Ferdinand -aus dem Leben eines Schwerenöters.....
Von
optik
Mittwoch 06.04.2022, 12:37
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optik
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Er stand kurz vor seinem 80. Geburtstag. Der Gedanke daran ließ ihn gar nicht mehr los, denn er wollte diesen Tag genießen.
Seit gut zehn Jahren lebte er in dieser renommierten Seniorenresidenz. Sein Domizil galt als gehobener Standard, war nicht gerade billig und zeichnete sich damit aus, dass man auf alle Annehmlichkeiten großen Wert legte. Als „Mann von Welt“ war er auch hier bemüht als Gentleman und Charmeur der alten Schule aufzutreten, sah immer noch gut aus und legte großen Wert auf ein dementsprechendes Erscheinungsbild. Er hatte es sich verdient! Krankheiten und den allgemeinen Altersbeschwerden war er bisher stets aus dem Wege gegangen, hatte sie einfach ignoriert. Grundsätzlich beteiligte er sich nie an derartigen Gesprächen, wie er sie zuweilen aus der näheren Umgebung seiner Mitbewohner vernahm. Seine Devise war: Hast du deinen Körper gern, halte dich von Ärger und Ärzten fern. Damit war er bisher gut gefahren und es gab auch keinen Anlass über sein Alter nachzudenken.
Wenn! Ja, wenn!
Es war nur ein Name, der ihn so aufgeschreckt hatte. Plötzlich wurde er von unliebsamen Ereignissen seiner formidablen Vergangenheit eingeholt. Es traf ihn so arg, so als stünde er dem Jüngsten Gericht gegenüber! Und ja! Es befielen ihn recht zermürbende Ängste und Gewissensbisse.
Unverhofft und im Vorbeigehen hatte er vor einigen Tagen ihren Namen aufgeschnappt und in dem Moment war es ihm wie Schuppen von den Augen gefallen. Bei Gott! SIE war es und er hatte sie nicht erkannt! Er konnte sich aber sehr gut vorstellen, dass sie sofort wusste, wer er war. Mit einem Schlage fühlte er sich steinalt!
80 Jahre! Wie in einem Revuefilm liefen so nach und nach die vergangenen Jahre vor ihm ab.
Gerda Schneidereit! Er hatte sie, so zwei, drei Tage schon bei verschiedenen Gelegenheiten gesehen, sie aber kaum wahr genommen oder beachtet. Bei den Mahlzeiten saß sie etwas entfernt und er war ja viel zu sehr mit seinen, ihm wohlgeneigten Tischdamen beschäftigt.
Doch jetzt war er aufgeschreckt.
Gerda Schneidereit wirkte nun, -bei näherer und ganz diskreten Betrachtung noch recht jugendlich und beschwingt. Ja, er musste zugeben, sie hatte sich trotz des Alters top gehalten und naja! Er war dagegen noch wesentlich attraktiver, gar nicht gealtert, und doch: Seit er ihren Namen wusste, empfand er plötzlich sein Leben ganz entsetzlich offen gelegt. Er sah sich in einer -für ihn, äußerst unbehaglichen Lage. Er fühlte sich als sei ihm der Boden unter den Füssen entrissen worden,
-außerdem beobachtet. Es wurde ihm peinlich. Er hatte plötzlich den Eindruck heimliche Blicke von ihr zu spüren, in denen er einen leichten Anflug von Spott oder ein hinterlistiges Grinsen zu erkennen vermochte. Seine gute Laune, sein ihm angeborener Frohsinn waren mit einem Schlage dahin
Gerda Schneidereit! Von all seinen amourösen Begegnungen hatte sie einen niederschmetternden Eindruck hinterlassen. Sie hatte ihn damals ganz schnöde abblitzen lassen, ihn bloßgestellt, gedemütigt, ihn einen Weiberhelden genannt und sein Weltbild für einige Wochen total aus den Fugen geworfen. Sie hatte ihn wie einen jungen ungehobelten Bengel behandelt. Er hatte sich so entsetzlich erniedrigt gefühlt.
Erinnerungen an all die anderen Damen waren vom Winde verweht. Die zahlreichen Liebschaften und Begegnungen wie Schall und Rauch vergangen. Aus Prinzip hatte er die ihm so sehr zugewandten Damen nie ernst genommen, was bei der Vielzahl seiner Amouren auch zu unnötigen Komplikationen geführt hätte. Er liebte stets weit von einer anderen entfernt, achtete akribisch auf Diskretion um allen Risiken aus dem Wege zu gehen. In seinen zum Teil gleichzeitig laufenden Affären hatte er sich eine gewisse Logistik anerzogen. Ihm war durchaus bewusst, oftmals nicht als Ehrenmann gehandelt, auch so manches zarte Herz unglücklich zurück gelassen zu haben. Vor gehörnten Ehemännern lebte er auf der Hut, sie waren ihm zu gefährlich, nannten ihn einen Schürzenjäger. Wie unsensibel und schnöde!
