GRÜN NICHTS ALS GRÜN 2. Fortsetzung
Von
egalis
Samstag 21.01.2023, 17:01
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Von
egalis
Samstag 21.01.2023, 17:01
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nd erzählt mir etwas in Katzensprache...
Menschnochmal! Die Tierstimme kenn ich! Pikasso, bist Du das? frage ich in die Richtung und er stelzt mit erhobenem Schwanz auf mich zu, reibt sich an meinen Beinen. Er ist es. Was ist mit Dir passiert, will ich wissen und er erzählt und schnurrt und ich verstehe ihn nicht und die Welt erst recht nicht mehr.
Ich nehme meinen Kater auf den Arm. Seltsam fühlt er sich an, so ohne Fell. Aber weich und warm und ich bin froh, dass ich etwas Lebendes bei mir habe. Pikasso hangelt sich wie gewohnt auf meine Schulter und legt sich dort wie ein Kragen um meinen Nacken. Währenddessen drehe ich mich vorsichtig gen Westen, bleibe aber sitzen.
Der Weg oder vielmehr das Band bewegt uns weiter. Zu gerne wüsste ich, wie spät es ist. Es hatte zwar zu regnen aufgehört, bevor ich mein Dach verließ, aber der Himmel war noch mit Wolken verhangen. So kann ich auch nicht den Stand der Sonne ablesen. Ob die Jahreszeit die gleiche ist?
Wann wächst das Torfmoos? Im Herbst, im Frühling, ständig? Das Orientieren fällt mir auch schwer. –
Das Kanalmoosgewusele dreht sich nach links. Das Band zieht westwärts-geradeaus weiter.
Unter mir könnte Ostvictorbur sein. Unheimlich. Nur nicht daran denken... Dahinten – das sieht aus wie Teile einer Mühle. Dort links ein Turmgebilde. Der Metallvogel sitzt schief auf der Spitze. Die Kirche von Münkeboe?! Beziehungsweise der Rest davon?
Die Überreste bleiben zurück. Plötzlich tauchen am Wegrand Schilder auf. Wer stellt die denn hier hin? Früher – komisch, wieso denke ich: früher? hat die Bürgerinitiative Schilder aufgestellt. Aber wenn das Torfmoos sonst alles überwuchert, wieso nicht die Schilder? Das Moos zieht nicht darüber hin, es wächst unter den Schildern durch und drückt sie damit hoch, stelle ich fest. – Das Wegband wird langsamer, stoppt vor dem ersten Schild. Ich entziffere:
DIE B.I. DEM LANDKREIS AUF DIE FINGER HAUT, WEIL ER UNS DAS MOOR GEKLAUT...
Kaum, dass ich die Wörter begriffen habe, geht es weiter.
Da – noch ein Schild
„KEINE MACHT DEN MOORVERNICHTERN“, steht in gelber Leuchtschrift darauf. – Weiter geht's:
WIE ERKLÄR ICH'S MEINEM KIND, WENN ES HIER KEIN MOOR MEHR FIND'T?
und LEUTE SEID SCHLAU * STOPPT DEN TORFABBAU.
Die Schilder kenne ich alle. Ich wundere mich wieder, dass das Moos sie nicht verschlungen hat. Führt der Weg der Sprüche wegen hier vorbei? – Jetzt sind wir an einem Doppelschild angelangt. Es steht da wie ein Dach. Auf der einen Seite ist zulesen: ES IST AUS! ABTORFER RAUS! – Gegenüber buchstabiere ich:
UNSER MOOR SOLL WEITERLEBEN * ES WIRD RÄCHEND SICH ERHEBEN! –
Ziemlich pathetisch und wenig lyrisch, finde ich.
Dann schüttelt's mich: Ist das Wuchern die „Rache“ des Moores?
Himmel - WO lebe ich denn??? Aber irgendwie trifft das ja zu - bei all dem, was ich zur Zeit erlebe..
Die Natur ist stärker als wir, habe ich immer gesagt. Gelacht haben sie, meine Freunde. ‚Lass Kringel mal hochgehen‘, hatten sie geunkt. ‚Was meinst Du, was dann mit Deiner Natur passiert?‘
Ein Gedanke schleicht sich in mein Gehirn. Gestern, (ist das wirklich erst gestern gewesen?) an diesem vermaledeiten Saufabend, haben wir davon gesprochen. – In den Nachrichten hat es geheißen, der Austritt von Radioaktivität habe sich als weniger schlimm herausgestellt als zunächst angenommen. Es wurde längst Entwarnung gegeben.
Und wenn doch der Supergau...:?
Lilli hatte laut aufgelacht: Du immer mit deinen Ängsten, Schorse Brück. Mach Dir doch nicht ins Hemd. –
Aber Rosi hatte mich mit großen, angstvollen Augen angesehen.
