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Die Entscheidung

Von Reineke1794 03.10.2021, 07:27


Norbert ging regelmäßig sonntags zum Kindergottesdienst. Zwei Vorteile hatte dies: Einmal traf er da seinen Freund, mit dem er nach der Kirche immer etwas unternahm und zum anderen gab es beim Verlassen der Kirche immer so ein Faltblatt mit Texten für Kinder. Auf Seite 4, rechts unten dann das Suchbild, auf dem die Veränderungen im Vergleich zu dem Bild nebenan ausfindig zu machen waren.

Einen Höhepunkt gibt es im Verlauf des Kirchenjahres, dessen Bedeutung Norbert gar nicht so wichtig war, sondern nur das Ergebnis zum Ende hin. Es ist das Erntedankfest, das immer Anfang Oktober gefeiert wird.

Nun wird es aber Zeit, Norbert erst mal vorzustellen. 5 oder 6 Jahre mag er alt gewesen sein, als er das besondere Erlebnis hatte. Der Krieg war erst wenige Jahre zuende und im Lande herrschte noch große Not. Lebensmittel gab es vielfach noch auf Karten, so dass es üblich war, diese zu tauschen. Zigarettenmarken gegen Brotmarken, Zuckermarken gegen Milch, Milch gegen Mehl usw. usw. Brot war ein Artikel, der in Norberts Familie immer knapp war, das wusste der Junge. - Nun also Erntedankfest in der Kirche. Neben dem Taufbecken waren deshalb viele Lebensmittel und auch Vorstufen für diese
dekorativ aufgestellt. Gebündelte Weizenähren, ein anderes Bündel mit Roggenähren umrahmten einen riesigen Weidenkorb, der mit Obst und Gemüse angefüllt war. Kartoffeln lagen vor dem Korb verstreut, ein paar rote Rüben und vieles mehr. Da es wenig Sinn machte, den Kindern eine Rübe oder ein paar Kartoffeln oder gar ein Ährenbündel mit nach Hause zu geben, hatte der Pfarrer auch einige Dinge besorgt, die man als Endprodukte der Ernten bezeichnen könnte. So gab es zum Verschenken zum Ende des Gottesdienstes durchaus auch Bonbons, Schokolade, Kaugummi und ähnlichen Süßkram. Norberts Augen waren jedoch während der Dauer des Gottesdienstes nur auf eines fixiert: Auf den großen Laib Brot, der an dem Weidenkorb lehnte. „Lieber Gott, gib doch bitte, dass der Pastor mir diesen Laib Brot anbietet, wenn es zum Schluss des Gottesdienstes zur Verteilung der „Gottesgaben“ kommt, betete Norbert mit aller ihm nur möglichen Inbrunst. Endlich war es so weit. Nicht die Kinder konnten wählen, was sie sich wünschten, sondern der Pastor fragte gezielt ein Kind nach dem anderen ob es dies oder jenes sich als Gabe wünsche. Noch war das Brot nicht vergeben und dann war er dran – Norbert. „Nun Norbert, möchtest du den Laib Brot mit nach Hause nehmen?“ fragte der Pastor.
Norbert konnte es nicht fassen dieses Glück. Er spürte, dass er rot wurde im Gesicht, weil ihm das Blut in den Kopf gestiegen war. Mit großen, ungläubigen Augen sah er den Pastor an, musste in diesem Moment aber daran denken, wie gierig und egoistisch er zu Gott gebetet hatte, dass er eigentlich ganz schön verlogen ist, weil er gar nicht so gerne in die Kirche geht, sondern immer seinen Freund treffen wolle und ihm besonders die Suchbilder am Herzen liegen. Und so geschah es, dass Robert das Angebot des Pastors ausschlug und sich für ein Päckchen Chewing Gum, echt aus Amerika, entschied.

Noch heute ärgert sich Norbert über diese Fehlentscheidung, das hat er mir eines Tages gestanden. Dies war viele Jahre später, als er vor der Entscheidung stand, ob er sich konfirmieren lassen sollte oder zu den Zeiten des Unterrichts mit seinem Freund lieber auf Stenz gehen sollte, was so viel bedeutete, wie abhängen, nach Mädchen auf dem Stadtplatz Ausschau halten usw. Entschieden haben er und sein Freund sich dann doch für den Konfirmandenunterricht. Wollte ich da zu der alten Geschichte einen Vergleich ziehen, ich weiß nicht, wie nun diese neue Entscheidung einzuordnen wäre. Hat Norbert das Brot gewählt oder wieder nur den Kaugummi? Ich weiß es wirklich nicht.

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