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Des Falken letzter Flug Teil 3 von 3 Teilen

Von comanchemoon Dienstag 14.11.2023, 16:36

Ich überließ Sena das Antworten und zog mich feige nach oben in mein Zimmer zurück. Als nach angemessener Zeit Geschirrgeklapper zu hören war, ging ich gemächlich die breite, helle Holztreppe nach unten. Der lange Tisch aus dunklem Mahagoni im Esszimmer war ursprünglich für eine größere Familie gedacht, und so nahmen unsere Gedecke nur einen kleinen Teil davon in Anspruch. Ich wollte Yves nicht ansehen, weil ich nicht wusste, was Sena ihm erzählt hatte. Also widmete ich meine volle Aufmerksamkeit der dampfenden Auflaufform, schützte einen Appetit mit athletischen Ausmaßen vor und bekundete Interesse an der im Hintergrund spielenden CD von La Bottine Souriante. Die Gruppe produzierte mitreißende Klänge der traditionellen Folklore, die man im französischen Part von Kanada so sehr schätzte, vor allem zur Weihnachtszeit.

Sena benahm sich völlig unverfänglich, erzählte von Shops in Montréal, die ich nicht kannte und Yves gab einige Anekdoten aus seinem Arbeitsleben zum Besten. Wir lachten zusammen, kommentierten die Songs und tranken einen trockenen Rotwein. Alles schien in bester Ordnung zu sein. So etwa für dreißig Minuten. Dann klingelte das Telefon, Sena stand auf und kam mit dem mobilen Gerät zurück.

„Es ist Danny, er sagt, er hat etwas zu erzählen, das sein Vater auch hören soll!“ Sie stellte den Ton an.

Danny war ihr jüngster Sohn. Er arbeitete als Trucker und fuhr für gewöhnlich die Strecke von Québec bis nach Californien. Von dort aus ging es zurück über Colorado, Texas und dann wieder rauf in den Norden. Die Tour dauerte normalerweise zehn Tage. Dieses Mal war er überfällig, und ich lauschte seiner Stimme, die durch den Lautsprecher etwas verfremdet klang.

„In den Bergen von Colorado überraschte mich ein außergewöhnlich heftiger Schneesturm. Ich musste anhalten, weil sogar die Hauptstraßen gesperrt waren, und der Streckenposten leitete mich um in eines dieser winzigen Bergdörfer. Ihr wisst schon, alles Holzhäuser mit umlaufenden Veranden und das einstöckige Courthaus mit Glockenturm ist das höchste Gebäude. Vom Strom waren die Leute mittlerweile abgeschnitten, und ich war froh, in einem kleinen Hotel unterzukommen, das die Versorgung über ein Notstromaggregat betrieb. Ich bekam eine warme Mahlzeit und das Zimmer war auch leidlich beheizt. Aus einem der Räume hörte ich jemanden stöhnen und ab und zu einen unterdrückten Schrei. Frauen eilten dort ein und aus wie aufgeregte Ameisen. Schließlich sah ich einen Arzt mit seiner Tasche hineingehen. Als ich nachfragte, sagte man mir, die Tochter des Hauses stehe kurz vor der Entbindung und sie hätten es wegen des Blizzards nicht mehr bis zum Hospital geschafft.“

Danny berichtete weiter, dass er früh schlafen gegangen sei. Mitten in der Nacht wachte er auf, weil er das Gefühl hatte, nicht allein zu sein. Er spürte deutlich eine weitere Präsenz in dem Raum. Sein Herz raste und der Blutdruck stieg. Zitternd tastete er nach dem Lichtschalter. Aber es blieb dunkel.

„Ich muss zugeben, dass ich mich unter meine Decke verkroch“, sagte er. „Nach einer ganzen Weile schalt ich mich selber. Schließlich war ich ein erwachsener Mann, der nicht an Gespenster glaubt. Ich versuchte noch einmal das Licht einzuschalten, und dieses Mal wurde es hell. Die Glühbirne flackerte zwar, aber ich konnte den Raum überblicken und mich vergewissern, dass niemand außer mir hier war. Halbwegs beruhigt schlief ich endlich wieder ein. Und nun träumte ich, und zwar von Großvater. Ich sah sein Gesicht ganz deutlich, er lächelte und rief mir etwas zu, was ich nicht verstand. Dann verschwamm seine Gestalt, löste sich nach und nach wie in einem Nebel auf. Seine Stimme wurde hell und heller, klang schließlich wie das Geschrei eines Babys, und ich wachte völlig schweißdurchnässt auf. Es war mittlerweile Morgen, ich kroch aus dem Bett und blickte durch das kleine Fenster nach draußen. Das Heulen des Sturmes hatte aufgehört, aber Tonnen von Schnee waren heruntergekommen. Die Hoffnung, schnell von hier wegzukommen, konnte ich begraben. Ich nahm eine Dusche, zog mich an und ging hinunter zum Frühstücken. Dort hörte ich wieder das Babygeschrei, genau wie in meinem Traum."

Danny stockte. Offensichtlich fiel es ihm schwer, weiterzureden. Nach einer kurzen Pause setzte er seinen Bericht fort, während Sena, Yves und ich uns neugierig ansahen und kaum erwarten konnten, dass er weiterredete.

Der Hotelbesitzer hatte ihm stolz erklärt:: "Heute Nacht wurde mein erster Enkel geboren und Sie sind der erste Fremde, der ihn sehen darf. Ich werde Sie zu ihm führen. Aber bitte, wir müssen ganz leise sein!" Dann nahm er Danny mit in einen hellen Raum, wo in einer Wiege aus Eichenholz der kleine Junge schlief.

Danny hielt wieder inne und räusperte sich. Sena trommelte mit den Fingern der linken Hand nervös ein abgehacktes Stakkato auf den Tisch.

Endlich redete ihr Sohn weiter.

"Als wir näher traten, öffnete das Neugeborene die Augen und lächelte mich an. Das konnte selbstverständlich Einbildung sein. Und dann sah ich etwas auf seinem Kissen liegen, was da ganz bestimmt nicht hingehörte. Der neue Großvater sah es ebenfalls und hob es auf. Er fragte, wie das wohl in die Wiege gekommen sei, aber ich wusste es natürlich auch nicht."

Eine erneute Pause, und die Spannung wurde rotglühend.

"Es war eine Feder, Mom, die Feder eines Falken!“

Hier endete Dannys Bericht und die Verbindung, die zwischendurch schon geknackt und geknistert hatte, wurde unterbrochen.

Sena und Yves starrten sich an.

„Was ist denn los? Was ist so fürchterlich an einer Falkenfeder, mal abgesehen davon, dass sie in einer Wiege lag?“, fragte ich.

Sena schluckte und war offensichtlich völlig irritiert. Dann löste sie langsam den Blick von Yves und drehte sich zu mir.

„Der Name meines Vaters war Sakwatamó. Das bedeutet ‚He, who sees’ - ‚Er, der sieht’. Gemeint ist damit der Falke!“

by Maggie Milton

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