GRÜN NICHTS ALS GRÜN 4. Fortsetzung und Schluss
Von
egalis
22.01.2023, 15:43
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Von
egalis
22.01.2023, 15:43
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Also – darüber muss ich jetzt erst einmal nachdenken...
Wozu mir aber nicht viel Zeit bleibt.
Wie ein Schemen steht ein großer Mann vor mir. Es tauchen noch zwei Männer auf, die ich ebenfalls nur unklar erkennen kann. Sie sind kleiner als der erste. Ihre drei Augenpaare funkeln grün.
Der Große scheint der Boss zu sein. Er schaut mich wieder mit grünen Augen an und streckt nun die Hand nach mir aus. Mir wird angst und bange, ich mache mir fast in die Hose. Er sagt etwas. Ich kann es nicht verstehen. Die Sprache ist mir fremd. Es klingt aber freundlich. Er bedeutet mir mitzukommen. Habe ich recht gehört, hat er „Schorse“ gesagt – meinen Namen? Kann nicht, rede ich mir ein.
Er bedeutet mir, dass ich ihm folgen soll. Trotz der scheinbaren Freundlichkeit ist mir nicht wohl in meiner Haut. Ich stolpere hinter ihm her, die beiden anderen Männer spüre ich im Rücken. Durch einen langen, flaschengrünhellen Gang gelangen wir in einen großen Raum. Über uns befindet sich eine Glaskuppel – oder ist es die von vorhin? Auch hier ist alles in grünliches Licht getaucht, aber heller als an meinem Landeplatz. Der Raum ist recht gemütlich eingerichtet. In die Wände sind Schranktüren eingelassen. Butzenbetten wie im Moormuseum? An der einen Stirnwand steht ein Regal, angefüllt mit Büchern. Auf der anderen Seite ist eine Türöffnung sichtbar. Dahinter klappert Geschirr. Die Küche?
In der Mitte des Raumes steht ein großer runder Tisch mit Lehnstühlen drum herum. Wir setzen uns an den Tisch und erstmalig hätte ich Gelegenheit, meine Begleiter genauer zu betrachten, wenn meine Sicht nicht so eingeschränkt wäre. Ich sehe meine Gegenüber nur verschwommen. Ich bemerke, wie der Große in eine Tischlade greift und mir ein Kästchen über den Tisch zuschiebt. Grüne Linsen liegen darin. Setz sie ein, signalisiert mir der Mann. Ich folge dem Hinweis und kann nun plötzlich klar meine Umgebung erkennen. Die Männer mir gegenüber sehen nicht viel anders aus als ich: Sie sind kahlköpfig. Ohne Augenbrauen und Wimpern. Irgendwie kommen sie mir bekannt vor. Ich habe keine Ahnung wieso und woher. Der längere von beiden ist schlank und hat ein schmales Gesicht. Der kleinere hat einen runden Kopf und ist auch sonst kompakter. Woher kenne ich die bloß?
Eine Frau kommt aus der Küche, in der einen Hand ein Tablett mit Essbarem, in der anderen eine Flasche haltend. Sie lächelt mich an. Im ersten Moment erschrecke ich. Keine Haare, diese grünen Augen ... Lilli??? nein, sie ist es nicht. Aber unbekannt ist sie mir irgendwie auch nicht. Sie stellt das Tablett auf den Tisch und entfernt sich wieder. Beim Anblick der guten Sachen läuft mir das Wasser im Mund zusammen. Der Große bedeutet mir mit einer Geste zuzugreifen. Ich lasse mich nicht lange bitten. In der Flasche ist frisches Wasser. Es schmeckt vorzüglich.
Der Mittlere macht sich mit einem breiten Grinsen bemerkbar. Er stößt seine Nachbarn mit dem Ellenbogen an. Nun grinsen auch die! Ich schaue von einem zum andern. Wie auf ein Kommando nehmen sie die grünen Linsen von den Augen und lachen hell auf, als sie mein verdutztes Gesicht sehen. Und jetzt weiß ich auch, warum sie mir bekannt vorkamen. Ich kannte sie mit Bart, Schnäuzer und vollem Haar: Sie merken, dass ich sie endlich erkannt habe und wir fallen uns in die Arme und hauen uns vor Begeisterung auf den Rücken, dass es kracht.
