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ZAR UND ZIMMERMANN

Von egalis Freitag 21.01.2022, 23:51

Unverhofft stieß ich auf den Text des Liedes:
Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen…
Und mich durchfuhr – ja was denn? – ich kann es kaum beschreiben, war es ein freudiger Schreck? Erinnerung überflutete mich. Wie war das damals?

Ich hatte mein Landjahr beendet, war verlobt und konnte bei meiner alten Firma im Ruhrgebiet wieder anfangen, wenn auch in einer anderen Abteilung als der Verwaltung, jetzt im Einkauf. Hier war ich mit anderen Frauen im Schreibbüro für die zu schreibenden Geschäftsbriefe zuständig. Die Sachbearbeiter kamen zu uns herüber, gaben uns die besprochenen Platten oder diktierten direkt in die Maschine oder riefen uns zum Diktat.
Im Laufe der Zeit baute sich eine gute Gemeinschaft auf. Wir Stenotypistinnen hatten bald unsere Favoriten. Oder war es umgekehrt?

Mit einem Kollegen unterhielt ich mich besonders gern. Wir waren beide Bücherwürmer. Er war Tenor im Theaterchor und das interessierte mich. Auch hatten wir streckenweise einen gemeinsamen Heimweg, den wir manchmal singend gingen. Dass wir uns sympathisch waren, war nicht zu verbergen. Ich hatte aber meinen Ostfriesen und den Ring am Finger und keinen Sinn für Amouren. Und er auch nicht. So konnten wir gut miteinander umgehen.

Irgendwann beschlossen beide Abteilungen, sich zum Kegeln zu treffen, und das wurde alle paar Wochen eine feste Einrichtung voller Vergnügen.
Knapp drei Jahre war ich in der Firma, dann sollte geheiratet werden und mein Umzug nach Ostfriesland stand bevor.

Ein letztes Mal wollte ich noch beim Kegeln dabei sein und man plante einen Abschiedsabend. Unser Tenor wollte mir ein Ständchen bringen und fragte mich, was ich gerne hören wollte. Es waren zwei oder drei Stücke. An einen Beitrag erinnere ich mich besonders: Freunde, vernehmet die Geschichte von einem jungen Postillon…
Aus dem „Postillon von Lonjumeau“ von Adolphe Adam. Die anderen Lieder weiß ich nicht mehr. Mir ist nur noch erinnerlich, dass uns Tippsen seine Gesänge sehr angerührt haben. Herzlicher Applaus war unserem Tenor sicher. Der Abend ging seinem Ende zu und da sagte er, dass er noch ein Lied für mich hätte, das wolle er mir schenken. Wir waren ganz Ohr und er sang.
Er sang und es war um mich geschehen: Die Tränen liefen.

Jetzt, während ich dies schreibe, höre ich das Lied, von Fritz Wunderlich gesungen, im Hintergrund und es geht mir ähnlich wie damals beim:
Lebe wohl, mein flandrisch Mädchen, wider Willen musst du fort, (hatte er umgedichtet), aus Albert Lortzings Zar und Zimmermann. Meine Augen sind feucht. Ich sehe ihn dastehen und singen und sehe uns um ihn versammelt und ergriffen zuhören.
Unter den Abschiedsgeschenken fand ich von ihm eine Schallplatte und war noch einmal erschüttert, weil sie mir offenbarte, was er vor mir verborgen gehalten hatte: Geschrieben hatte das Lied Ludwig van Beethoven und Dietrich Fischer-Dieskau sang es: Zärtliche Liebe (Ich liebe dich so wie du mich)
.„Mein“ Sachbearbeiter ist nur wenige Jahre später jung verstorben, teilten mir meine ehemaligen Kolleginnen mit.
Diese Episode war so lange verschüttet. Das Lesen des Liedes holte das Erleben wieder hervor
Vergessen habe ich ihn nie.

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