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DER GANG

Von egalis Samstag 30.12.2023, 19:40


1997

An herrliche Sonnenuntergänge erinnere er sich, sagt er mir am Telefon. Wie oft hat er sie von der Kanalbrücke, nahe bei den drei letzten Häusern im Moor, betrachtet. Die Erinnerung daran verursacht bei ihm Heimweh, obwohl er schon so lange dem Moorkanal den Rücken gekehrt hat. „Kannst du mir mal bei Gelegenheit Fotos davon schicken?“, fragt er und ich sage zu.

Eines Abends zeichnet sich ein prachtvoller Sonnenuntergang ab. Mein Hund läuft begeistert mit. Die langen Ohren schlappen beim Lauf. Felix legt den Weg mehrmals zurück. Munter springt er dem Stock nach, den ich ins Wasser werfe. Kommt über die Böschung zu mir her und schüttelt sich das Wasser aus dem Fell. Ich bin fast ebenso nass wie er. Das Spiel geht eine Weile weiter.

Wir haben die Sonne im Rücken. Mehrmals schaue ich mich um, will sehen, wie tief sie schon steht. Es ist noch Zeit. Phasenweise mache ich Fotos. Über das Hochmoor hinweg, durch sich gabelnde Bäume, über weite Felder und Wiesen. Nur fehlt mir auf diesen Ansichten das Wasser.
Die Brücke bei den drei Häusern liegt dunkel. Dorthin kommt heute der Sonnenuntergang gar nicht. Sieht man ihn dort zu einer anderen Jahreszeit?
Der Kanal liegt hier tief in seinem Bett und zudem sind wir auf der falschen Seite. Die kleine Privatbrücke wage ich nicht zu benutzen. Der Besitzer ist mit seinem Schäferhund im Garten...

Als ich den großen Kanalbogen durchlaufen habe sehe ich, was ich suchte: Das Spiegelbild des Himmels auf dem Wasser, grobfiligran unterbrochen von den sich von Ufer zu Ufer spannenden Brücken. Farben, fast unglaublich.

Auf der Museumsbrücke lehne ich mich aufs Geländer und lasse das Drumherum auf mich einwirken. Frösche knorksen aus dem nahen Museumsteich ihr Hochzeitslied. Hinten vom Hochmoor tönt die Fanfare eines Fasans und aus dem Wipfel der hohen Birke schickt eine Amsel ihren Abendgruß zu mir herunter.
Irgendwo bellt ein Hund, was meiner wachsam registriert und gleich darauf erstarrt er in angespannter Haltung: Eine Katze streckt sich in geducktem Lauf den Straßenrand entlang. Energisches Zischen von mir hält meinen vierbeinigen Begleiter zurück.

Weit hinten – am Ende der Straße, dort wo der Kanal unter einer weiteren Brücke verschwindet, leuchten zwei Scheinwerfer auf und bleiben auf demselben Fleck. Der Fahrer spricht mit einem für mich nicht sichtbaren Mann. Beide Stimmen trägt die klare Abendluft über Hunderte von Metern zu mir.

Kein Lüftchen regt sich. Der immer mehr orangerot werdende Abendhimmel nimmt das scharfe Durchschneiden der Rotorblätter einer Windkraftanlage als Ergänzung zu sich. Schwarz hebt sich der Umriss ab.

Ein heller Golf rast auf den Parkplatz, spuckt den jugendlichen Fahrer aus. Der leert sich an einem Gebüsch die Blase. Springt wieder ins Auto und jagt mit quietschenden Reifen davon.

Krähen fliegen krächzend durch die abendliche Szenerie. Glühendroter Himmel jetzt im Kanal. Je näher zur Brücke, auf der ich stehe, um so dunkler, verliert sich schließlich über fast Türkis ins Bleischwarzgraue. Einmal wird das Farbenspiel von der schwachen Kielwelle eines knapp unter der Wasseroberfläche schwimmenden großen Fisches unterbrochen.

Gedanken gehen in die junge Vergangenheit. Bringen Verlorenes nahe, machen melancholisch und traurig. Lassen Wasser in die Augen steigen, das sich mit dem Kanal vermischt..
Mich fröstelt.

Das Abendrot erreicht die Fenster meines Hauses nicht mehr.

©elbondo

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