GRÜN NICHTS ALS GRÜN 1. Fortsetzung
Von
egalis
Samstag 21.01.2023, 16:59
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egalis
Samstag 21.01.2023, 16:59
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NICHTS. Nichts als Weite. Grüne, graue Weite.
Sie schließt mein Haus bis über die Dachhälfte ein, überwuchert fast das Badezimmerfenster, schlängelt sich am Schornstein hoch.
Was ist mit meinen Nachbarn?
Hier und da erhebt sich ein Mooshügel. Ob die da drunter sind, in ihren Häusern? Mich fröstelt. Ich rufe nach Jann, Habbo, Andreas. Es meldet sich auch kein Karlheinz, Rudi oder Rolf.
Mit Mühe klettere ich auf den Dachfirst. Schaue in die Richtung, wo eigentlich die Bundesstraße sein müsste, der Kirchturm, die Schule.
So etwas gibt es doch gar nicht. Ich fasse es nicht: In der Ferne sehe ich ein paar Büsche und so etwas wie eine Ruine. Irgendwelche Reste ragen aus dem moosigen Gehügele. Und nirgendwo ein Mensch... Ich bin allein. –
ALLEIN!!
Mit zittrigen Knien krieche ich wieder in mein Haus, lege mich aufs Bett, bin ratlos und restlos durcheinander und nicht sortierbare Gedanken schwirren mir durchs Hirn.
Als ich endlich wieder zu mir komme, habe ich immer noch einen Drehwurm im Kopf. Ich höre Regen rauschen. Er pladdert auf das noch offenstehende Badezimmerfenster, schwappt in die Badewanne. Mühsam stehe ich auf und wanke hin. Mit einem Schlag bin ich munter.
Der Regen scheint das Wachstum des Grünzeugs anzuregen. Es wuchert. Und wuchert jetzt durch das offene Fenster ins Zimmer. Wenn ich mich nicht beeile hier herauszukommen, bin ich geliefert.
Mir fällt ein, dass ich im Vorratsschrank eine alte Blechkiste mit Zwieback stehen habe, finde sie auch. Die Dose lässt sich sogar noch öffnen. Der Zwieback darin hat sich gehalten. Mit der Kiste unter dem Arm, der Taschenlampe in der einen Hosentasche, schnappe ich mir noch einen Kugelschreiber und den wasserdichten Schreibblock, den ich mir aus Kanada mitgebracht habe. Das Taschenmesser steckt in der anderen Tasche. Gut so. Ein Moordörper ohne sein Messer? Undenkbar.
Im Vorbeihasten streife ich an der Garderobe mein Regencape. Das kommt mir gerade zupass. Endlich schlüpfe ich durch das immer noch wuchernde Moos auf das Dach. Der Regen hat nachgelassen. Dunst liegt über der Landschaft. Was ist wohl mit dem Kanal? Ob der auch zugewachsen ist?
Was passiert, wenn ich das Dach verlasse? Versinke ich? Ist der Boden begehbar? Vielleicht hätte ich mir die Squash-Schläger unter die Schuhe binden sollen, wegen der breiteren Auftrittfläche. Zu spät. Ich wage mich nicht mehr ins Haus zurück.
Fast muss ich grinsen, als ich plötzlich daran denke, was ich den Besuchern des Moormuseums erzählt habe, wenn wir auf der Hochmoorkante standen und über die letzte vorhandene Moorfläche blickten:
„...und jetzt denken Sie sich mal zurück in die Zeit, als es hier noch keine Straßen gab und alles eine unbegehbare, mit dunklen Wasserlöchern durchsetzte Moorfläche war."
Denken Sie sich mal zurück... ZURÜCK...
Ich bin doch nicht verrückt!! So etwas gibt es nicht. Egal, wie weit die Wissenschaft inzwischen vorgedrungen ist. Aber diese Zeitmaschine war noch immer das Hirngespinst einiger Schlauer. Tatsächlich wurde sie nie wirklich entwickelt.
Wirklich nicht?
Wieso sitze ich hier auf dem Dach und habe eine Moorlandschaft vor mir, wie sie vor über 200 Jahren in dieser Gegend einmal war? Bis hinter den Horizont und weiter...
Aber, wenn das jetzt schon so hoch ist – rund 7 Meter schätze ich – und in einem Jahr wächst Torf einen Millimeter, habe ich gelernt, dann müsste ich ja 7000 Jahre...
UNMÖGLICH!!
