RAUNÄCHTE - ZWÖLF NÄCHTE
Von
egalis
Montag 27.12.2021, 21:52
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egalis
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Was ist das für ein Glück, dass ein neues Jahr anfängt, ohne große Unglücke in den letzten Tagen vom alten Jahr und in den ersten Tagen vom neuen Jahr. Denn dies steht geschrieben und ist besonders in älteren Zeiten erzählt worden und von meiner Mutter weiß ich das auch:
In den Nächten zwischen dem Heiligen Abend und dem 6. Januar, den Heiligen Drei Königen, toben Geister durch die Lüfte.
Da ist einmal die dämonische Frau Berchta am Werke. Sie ist besonders am Dreikönigstag unterwegs und straft faule Spinnerinnen. Da es aber noch kaum Spinnerinnen gibt, hat Berchta nicht viel zu tun und ist vielleicht deshalb besonders knatschig und überlegt sich andere Untaten.
Sie ist nicht allein unterwegs.
Der Wilde Jäger mit einem grausigen Gefolge, das sich aus unseligen Toten, aus Gerichteten, aus Selbstmördern und anderen armen Seelen, die keinen Frieden finden, besteht, ist in diesen Nächten ihr Gefährte. Er galoppiert mit einem vielköpfigen pechschwarzen Ross durch die Lüfte, seine Geister im Schlepptau. Sie bilden schwarze Wolkengetüme und die fegen über den Himmel. Da heult und zischelt, klabastert und saust es um Hausecken, dass einem angst und bange wird.
Wehe, es ist ein Mensch in einer solch furchtbaren Nacht draußen! In der Finsternis ist keine Hand vor den Augen zu sehen. Der Sturm wird ihn beuteln und durcheinander schütteln, dass er nicht mehr weiß, was vorn oder hinten ist, wo er herkommt und wohin er will.
Fenster und Türen sind geschlossen zu halten. Insbesondere auch die Stalltüren, damit die Kühe nicht irre werden vom Anblick und Getöse der Geister und dann von einem Moment auf den anderen keine Milch mehr geben. Schweine eignen sich dann nicht mehr zum Schlachten. Sie sind innerhalb kürzester Zeit nur noch magere Gerippe. Auch darf der Bauer keinen Mist auf die Äcker bringen. Es wird nichts gedeihen.
Auf keinen Fall aber darf die Hausfrau in diesen Tagen Wäsche waschen und draußen aufhängen! Denn finden die umtriebigen Geister ein weißes Leintuch, so reißen sie es von der Leine und werfen es im Laufe des Jahres als Leichentuch über das Haus, wo dann jemand sterben wird.
Viele Tücher werden sie in der heutigen Zeit wohl nicht finden, denn die meisten Haushalte haben einen Wäschetrockner und der steht unter Dach und Fach. –
Womit man sieht, dass es die alten Geister heutzutage gar nicht so leicht haben, ihren Bedürfnissen und Bestimmungen nachzukommen.
Nachts sollten die Schlafzimmerfenster nicht geöffnet sein, damit die Frau Berchta und der Wilde Jäger keine bösen Träume zu den Schläfern schicken können.
Träume in den Raunächten offenbaren die Zukunft. Zwölf Nächte, zwölf Monate. In welcher Nacht ein Traum gewesen ist, in dem Monat soll er sich verwirklichen.
Wie gut, dass alles irgendwann vorüber ist. So sind denn in wenigen Tagen die Raunächte vorbei und der Sturm ist dann nur noch Sturm und keine Geistermeute mehr.
©elbondo