WÄRE ICH - BLIEBE ICH DOCH
Von
egalis
Donnerstag 15.09.2022, 22:15
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egalis
Donnerstag 15.09.2022, 22:15
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Meist schon gleich nach der Einschulung wird von lieben Menschen wie Onkel, Tante oder sonstigen großen Leuten mit sich hebender Stimme gefragt: „Naaa, was willst Du denn mal werden, wenn Du groß bist?“
Ich hatte meinen „Werde-Wunsch“: Bäuerin, Gärtnerin oder Förstersfrau.
Vorerst blieb das tägliche in die Schule gehen.
Hausaufgaben für morgen: Wäre ich doch bloß schon fertig damit...
Ungeliebtes Rechnen: Wäre bloß die Stunde schon um...
Nachsitzen: Wäre ich bloß nicht so vorlaut gewesen...
Die Schulzeit endete. Was ich nun werden wollte? Das hatte sich seit den Befragungen der Großen nicht geändert:
Bäuerin, Gärtnerin oder Förstersfrau.
Der Mann bei der Berufsberatung war entzückt: Das Mädchen will in die Landwirtschaft??! Na wuunnderbaaar!! Wäre es doch nur ein Jahr älter und etwas kräftiger gebaut!
Wäre ich doch größer und stärker! – Nein, ich konnte es nicht durchsetzen.
Ich sollte etwas „Anständiges“ lernen. Einen Beruf mit Zukunft und Aufstiegchancen. – Optiker vielleicht? Der Meister sah von einer Anstellung ab: Wäre Ihre Tochter etwas weniger kindlich... – Ich spielte während des Vorstellungsgesprächs mit seinem Pudel...
Ein Rechtsanwalt erbarmte sich. Nun saß ich im Büro und die „Wäre-ich“ reihten sich aneinander:
Wäre bloß dieser Tag schon um, das Jahr, die Lehre. –
Das ging vorüber und die „Wäre-ichs“ wurden zunächst weniger. Bis ich meinen ersten selbstverdienten Urlaub auf Borkum verbrachte, mich in die Insel verliebte und mein Traum von Landwirtschaft wieder auflebte, als ich auf einem Hof dort Reiten lernen und helfen durfte.
Wäre ich doch erst wieder dort! Die Eltern sahen nun endlich ein, dass der Wunsch nicht unterzukriegen war und ließen mich ziehen. Es wurde eine nicht ganz leichte, aber wunderschöne Zeit.
Wenn auch die Wäre-Sätze, die sich zunächst in Wohlgefallen aufgelöst hatten, dann auf andere Ziele gerichtet, wieder in den Kopf kamen.
Zwischenmenschlich hatte sich etwas getan. Und so seufzte ich manchen Wäre-Satz in den Seewind oder am Pferdehals: Wäre er doch wieder da. Wäre ich doch bei ihm.
Es ist der Lauf der Dinge: Alles zu seiner Zeit. Ich wurde Ehefrau und Mutter und viele „Wäre-dochs“ trugen sich erneut in den Alltag, das Wohlergehen der Familie betreffend.
Für mich selber schlich sich schon mal der Gedanke vor dem Spiegel ein: Wäre ich doch etwas schlanker; wäre mein Haar doch blonder! Für beides gab es die „EF“-Lösungen: Futtere die Hälfte und Frisör.
Dann nervte mich eine Freundin mit ihrem „Wäre-ich-doch-schon-Oma“... Und es gab dann kein anderes Thema, als sie es endlich war. Ihre Begeisterung wollte sie auch auf mich übertragen: „Wärst du doch auch erst Oma“. Ich wollte das aber noch nicht.
„Wäre ich doch endlich Oma“, habe ich nie gedacht.
Aber wird man danach gefragt? Eines Tages kündigt sich da etwas an und nun denkt man nicht mehr für sich; sondern für seine Kinder, die werdenden Eltern: „Wäre es doch schon so weit!“ -
Und es wurde und jetzt stimme ich gern mit ein in den begeisterten Chor der Großmütter.
Wäre ich doch etwas schlanker, ist ein geschrumpfter Wunsch geworden gegen den, gesund zu sein. Die Haare produzieren längst selbst natürliche Strähnen und jedes weiße Haar wird mit einem „AHAA“, zwar nicht überaus freudig, so doch begrüßt. (Besser ein neues weißes wächst nach, als dass dem Ausfall gar nichts folgt!)
Das „Wäre-ich-doch“ hat sich umgewandelt in:
Bliebe ich doch -
(nämlich: gesund und noch lange Oma!)