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Des Falken letzter Flug Teil 1 von 3 Teilen

Von comanchemoon 12.11.2023, 14:30

Des Falken letzter Flug


Hier!“ Sena schob die aufgeschlagene Tageszeitung ohne die geringste Vorwarnung direkt auf meinen Teller, während ich am Küchentresen frühstückte. Klatschend landete dabei ein großer Klecks Müsli auf einer Traueranzeige.

Sie wischte die klebrige Masse achtlos beiseite und tippte mit dem Zeigefinger auf eine winzige Annonce, deren Buchstaben fischgrätendünn nach uns stachen.

„Kontakt mit denen, die gegangen sind!“ entzifferte ich einen englischen Text mitten im Sherbrooke Journal. Das war ungewöhnlich, weil hier normalerweise nur französisch gedruckt wurde, und ich konnte nicht den geringsten Sinn darin erkennen. Darunter standen ein Name, Wörter in einer mir unbekannten Sprache und eine Telefonnummer.

Ich hustete, weil mir Haferflocken im Hals stecken geblieben waren, aber Sena deutete dies offensichtlich als Kritik und sah mich aus dunklen, schräg stehenden Augen strafend an, während sie sich wie ein schlecht gelaunter Kobold mit der rechten Hand ihr tizianrot gefärbtes Haar in Form zupfte.

„Ich habe vor langer Zeit schon einmal von ihm gehört! Er ist ein Cree Medizinmann. Ich werde ihn anrufen!“ Sie nickte energisch, wie, um diese knappe Ankündigung zu unterstreichen.

Die fremde Sprache war also Cree, und die Anzeige stammte von einem Schamanen. Anstatt mit Knochen würfeln, bediente er sich offensichtlich moderner Medien. Meine, zugegeben, etwas lahmen Ausführungen über Betrüger, die mit Esoterikdarbietungen ihre Dollars verdienen, wischte sie beiseite wie ein lästiges Staubkorn.

„Mit wem möchtest du eigentlich Kontakt aufnehmen?“, fragte ich schließlich entnervt.

„Mit meinem Vater!“


Zwei Tage später waren wir auf dem Weg nach Montréal. Ich hatte mir ausgerechnet die kalte Jahreszeit für einen Besuch bei meiner Freundin Sena in Kanada ausgesucht und saß trotz zusätzlicher T-Shirts unter dem Pullover aus Rentierwolle fröstelnd neben ihr in dem klapperigen Jeep. Sena hatte tatsächlich ein Treffen mit dem alten Medizinmann vereinbart, und zielgenau zu diesem Termin war ihr bequemer Volvo in der Werkstatt. Daher mussten wir mit dem für Notfälle reservierten Wagen zufrieden sein.

„Es war etwas eigentümlich!“, erklärte sie mir. „Als ich anrief, meldete sich eine Frau am Telefon, die sich als Assistentin vorstellte. Sie wollte noch nicht einmal meinen Namen wissen. Ebenso wenig interessierte sie, was ich bei der Sitzung zu erfahren wünschte. Aber sie erwähnte, dass eine Beratung fünfzig Dollar kostet!“

Nun gut, dachte ich. Fünfzig Dollar sind vielleicht nicht zu viel um jemanden glücklich zu machen, auch wenn es sich dabei wahrscheinlich um Scharlatanerie handelte. Außerdem musste Sena wirklich viel daran liegen, da sie ihr Geld zu hüten pflegte, wie Nordkorea seine Atombomben.

Sena hatte sich ihrem Vater außergewöhnlich stark verbunden gefühlt und ihn bewundert. Aufgewachsen mit neun Geschwistern in einem Reservat der Cree in Sascatchewan, hatte sie den Tagesablauf nicht immer von der üppigen Seite kennengelernt. Das Leben wurde von der Zusammengehörigkeit der Familie und des Stammesverbundes dominiert.

Von frühester Jugend an war sie mit der Spiritualität der indianischen Religion verschmolzen, wurde geprägt vom Glauben an die Natur und die Geister der Ahnen. Daran konnte auch das katholische Nonnenkloster nichts ändern, in dem sie und andere indianische Mädchen im schulpflichtigen Alter erzogen wurden, wie es das kanadische Gesetz damals vorschrieb. Außerdem hassten die Kinder das Kloster, weil sie mit Gewalt von den Familien getrennt wurden. Dem christlichen Glauben führte man auf diese Art und Weise keine Freiwilligen zu.

