GRÜN NICHTS ALS GRÜN
Von
egalis
Samstag 21.01.2023, 09:00
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egalis
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Ojee, mein Kopf!
Verschlafen blinzle ich und presse mir die Hand auf die Stirn. Wieso habe ich derartige Kopfschmerzen?
Wie spät ist es überhaupt? Im Zimmer ist es noch dunkel. Der Radiowecker zeigt keine Uhrzeit an, überhaupt kein Zeichen. Die Nachttischlampe will auch nicht. Stromausfall. Mitten in der Nacht. So was Blödes. Na egal, dann kann ich ja noch einmal die Augen zumachen.
Das gelingt mir aber nicht, weil ich noch darüber nachgrüble, wieso der Kopf so schmerzt. Habe doch fast nichts getrunken gestern Abend. Ich musste bloß das Gesöff von Klöppi probieren. Hätte seine Lilli selbst gebraut. Kurz sehe ich sie vor meinem geistigen Auge, diese rothaarige, grünäugige Schönheit. Diese grünen Augen! Wieso habe ich plötzlich eine Schwäche für grüne Augen? Wie die leuchten können... Wie Katzenaugen. Lilli weiß damit umzugehen... Junge, Junge, die könnte mir glatt gefährlich werden. Rosis graue Augen sind dagegen – ja, wie denn? Irgendwie verlässlich...
Wann ist die Bagage eigentlich wieder abgezogen? Wie bin ich ins Bett gekommen? Ich weiß von nichts mehr. Da hatte ich ja wohl doch gewaltig einen in den Puschen.
Über das Grübeln bin ich anscheinend wieder eingeschlafen. Als ich aufwache, ist das Schlafzimmer in grünliches Dämmerlicht getaucht. Der Wecker hat noch keinen Strom. Dafür sind die Kopfschmerzen ziemlich weg. Jetzt aber raus aus den Federn! In dem Moment, wo meine Füße den Boden berühren, ziehe ich sie schon wieder zurück. Platsch hat es gemacht.
Verflixt, wo ist die Taschenlampe? Ich finde sie auf dem Nachtschrank. Na, wenigstens etwas Licht. Ihr dünner Strahl fingert sich quer durchs Zimmer, verfängt sich in grüngrauem Bewuchs auf dem Fußboden, schimmert in feuchten Flecken.
WAS IST DENN DAS? Ich traue meinen Augen nicht und merke, wie sich die Kopfhaut zusammenzieht. Auch das Reiben der Augen bringt kein anderes Bild. Mein Herz schlägt bis zum Hals.
Woher kommt das Zeugs? Ich muss nach unten. Nachschauen, wie es dort aussieht.
Auf bloßen Füßen taste ich mich zur Treppe vor. Hätte ich nur eine größere Taschenlampe! Diese Funzel taugt wirklich nicht viel. Was ich in deren Licht sehe, kann doch gar nicht wahr sein!!
Die Treppe ist mit grünem Filz überzogen, feucht und glitschig. Ich rutsche aus, falle auf den Rücken und poltere die letzten fünf Stufen parterre. Unten lande ich in einer Höhle!
Ich war ja schon immer für Grünpflanzen im Haus, aber was sich hier getan hat, ist des Guten wirklich zuviel! Alles ist mit ebenso einem Filz überzogen wie die Treppe; verzweigt sich in zierlichem Geäst, kriecht die Wände hoch.
Auf den Polstermöbeln haben sich Pilzkulturen breit gemacht. Von den Deckenbalken wedelt Farn.
Die Schranktüren sind aufgequollen. Auch meine Bücher. Meine sämtlichen Bücher! Es ist unglaublich.
Komisch, dass hier kein Lichtschein von draußen hereindringt, fällt mir auf. Es müsste doch längst Tag sein. Ich leuchte zum Fenster hin. Der Widerschein kommt zurück. Ein Fragezeichen klingelt kurz in meinem Kopf. Ich beachte es nicht weiter, muss aufpassen, dass ich nicht noch einmal ausrutsche.
Wo ist eigentlich mein Kater? Ich rufe ihn und im gleichen Moment fällt mir ein, dass ich ihn gestern Abend rausgelassen hatte. Ich will ihn hereinholen. Sicher sitzt er schon beleidigt vor der Tür, weil er die Nacht draußen bleiben musste.