Wo ist sie jetzt, meine heimliche Liebe? Warum habe ich ihr nie gesagt, wie gerne ich sie mag?
Wo sind meine Freunde geblieben? Wenn sie nun auch irgendwo da unter dem Wuchermoos? Bloß weg mit diesen Gedanken. Ich zwinge mich zur Ruhe und denke an das Nächstliegende:
Es dämmert. Wenn es Nacht wird, muss ich irgendwo bleiben. Meine einzige Sorge ist, dass mich das Moos überwuchern könnte. Aber vielleicht wächst das ja nachts nicht. Ich krieche unter das Schilderdach, mit dem Regencape als Unterlage. Der Kater rollt sich auf meinem Bauch ein. Das hält uns beide etwas warm.
Ich habe anscheinend doch geschlafen. Munter werde ich von einer kalten Katzennase, die mich anstubst. Wir knabbern Zwieback. Ich verspüre Durst. – Torfmoos kann das 20fache seines Gewichts an Wasser aufnehmen. Normalerweise. Dies hier hat gewaltige Speicherkapazitäten. Ich reiße mir eine Ästelung heraus und presse mir das Wasser in den Mund.
Es schmeckt nicht schlecht. Der Kater trinkt aus meiner hohlen Hand.
Eben schiebt sich die Sonne hinter den Wolken hervor. Wenn sie nach wie vor im Osten aufgegangen ist, bin ich mehr nördlich ausgerichtet. Der Weg unter mir bewegt sich nicht weiter. Ich gehe ein paar hundert Meter, bis er eine Biegung macht, noch ein paar Schritte und nun hört er auf. Endet in einer Pfeilspitze, die in eine bestimmte Richtung weist. Ich rufe mir die Landkarte ins Gedächtnis. Wenn ich hier nur einen Anhaltspunkt hätte! Warum habe ich nicht an meinen Kompass gedacht? Aber vielleicht hätte der gar nicht funktioniert, bei all diesen Merkwürdigkeiten.
Ich schaue in die Richtung, die der Pfeil anzeigt und stapfe über das Moor. Ist das nicht die Gegend des Naturschutzgebietes? Da, wo mit Genehmigung des Landkreises Torf abgebaut wird, weswegen sich die Initiative gegründet hat? Wenn DIE das hier sehen könnten, denke ich, das wäre eine Freude!
Ich muss aufpassen, wohin ich trete. Es gibt hier einige Löcher, die nicht einladend aussehen. Die Kieskuhle – wo ist die Kieskuhle? Ist sie noch gar nicht ausgebaggert oder ist sie schon wieder aufgefüllt? Und das Ewige Meer – bin ich nun vor oder nach der Entstehung hier?
Schon eine ganze Weile habe ich das Gefühl, als wenn es bergauf geht. Zum Zentrum des Torfmooswachstums, vermute ich. Von dort scheint das Moos herunter zu wachsen. Mir ist leicht unheimlich zumute.
Was ist das denn da vorn? – Sieht aus wie eine Ausgrabung. Ich schleiche mich vorsichtig näher. Tatsächlich.
Mir bleibt die Spucke weg. Da steckt ein Bagger im Moor! Einer von denen, die beim Abtorfen eingesetzt werden. Der Greifer ist schon ganz, das Führerhaus knapp zur Hälfte freigelegt. Hinter den noch intakten Glasfenstern sind die Schalthebel zu sehen.
DumeineGüte!! Sind das Hände, die die Griffe festhalten?
Ich beuge mich vor, um besser sehen zu können. Es sitzt eine mumifizierte Gestalt in dem Bagger. Schreckgeweitete Augen starren ins Leere. Der Mund ist aufgerissen wie zum Schrei. –
Ich bin entsetzt, springe erschrocken zurück, stolpere über Pikasso, der aufschreiend davonrennt, verliere den Halt und kollere immer schneller abwärts. Es ist glitschig-matschiger Moorboden. Die Zwiebackkiste habe ich längst verloren. - Aber dann – was passiert denn jetzt mit mir? Die Abwärtsrollrichtung kehrt sich um ins Gegenteil: Ich rolle AUFwärts!! Ich zweifle immer mehr an meinem Verstand, will mich aufrichten. Es geht nicht.
Ich rolle und rolle, vom glidderigen Moorboden weg, durch Moose und Heidekraut auf die Kuppel dieses mehr als uhrglasförmig gewölbten Hügels zu. Ich sehe noch, wie sich blitzend eine grünliche Glashaube öffnet.
Das Halbrund wird von magischen Kräften oder was weiß ich gehalten – ich habe plötzlich das Wort STERNWARTE im Kopf. Ja ja, genau! So ähnlich kommt mir das hier vor.
Da rolle ich wie hingezogen auf den Rand zu, kann einen Blick hineinwerfen in diese grünliche Finsternis, will mich festhalten, rutsche ab und jetzt ...
ich fallll......
...lll
…llll
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