war nicht mehr Zeit zu verlieren. Kaum war ich fertig mit der heiligen Handlung, da war sie schon betend, mit der »Kette zum Himmel«, wie sie es ausgedrückt hatte, zu der gegangen, die sie ihrem Sohn vorstellen würde; an der Hand der Mutter, die kein Kind verlässt, das mit der Kette des Rosenkranzes an sie gebunden ist.

Pater Gereon Goldmann, OFM, Tokio


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