Später hatte Sena Sprachen und klassische Musik studiert. Nach dem Collegeabschluss heiratete sie einen Franko Kanadier und lebte seitdem in der Provinz von Québec.

Das Paar hatte zwei Söhne, die nun schon seit Jahren erwachsen waren und eigene Familien gegründet hatten. In dem großen Holzhaus im neuenglischen Stil war es daher ruhig geworden, und so war Sena froh über jeden Besucher, denn der nächste Nachbar wohnte eine Meile entfernt.

Seit fast dreißig Jahren war sie nun mit Ehemann Yves verheiratet. Nur einmal, vor zwei Jahren, bekam ihre Beziehung einen ernsthaften Riss, und Sena wollte sich von ihm lösen. Das führte zu einem heftigen Streit mit ihrem Vater, der bis zu seinem Tode, vor einem Jahr, nicht beigelegt werden konnte.

Die dunklen Schleier der Trauer weichen zurück im Laufe der Zeit, machen Platz für neue Gedanken. Nicht so bei Sena. Zäh und unbarmherzig hielt sie an der Vorstellung fest, dass ihr Vater im Zorn gegen sie gegangen war und keine Ruhe fand.

Verzweifelt hatte sie immer wieder versucht, in traditionellen Shamanic Travels, das sind Geistreisen, Kontakt zum Vater und Frieden zu finden. Aber das gelang ihr nicht. Die Verabredung mit dem Schamanen gab ihr die neue Hoffnung endlich das, was sie noch tun musste, zu Ende zu führen.


Die Fahrt dauerte zwei Stunden. Eine lange Zeit in einem Auto, das die besten Tage bereits hinter sich gelassen hatte und in dem es nicht richtig warm wurde. In Montréal war es sogar noch kälter. Vom St. Lawrence River stieg eisklirrende Feuchtigkeit auf und bohrte sich wie stählerne Pfeilspitzen durch die Kleidung in sämtliche Gliedmaßen. Große Schneeblumen tanzten im wirbelnden Reigen vom Himmel herab und legten sich als weiße Flauschschicht auf die parkenden Autos.
Unser Ziel war ein grauer Wolkenkratzer mitten in der City, der größtenteils aus Beton und Glas zu bestehen schien. Auf der Straße gegenüber loderte in Kaskaden aus roten und gelben Farben das Tor zu China Town durch das Schneetreiben hindurch.
Nachdem wir uns in der beeindruckenden Eingangshalle aus hellem Marmor beim Portier angemeldet hatten, schwebten wir mit dem Lift in den fünfzehnten Stock, wo uns bereits eine junge Frau erwartete. Sie trug ein strenges, graues Citykostüm, das an ihr wie ein Fremdkörper wirkte, da Gesichtszüge und Augen die indianische Abstammung verrieten. Nach einer knappen Begrüßung führte sie uns in einen kleinen Raum. Wir nahmen auf billigen Stahlrohrstühlen mit schwarzen Kunstledersitzen Platz. Zwischen uns stand ein nierenförmiger Tisch, der aus den Fünfzigern stammen mochte. Sonst gab es kein Mobiliar. Die kahlen weißen Wände ließen uns trotz der Heizung frieren, und der Fußbodenbelag aus bereits etwas schäbigen Kiefernholzbrettern starrte uns aus Astlöcheraugen feindselig an.

Ich war tief enttäuscht. Eine wortkarge Assistentin im Straßenkostüm anstatt im Lederfransenkleid, schön und gut! Aber ich hätte wenigstens Traumfänger und Medizinräder an den Wänden erwartet sowie dumpfe Trommelklänge, die dank moderner Technik wie von fern aus dem Nichts zu kommen schienen. Das hätte doch eine gewisse Atmosphäre ausgestrahlt!

Sena und ich sahen uns an. Ihr Gesichtsausdruck spiegelte keine Emotionen wieder. Ich zuckte die Schultern und beschloss, mit ihr zu schweigen.

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