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Urlaub mit Einlagen

Von speedygonzalez Dienstag 22.03.2022, 09:40

Im Jahr 1963 bin ich nach Basel in die Schweiz gezogen und habe 1964, nach knapp einem Jahr und Eingewöhnung meinen ersten eigenständigen Urlaub gemacht.
Mein Ziel Aixe en Provence hatte ich 2 Jahre vorher schon einmal gesehen und die Jugendherberge hatte mir gut gefallen. Vorweg ist anzumerken, dass es damals auf dieser Strecke noch keine Autobahnen gab. Vor zwei Jahren von Mülhouse über Belfort, Besançon und Lyon ins Rhonetal und dieses dann abwärts bis nach Aix en Provence. Mit dem jetzigen Wohnsitz in Basel, schien es angebrachter, auch um die neuen Lande kennen zu lernen, durch die Schweiz Richtung Genf zu fahren und dann erst in Richtung Lyon ins Rhonetal vorzustoßen.
Gut so. Bis Genf auf gut gebauten Landstraßen soweit keine erwähnenswerten Vorkommnisse. Auf dem Weg südwestlich Richtung Lyon gab es einen langen Tunnel, durch den man dann herauskommend die weite Landschaft vor sich liegen sah.
Und dann spürte ich es, die Luft hatte sich verändert, sie war weicher und ein ganz typischer Duft lag in der Luft, eben genau der, an den ich mich von meiner Reise vor zwei Jahren erinnerte. Später habe ich mir einen Bildband von der Provence gekauft auf dessen erster Seite ein Spruch stand, dem ich voll und ganz zustimmen konnte: „Mit meinem Atem fasse ich den Hauch, der ich spüre es, aus der Provence kommt.“ Lavendel und Pinien vorwiegend, meine ich.

Auf der Strecke bis nach Aix gab es nichts Neues, die Strecke kannte mein Heinkelroller schon. Diesmal gab es durch den Fallwind aus den Cevennen einen Rückenwind, der mich mit kaum Gas dieses Tal hinunter trieb. Anders, als vor zwei Jahren, wo mich dieser Wind derart abgebremst hatte, dass ich mit Vollgas knapp 60km/h erreichte. Und de Roller konnte recht gut 120km/h laufen. Jetzt also die Wiedergutmachung.
Besten Mutes kam ich in Aix an, fand auch auf Anhieb diese Jugendherberge wieder und erhielt eine herbe Enttäuschung. Das Haus war in einem echt desolaten Zustand. Der Inhaber hatte gewechselt und jetzt war da ein schmieriger Typ, Engländer, der es sogar fertig gebracht hatte über dem Schlafsaal der Mädchen ein gut kaschiertes Loch in die Decke zu machen und abends die Frauen zu beobachten. Es waren auch nur 4 oder 5 Gäste dort mit denen er dauernd aneckte. Davon zwei Schwestern aus Brüssel, die sich aber derart unwohl fühlten und beschlossen hatten, nach Cassis weiter zu trampen.
Eigentlich ein Bewunderer des Malers Paul Cezanne, der besonders die Gegend um Aix en Provence, insbesondere immer wieder den Mont Saint Michèle, gemalt hat und so reizvoll und erinnerungsbeladen die Umgebung auch war, so wenig hielt es mich unter solchen Umständen dort. Ich fuhr auch weiter nach Cassis.
Die Beschreibung der Jugendherberge dort, machte es mir leicht. Cassis, ein kleines Fischerdörfchen findet man auf der Strecke von Marseille nach Cannes in einer schlanken Calanque, wie die fjordähnlichen Einschnitte hier genannt werden. Die Berge hier, kaum bewaldet, fallen fast lotrecht zum Meer ab. Ziemlich weit nach vorne an der Küste, hoch oben auf dem Bergrücken lag die Jugendherberge. Eine kaum erkennbare Zufahrt, mehr für Jeeps geeignet war alles. Den Hinweis mußte man mehr erahnen.
Aber dort angekommen, war es wie Frieden finden. Wenn im Abendglanz auf der anderen Seite der Calanques das Cap Canaille rosarot glänzte und man nur die Hummeln im Gebüsch oder die eine oder andere Glocke einer Ziege hörte – das vergisst man nicht. Dieses Cap liegt 400m über dem Meeres-spiegel und fällt fast senkrecht ab und setzt sich unterwasser genausoweit in die Tiefe fort. Der Fischfang in diesem Städtchen geht fast ausnahmslos nach Marseille. Einmal bin ich frühmorgens um 4 Uhr mit den Fischern rausgefahren. Es gab beeindruckende Bilder von dem hellblauen absolut stillen Wasser, den tiefblauen Hemden der Männer, deren gelben Fischerhosen und dem Fang. Es waren sehr schöne Tage dort oben.
Eine Szene vergesse ich auch nicht. Mittags nach dem Essen, als Ruhe eingekehrt war und man nur noch die Bienen in der Pergola über der Terrasse hörte, saßen weiter vorne auf einem Mäuerchen ein Junge mit einer Gitarre und ein Mädchen. Er spielte „Summertime“ aus Porgy and Bess und sie sang dazu. Eine Szene, die ich mir gern in Erinnerung rufe, wenn es mir einmal besch…. Geht.