Die Windfangtür lässt sich normalerweise nach außen hin öffnen – mit einem herrlichen Quietschen. Ölen wollte ich die Scharniere nie. So kann ich immer hören, wenn jemand hereinkommt. Aber jetzt quietscht nichts. Die Tür geht nicht einmal richtig auf. Irgend etwas drückt dagegen. Ich kann gerade mal eine Körperhälfte durch die Öffnung zwängen.
Mich trifft fast der Schlag, als ich hineinleuchte: Die Haustür hängt schief in den Angeln, festgehalten von einer schwärzlichen, feuchten Masse. Ich kann es nicht glauben, was ich da sehe und fühle und rieche: DAS IST TORF!!
Mein Herz fängt an zu rasen. Das Blut rauscht in den Ohren.
WAS SOLL DAS?? Ich ziehe die stumme Quietschtür hinter mir zu und begebe mich nachdenklich nach oben, wo ich mich auf die Bettkante setze.
Jetzt mal ganz ruhig. Lass dich nicht ins Bockshorn jagen.
Die haben sich da einen recht aufwändigen und merkwürdigen Scherz geleistet.
Die können was erleben! Schöne Kumpel sind mir das.
Sie können sich ja ruhig lustig über mich machen, weil ich Moorfreak mich für diese Region einsetze. Der Torfabbau MUSS gestoppt werden! Wenn keiner etwas unternimmt, machen „die da oben“ mit uns, was sie wollen.
Ich finde das gut, was die von der Bürgerinitiative 'Rettet das Moor' unternehmen. Klar doch, dass ich mich da beteilige. Aber hier gleich so was abzuziehen!
Also nee, das geht mir doch zu weit.
Wo ist denn... ach hier. Das Handy finde ich unter dem Kopfkissen. 017182382.. - Es geht niemand dran. Helwe und Dozi melden sich auch nicht. Ich laufe von einem Zimmer ins nächste, will aus den Fenstern sehen. Geht nicht. Alle sind mit Grünfasrigem bedeckt. Lassen nur diffuses Licht durch. Draußen muss es inzwischen ganz hell sein. Bloß – wie komme ich da hin? Die Fenster lassen sich nicht öffnen, sind wie festgenagelt.
Ob meine Nachbarn sich schon gewundert haben, wie das bei mir am Haus aussieht? Stimmen habe ich noch keine gehört. Und jetzt fällt mir auf, wie still es um mich herum ist. Kein Auto, keine Fahrradklingel, keine Kinder, kein Flugzeug. Die Stille ist fast erdrückend.
Und nicht ein Vogel ist zu hören!
Das Badezimmer, denke ich. Durch das schräge Fenster könnte ich aussteigen. Auch hier ist die Glasfläche wie grün besprüht.
Na, Freunde, da habt ihr euch aber wirklich viel Mühe gemacht. Ich muss wie ein Murmeltier geschlafen haben, dass ich nichts gemerkt habe. Ist das zu begreifen? - Ich drehe mich zum Spiegel um. Trotz des Dämmerlichts kann ich erkennen, dass nicht ich es bin, der mich da ansieht und die Lippen genauso bewegt wie ich.
WIE ICH? Ich zeige mit dem Finger hin, mache eine Fratze. Der im Spiegel auch. Jetzt wird mir langsam mulmig. Wo ist mein Bart, wo sind meine Haare?? Die Zähne sind noch da. Ich lupfe den Gummibund an der Pyjamahose, sehe an mir herunter: Da unten ist noch alles dran – aber nicht ein einziges Haar ist mehr an mir. Bin glatt und schier wie ein Baby.
Was, um Himmels willen, ist passiert? Ich glaube nicht mehr daran, dass meine Freunde mit mir Schabernack getrieben haben. –
Läuft der Wasserhahn noch? Ja, es rauscht und blubbert in der Leitung. Ein dünner Strahl kommt heraus, etwas dunkel gefärbt, heller werdend. Ich wasche mir durchs Gesicht, trinke einen Schluck. Das Wasser schmeckt leicht salzig. –
Jeans, Hemd, Pulli, Unterwäsche, Socken – alles liegt, wie ich es gestern Abend hingelegt habe, zusammengestapelt auf dem Wannenrand, meine Schuhe stehen noch neben der Tür.
Aber nicht mehr lange. Pyjama aus, Zeug und Schuhe an.
In die Wanne gestiegen, Fenster aufdrücken... Puh. Es geht schwer. Stück für Stück reißt der Bewuchs ab, öffnet sich das Fenster ein bisschen mehr. Es ist tatsächlich heller Tag draußen. Und was ich sehe, ist... nichts.
NICHTS. Nichts als Weite. Grüne, graue Weite.