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Des Falken letzter Flug Teil 2 von 3 Teilen

Von comanchemoon Montag 13.11.2023, 13:34

Als die Stille drohte Präsenz anzunehmen, öffnete sich eine Seitentür und ein großer, schlanker Mann in einem schwarzen Anzug glitt herein wie eine Schlange. Das lange weiße Haar war hinten zusammengebunden, und die dunklen Augen in dem Gesicht, das einer abgenutzten Landkarte glich, fixierten Sena. Mich ignorierte er, was ich dankbar registrierte.

Er begrüßte uns nicht sondern kam gleich zur Sache. „Gib mir deine Hand!“, sagte er mit ruhiger aber zwingender Stimme. Sena gehorchte augenblicklich und erhob sich. So standen sie eine ganze Weile Hand in Hand, wie ein Liebespaar, das nicht recht zusammenpasste. Beide hatten die Augen geschlossen, und ich kam mir außerordentlich überflüssig vor.

Dann öffnete der Greis plötzlich seine Augen wieder, und ich gewann den Eindruck, sie waren nicht mehr dunkelbraun sondern schimmerten grün. Ich erinnerte mich, dass Senas Familienname Greeneyes war und kniff nun meinerseits die Augen irritiert zusammen. Als ich sie wieder öffnete, sah er flüchtig in meine Richtung. Mit dunklem Blick.

„Setz dich wieder und warte!“, sagte er zu Sena.

„Aber ….“

„Du musst mir nichts erzählen, ich weiß es bereits!“

Er verließ das kleine Zimmer geräuschlos, und wir beide blieben verblüfft zurück.
„Ich habe mein Anliegen gar nicht vortragen können!“, klagte Sena.

„Hab ich dir nicht gleich gesagt, dass er ein Scharlatan ist? Sieh dich nur mal hier um. Ein wenig mehr Mühe mit der Dekoration hätten sie sich wirklich geben können. Und wenn es nur zum Schein gewesen wäre.“

„Also fünfzig Dollar für gar nichts!“

„Buch es als Erfahrung!“

„Teure Erfahrung!“

„Lass uns gehen, noch hast du nicht bezahlt!“

Sena klappte gerade den Mund auf um zu antworten, als die Tür sich öffnete und der Schamane in seiner schattenhaften Art wieder erschien. Er blickte Sena fest an und sprach zu ihr in Cree, einer Sprache, die aus sanften melodiösen Schwingungen zu bestehen schien. Nur manchmal wurden die Sätze von kehligen Lauten unterbrochen.

„Ich hatte Kontakt zu deinem Vater. Er lässt dich grüßen und verzeiht dir. Er möchte sich nun lösen und eine neue Existenz zulassen. Es gibt nichts Ungesagtes mehr zwischen euch. Er bittet dich, fortan in Frieden und ohne Groll an ihn zu denken.“

„Aber was wird mit ihm?“

„Ein Junge wird in den Bergen geboren werden und wer weiß …!“ Der Schamane vollendete den Satz nicht. Dann hob er die Hand zum Gruß und wirkte sichtbar entspannter und etwas freundlicher. Sena bezahlte bei der Sekretärin, und wir verließen in beträchtlicher Verwirrung das Appartement.

„Woher hat er das gewusst, mit meinem Vater?“, fragte sie fünfzehn Minuten später, als wir vor einem dampfenden Becher Kaffee und einem Donat mit Boston Créme Füllung bei Tim Hortons’ saßen.

„Wahrscheinlich hat er vorher recherchiert.“, antwortete ich unsicher, weil ich nicht einordnen konnte, was ich glauben sollte.