Er fühlte sich beileibe nicht als Casanova oder Don Juan. Er war ein Boheme , ein Schöngeist und die holde Damenwelt hatte es ihm leicht gemacht. Sie lechzten regelrecht nach seelischem Schutz und Beistand. Er stand immer parat als liebevoller, charmanter Tröster. Allerdings seiner Devise treu: Alles mitnehmen was sich bietet, doch sobald es kritisch wird, sich rasch zurückziehen. Nur nicht mit unnötigen Gedanken belasten. Nun ja, dafür hatte es sich häufig auch finanziell gelohnt, dafür musste er schließlich auch Opfer bringen. Im Allgemeinen blieb er finanziell immer auf der sicheren Seite und es hatte sich gelohnt. Er war ja bisher mit seinem Leben zufrieden.
Gerda Schneidereit! Er fühlte sich wieder in seiner Mannesehre gekränkt und an unliebsame Situationen erinnert, die ihn erneut bis ins Mark trafen. Ihn, den Mann von Welt, dem zuweilen heute noch die Frauenherzen entgegen schmachteten. Sie hatte ihn durchschaut, ihn abblitzen lassen, ihn bloßgestellt. Nein, so etwas konnte man nicht vergessen.
Zugegeben, mit offenen Karten hatte er nie gespielt -und wollten sie es hören? Er gab alles, wenn es um Streicheleinheiten für einsame Seelen und Herzen ging. Er hatte ein Gespür für die weibliche Psyche, die die Sinne regelrecht dahin schmelzen ließen. Stets hatte er sehr viel Hingabe und Zeit geopfert, wenn sich das schwache Geschlecht nach seinen starken Schultern sehnte. In seinem Unterbewusstsein tauchten nach und nach die vielen Orte auf, die ihm seinen unabhängigen Lebensstil bis jetzt gesichert hatten. Ja, selbst hier in der Seniorenresidenz konnte er einfach nicht wiederstehen. Er machte immer noch gerne Komplimente, schmeichelte den weiblichen Wesen, schaute ihnen immer noch sehnsuchtsvoll hinterher.
Gerda Schneidereit! Brutal und mit einem Schlage hatte sie ein Weltbild aus den Angeln gehoben. Seit er sie erkannt hatte nahm er die Mahlzeiten in seinem Zimmer ein. Er suchte nach Auswegen dieser Dame nicht zu begegnen. Er täuschte ein plötzliches Unwohlsein, einige Erkrankungen vor, bis er sich wirklich malade und ermattet fühlte. Was, so hämmerte es in seinem Kopf, wenn sie aus dem Nähkästchen plaudere, wenn sie seine Identität aufdeckt? Er würde mit einem Schlage den Lästermäulern anheimfallen, er würde zum Gespött der Residenz werden.
Gerda Schneidereit! Dieser Name verfolgte ihn Tag und Nacht, ließ seinen Blutdruck ansteigen, rief eigenartige Schwindelanfälle hervor, ja selbst das Herz geriet ins Stolpern und er fühlte teilweise Bruder Hein nachts an seinem Bett stehen.
In einer seiner schlaflosen Nächte schlich er, von Seelenkummer und Sorgen gepeinigt, in die Bibliothek des Hauses um sich einen Krimi zu holen. Vielleicht, so dachte er, bringt mich eine mörderische Lektüre auf andere Gedanken. Aus dem Stationszimmer grüßte der Nachtpfleger. „Nanu! Was ist los“, fragte er, „heute Abend zu tief ins Glas geschaut und nun nicht schlafen können“?
Etwas verwirrt reagierte Ferdinand. „Wieso? Ich hab nichts getrunken. Ich verstehe nicht, was war heute Abend“, wunderte er sich.
„Na, waren sie nicht bei der Abschiedsfeier? Sehr spendabel und großzügig hat sich Frau Schneidereit gegeben und dass obwohl sie nur zur Kurzzeitpflege hier war. Morgen holt ihr Sohn sie wieder ab“.
„Dann sollte man doch annehmen, es hat ihr hier sehr gut gefallen“ stellte Ferdinand erlöst, erleichtert und übermäßig glücklich fest. Er fühlte sich befreit, vergaß sogar seine Lektüre und ging beschwingten Schrittes, ein fröhliches Lied auf den Lippen in sein Zimmer zurück.
Gerda Schneidereit konnte ihm nicht mehr gefährlich werden, was für eine göttlich
himmlische Fügung.
Sein 80-zigster Geburtstag stand wieder unter einem guten Stern. Selig und beruhigt schlief er ein.