Die Heimfahrt machte mir dann wirklich seriöse Probleme. Geschätzte 1000 kam bis nach Basel. Eigentlich gut zu packen, wenn man bedenkt, dass ich vor 2 Jahren die Strecke nach Bacelona, 2000km auch in 4 Tagen gemeistert habe. So brach ich um halb elf auf und nahm hinter Marseille die Route Napoleon Richtung Genf. Alles bei bestem Wetter. Ein paar Sturmwolken links oben in den Seealpen waren weit weg. Halbwegs, am frühen Nachmittag teilte sich dann die Landstraße in eine längere, bessere und eine kürzere Strecke. Die Sturmwolke, inzwischen eine saftige Gewitterwand, war näher gekommen. Ich wählte die kürzere Strecke und hatte auch gleich mit sehr schlechten Straßenbedingungen zu kämpfen.
Und dann brach es los. Ich fuhr direkt in eine Wasserwand. Meine Stiefel waren im Nu bis an die Knie gefüllt. Wasserlachen, deren Tiefe ich nicht abschätzen konnte, bremsten mich von 100 auf 60 km/h ab. Das war mir dann doch zu gefährlich. Also drehte ich um, bekam auch noch den Rücken total nass und nahm die andere jüngere Strecke. Route „Napoleon“ : bei dem musste man auch immer mit Überraschungen rechnen, die Piste trug diesen Namen zu recht.
Um halb neun war ich, ziemlich fertig, in Genf und es stellte sich die Frage, wo um Himmelswillen ich nun noch ein Nachquartier bekommen könnte, was auch einigermaßen erschwinglich war.
Da die Reststrecke nach Basel „nur“ noch 500km war, entschied ich mich zu einem kräftigen Abendessen, mit Entrecote, Pommes und Salat und dann weiterzufahren. Die Straßen, keine Autobahnen damals, waren besser, als die Route Napoleon und es ging zügig heimwärts.
Um halb zwei kam ich durch die Vororte von Basel, kreuzlahm, wie nie zuvor. Unmöglich mich grade hinzustellen, um mein Gepäck vom Roller zu nehmen. Ich schlich mich, krumm wie ein Krüppel, hinauf in mein Zimmer und hockte mich aufs Bett, um mich auszupellen. Wann meine Mühen, mich zu strecken zu Ende waren, kann ich nicht mehr sage. Um 2 Uhr am Sonntag wurde ich wieder wach.

Wenn ich jetzt zurückdenke, müssen das um die 1000km gewesen sein. Die Streck e wird heute nach Google Maps kürzer dargestellt, weil mit viel Auto-bahnen. Dann habe ich, abgesehen von den 30 min Pause in Genf, 15 Stunden auf dem Bock gesessen, bin 2x total durchnässt worden, vom Sekundenschlaf ganz zu schweigen.
Es ist so nie wieder vorgekommen – aber die Momente oberhalb von Cassis in den Bergen, die vergesse ich nicht.

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