Es sind Klöppi, Dozi und Helweh. Ich habe meine Freunde gefunden! Hier sind sie auf wunderbare Weise, wenn auch sehr fremd geworden, gelandet! Der Große ist Helweh und der berichtet in einer neuen Sprache. Er sagt etwas. Ich krame Block und Kuli hervor. Vielleicht können wir uns mit Zeichnen verständigen. In Ungarn ist mir das prächtig gelungen.
Er nickt beifällig und macht mit der Hand Schreibbewegungen. Aha, ich soll offensichtlich schreiben. Und was? Er spricht sehr ernst und sehr langsam. Ich notiere das so, wie ich es höre und merke, dass das eine Frage ist. Was soll ich aber antworten?
Ich weiß es wirklich nicht. Er sieht mein Unverständnis, zeigt mit seiner linken Hand auf die uns gegenüberliegende Wand. Ehe ich feststellen kann wie, dreht sich die Regalwand, und eine grüne Glasfläche wird sichtbar. Aus einem Stift, den er aus der Tischlade nimmt, bündelt sich ein Lichtstrahl, mit dem er auf die Glaswand schreibt. Und er spricht langsam mit und bei zwei Wörtern zeigt er auf seine Gefährten, bei einem Wort auf sich. In seinen grünen Augen leuchtet erst ein Fragezeichen auf, dann ein Ausrufzeichen, als er mir anmerkt, dass ich verstehe, was er meint. Aber ich begreife nur langsam und es ist ungeheuerlich, was ich erfahre. Helweh weiß auf die meisten meiner Fragen eine Antwort. Die anderen beiden ergänzen. So erklären sie mir, dass man hier unten mit Hilfe der grünen Linsen besser sehen kann. Das habe ich inzwischen auch schon gemerkt.
Danach befinden wir uns im Jahr 1314 nach dem Auseinanderbrechen des Kernreaktors Kringel, Anno 1999. – Also doch! –
Wie Wissenschaftler schon lange vorherberechnet hatten, kam es zur Katastrophe, mit Polabschmelzung, gewaltigen Überschwemmungen, Sekundentod von fast sämtlichen Lebewesen. Ein paar Menschen und vereinzelte Tiere wachten vor kurzem wieder auf, mit bemerkenswerten Veränderungen ihrer Person. Die atomare Urgewalt hatte in deren Hirnen für einen sich in schwindelnder Höhe befindlichen IQ gesorgt. Sie sind fähig, nach dem Sterben gleich wieder zu leben – mit erneuerten Zellen. Demzufolge bleiben sie immer jung und dynamisch. Helweh blinzelt mir zu. Ja, stimmt, ich gehöre ja auch dazu und Pikasso, mein Kater. Wo steckt der bloß? Ob ich den jemals wiedersehe?
Gleichzeitig mit der Zellerneuerung wurde das Wachstum des Moores angeregt. Hätte die Torfbildung für die im Moment vorhandene Höhe von sieben Metern normalerweise 7000 Jahre benötigt, so erreichte es diese Mächtigkeit schon in 1314 Jahren.
Da die Abtorfer nicht die Zeichen der Zeit erkannt hatten, wurden sie von der großen Flutwelle überrascht und bis auf den bedauernswerten Baggerführer fortgespült.
Es schaudert mich bei dem Gedanken an den moorkonservierten Mann. Klöppi legt mir seine kalte Hand auf den Arm. Es soll wohl beruhigend wirken, verschafft mir aber nur eine Gänsehaut. Er grinst und zieht die Hand zurück.
In der Küche scheppert und poltert es. Wir hören den erstaunten Ausruf von dort und ein Katzengejammere. Klöppi will gerade nachsehen, als die Frau hereinkommt. Auf dem Arm hält sie Pikasso! Hat der Kater gemeint, ein Kaninchenloch entdeckt zu haben und ist in den Belüftungsschacht geraten? Die Frau gleitet auf mich zu. Setzt sich auf meinen Schoß, während Pikasso sein Erkennen herausschnurrt. Sie fährt mit der rechten Hand über mein nicht mehr vorhandenes Haar.
Ich bin leicht verwirrt und kann mich nicht mehr auf das konzentrieren, was Dozi sagt, als sie auch noch die grünen Linsen von den Augen nimmt und mich mit vertrauten, grauen Rosi-Augen liebevoll ansieht.
Dazu kommt, dass mich plötzlich eine Müdigkeit überfällt, die dieses unwirkliche Erleben in Watte zu packen scheint.
War wohl doch alles ein bisschen viel.
©elbondo