Ich glaube es einfach nicht. Es wird Zeit etwas zu unternehmen, sonst drehe ich durch. Wenn ich nur mit jemandem über all das sprechen könnte! Aber soweit ich sehen kann – keine Menschenseele zeigt sich.
Langsam rutsche ich dachabwärts, prüfe die Festigkeit des grünen Pelzes. Mein vortastender Fuß findet Halt. Auch der zweite sinkt nur knöcheltief ein. Schritt vor Schritt wage ich mich weiter. Gummistiefel hätte ich gebrauchen können. Aber die stehen in der Garage und die steckt tief im Torf.
Es ist wohl klüger, den Blick nach vorn zu richten.
An manchen Stellen schimmert das Sphagnum weiß. Dort muss es trockener sein. Ich hüpfe von einem Bleichmooshügel zum nächsten und gelange so – ja, hier muss er irgendwo vor mir sein – zum Kanal.
Ich dachte es mir: wie ein dunkelgrünes Band zieht sich eine gewaltige Torfmoosrolle von Ost nach West – die Richtung des Gewässers. Ich bin neugierig, wie es jetzt im Moor aussieht, wo die Abtorfgesellschaft diesen Raubbau betrieben hat.
In welcher Zeit bin ich denn nun wohl? In einer vergangenen? Oder bin ich der Zeit voraus? Ich komme nicht dahinter. Also zwinge ich mich, nicht daran zu denken und mich auf das zu konzentrieren, was auf mich zukommt. Oder vielmehr, worauf ich jetzt zukomme.
Das sieht aus wie der Sandweg, den ich kenne. Er schlängelt sich an dieser Ahnung von Kanal entlang. Im 19. Jahrhundert war hier – oder jetzt erst? – ein Treidelpfad; wurden – oder werden – die Torfkähne gezogen, mit Menschen- oder Pferdekräften. Im 20. Jahrhundert wird – oder wurde? – der Weg zur Straße ausgebaut. Bin ich nun doch irgendwie rückwärts geraten? Das kann ja heiter werden, denke ich, als ich mir die Historie vergegenwärtige.
Ich betrete den Pfad und wende mich westwärts. Es lässt sich gut gehen. Ich habe aber den Eindruck, dass das Tempo des Vorwärtskommens mit der Koordination meiner Schritte nicht übereinstimmt. Ich drehe mich um, will die zurückgelegte Entfernung schätzen. Da haut es mich von den Füßen, als wäre ich gegen irgendetwas gestoßen. Verdutzt rappele ich mich wieder auf, mache Anstalten weiterzugehen. Da sehe ich Moos und jetzt auch Heidekraut an mir vorüberziehen. Ja – es zieht an mir vorüber. Habe ich Halluzinationen? Ich stehe in Laufrichtung, bewege mich nicht und doch komme ich weiter.
Als ich mich erneut umdrehe, verliere ich fast wieder das Gleichgewicht, weil die Vorwärtsbewegung abrupt abbricht. Ich hocke mich, mit dem Gesicht nach Osten gewandt, hin und denke nach:
Also, nur nach Westen gerichtet läuft der Weg weiter. Ich erinnere mich an den Amsterdamer Flughafen. Dort konnten wir uns auf ein Laufband stellen und wurden von einer zur andren Ecke befördert, ohne uns bewegen zu müssen. Wenn wir darauf Schritte machten, ging es sehr viel schneller vorwärts. So etwas muss das hier auch sein.
Wann wurde das denn hier eingebaut und von wem? Ich erinnere mich vage, dass das mal ein Plan der Torfgesellschaft war, zur schnelleren Torfbeförderung, der aber in der Schublade verschwand.
Ein Ton dringt in meine Überlegungen. Das Miauen einer Katze? Ich horche angestrengt. Da, noch einmal. Ich fiepe mit gespitzten Lippen. Darauf reagiert mein Kater auch immer. Es funktioniert auch hier. Hinter einem Torfbüschel schieben sich zwei rosa Ohren hoch. Darunter leuchten grüne Augen auf. Eine rosa Nase kommt zum Vorschein. Mit einem Satz springt mich ein graufarbenes, nacktes Etwas an, miaut in höchsten Tönen.
Ich schlage erschrocken um mich. Das Wesen lässt augenblicklich von mir ab und bleibt in einiger Entfernung vor mir stehen. Es sieht mich mit dem Blick einer Sphinx starr an und erzählt mir etwas in Katzensprache.
2.Fortsetzung ist in der Mache