„Aber er kannte weder meinen Namen, noch wusste er, was ich wollte!“

„Ich meine, die meisten Menschen, die zu ihm gehen, hatten Probleme mit verstorbenen Eltern. Er versucht einfach, es zu erraten. Wenn er zum Beispiel zuerst deine Mutter genannt hätte, wäre ihm deine Reaktion sofort aufgefallen und innerhalb von Sekunden wäre es ihm möglich gewesen, das Thema auf deinen Vater zu lenken. Diese Leute sind Menschenkenner und leben davon, gute Beobachter zu sein!“ Ich wagte einen logischen Vorstoß in die Richtung zivilisierten Denkens.

„Ja, wahrscheinlich hast du Recht! Aber ein eigentümliches Gefühl hatte ich trotzdem!“

Ich beschloss, ihr beizupflichten. Es konnte nichts schaden und würde ihr vielleicht die ersehnte Ruhe bringen. Darum erzählte ich ihr von meiner Beobachtung mit den grünen Augen.

Sie nickte nachdenklich. „Vielleicht ist er ja tatsächlich fähig, Kontakt aufzunehmen. Ich selbst habe schon vieles erlebt, was nicht rationell zu erklären ist. Aber bitte, tu mir einen Gefallen!“
„Fast jeden!“

„Erzähl Yves nichts davon. Er würde mich auslachen!“

Auf dem Rückweg dämmerte es bereits, und es hatte aufgehört zu schneien. Wir fuhren durch eine weiße Landschaft und viele kleine Ortschaften, in denen die Häuser weihnachtlich dekoriert waren. Manchmal sah man auch mitten aus dem Nichts ein einsames Gebäude auftauchen, das mit bunten Lämpchen und leuchtenden Rentierfiguren geschmückt war. Über der gesamten Gegend schwebte wie ein Hauch der Duft von Wintergewürzen und Ahornsirupcookies. Am Himmel stand ein voller Mond, als plötzlich ein Schatten über die Straße huschte und Sena auf die Bremse trat. Der schwere Jeep kam schlitternd zum Stehen. Wir blickten uns an.

„Das sah nicht aus wie ein Tier, mehr wie ein Mensch!“ sagte sie.

„Vielleicht ein Bär?“

„Sei nicht albern, die halten jetzt Winterschlaf!“

„Dann der Windigo!“ Ein unheimliches Gefühl schob sich in schwarzen Schlieren durch meine Gedanken. Mir kam der indianische Waldgeist in den Sinn, dem nachgesagt wurde, er bewege sich in Sekundenschnelle von einem Ort zum anderen und fege außerdem einem Wirbelsturm gleich durch die Köpfe der Menschen, wo er dann ein beträchtliches Chaos hinterließ.

„Den Windigo gibt es nur im Wald!“

„Aber hier war früher Wald!“

Im nächsten Augenblick lagen wir uns schlotternd und zähneklappernd in den Armen.

„B-besser wir fahren jetzt weiter!“ sagte Sena.

Als wir nach North Hatley kamen, fühlten wir uns schon viel besser. Hier wisperten sich die Holzhäuser aus viktorianischer Zeit Geschichten zu, und die Dielen des Fußbodens in dem kleinen Laden, in dem wir noch schnell eine Flasche Wein kauften, knarrten eine alte Melodie.

Senas Heim lag außerhalb der Ortschaft, direkt am Lake Massawippi. Das dunkle Wasser war noch nicht vollkommen zugefroren, denn der See war ungewöhnlich tief. Der Wind trieb kleine Wellen vor sich her und ließ den Schnee an Land aufwirbeln. Yves hatte bereits den Zugang zum Haus frei geschaufelt, und wir beeilten uns, nach innen zu kommen, wo uns die gemütlich knisternde Wärme eines Kaminfeuers willkommen hieß. Senas Ehemann war wirklich fleißig gewesen, und die vorbereitete Tortière brutzelte schon im Backofen. Der Duft dieses traditionellen Fleischkuchens empfing uns bereits an der Eingangstür und füllte die Räume mit seiner appetitlichen Aura. Langsam entspannten wir uns.

„Na, was habt ihr Mädels getrieben?“, fragte Yves.

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