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Tanz der Derwische - Teil II

Von ehemaliges Mitglied Dienstag 19.04.2022, 12:49


Darüberhinaus zwischen den Texten sehr viele bunte Abbildungen, von unbekannten Motiven, wie zum Beispiel tanzende Männer. Die Männer waren weiß gekleidet. Hatten weite Röcke an und komische Kopfbedeckung. Mit ihren weit ausgebreiteten Armen sahen sie wie Engel. Sie drehten sich selbst im Kreis und im einem Kreis. Die Röcke flatterten sichtbar. Die Abbildungen waren sehr lebendig. Sie kreisten, wie die Sternen und Planeten um sich selbst und die Sonne. Der Übersetzer nannte diese Männer Derwische, was so viel bedeutet wie Mönche. Laut dem Text, lebten sie ärmlich, im Einklang mit Natur und strebten keinen Besitzt an. Durch diesen Tanz erlangten sie eine innere Glückseligkeit und erfuhren die höchste Wahrheit. Manche behaupteten sogar eine Verbindung zum Gott erwirkt zu haben.
Unter den Abbildungen waren auch Gedichte, die sie nicht alle verstand. Trotzdem, hat sie die Texte und Erklärungen immer wieder und wieder gelesen.
Die Familie hat sich schon daran gewöhnt, dass Sophie spät in die Nacht sich in der Stube mit den Schriften beschäftigt. Das war mittlerweile ganz normal und störte auch niemanden.
Die Tante kränkelte noch mehr und blieb manchmal den ganzen Tag im Bett. Ihre drei Söhne, inzwischen junge Männer, besuchten im Winter gerne den Dorfkrug, um sich ein wenig des Lebens zu erfreuen, wie sie zu sagen pflegten.
Der Gedanke, mal selber den Derwisch-Tanz auszuprobieren, verfolgte Sophie immer stärker. So hat sie auch eines abends beschlossen, die schon eher vorbereiteten Gewände zu überziehen, um sich in diese andere Welt mental zu versetzen. Sie empfand dabei nichts ungewöhnliches.
„Wahrscheinlich hat das mit der Musik zu tun“ - grübelte sie tagelang danach.
„Es fehlte nur die Musik“, kam sie zu der Ansicht.
Eine Lösung fand sie auch parat. Sie musste nur diese ganze Angelegenheit bis zum Erntedankfest verschieben.
Im Garten, unter der uralten Linde hat sie schon vor Wochen ein Kreis aufgezeichnet und sorgfältig alle paar Tage den gelblichen Laub geharkt. Natürlich, sie wird auch zur Kirche zusammen gehen, dann die Tante versorgen und den jungen Männern klar machen, dass die Hermine sie braucht. Die Musik aus dem Krug dröhnte laut jedes Jahr über die Felder und Wälder. Man hörte sie bis zum nächsten Dorf. Die ganze Nacht, bis früh Morgen.
Der Plan gefiel ihr und so ist auch geschehen.
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Gegen Mitternacht hat sie sich umgezogen, noch schnell nach der Hermine geschaut und verschwand im Garten, wie ein Geist.
Die Kapelle war so laut, dass sogar der Boden bebte.
Zuerst kreiste sie langsam nur um sich herum im Rhythm der Musik. Dann wurde sie immer schneller und schneller.
Nach einiger Zeit entfernte sich in ihrer Wahrnehmung die Musik, dafür empfand sie die Trommel deutlicher.
„In Rhythm der Trommel kreiste sich, wie von selbst“ - dachte sie euphorisch.
Ihr war nicht mal schwindelig. Sie fühlte sich leicht und wunderbar, wie eine Göttin. Ihr Herzschlag und ihr Atem spürte sie im gleichen Rhythmus. Das war ein Erlebnis. Sie glaubte, über den Rasen zu schweben. Eine Glückseligkeit erfasste sie. Sie verfiel in eine Extase und hatte davon keine Ahnung.
Eine leichte Brise von Weiher her kommend, ein Hauch von Wind, hob ihren Rock und die bauschigen Ärmel in die Höhe. Vor ihren Augen und mit ihr zusammen kreisten verschiedene Bilder.
Sie sah diese andere Welt, aus dem unbekannten Buch, sie spürte diese Welt. Nein, sie bereiste diese Welt selbst. Sie sah sich als eine von den wenigen Frauen, die in dem Buch abgebildet waren. Dazu auch viele unbekannte Tiere mit zwei Hügeln auf dem Rücken, oder auch mit einem unglaublich langen Hals. Unten auf dem Boden krochen verschiedene Schlangenarten und liefen bunte Vögel. Die anderen Schnabeltiere oben in der Luft, mit weit ausgebreiteten Flügel, machten ihr teilweise Angst, wenn sie zu nah kamen. Viele Sandberge, Menschen, die ihre schöne, braune Haut mit weißen Gewändern bedeckten. Mitten, in einer Sandlandschaft eine grüne Insel mit vielen Pflanzen und Tieren. Ja, so etwas hat sie noch nirgendwo gesehen.
Sie sah auch ein kleines Mädchen mit einem Mann. Beide flogen lächeln durch die Lüfte. Der Mann hob die Kleine hoch und drückte sie fest an seine Brust. So fest, dass sie nicht mehr atmen konnte.
Trotz dem Wirrwarr von Bildern und Stimmen war sie sehr konzentriert, nicht den aufgezeichneten Kreis zu verlassen, sonst landete sie noch in dem Weiher.
Das war ihr letzter Gedanke. An dem Rest konnte sie sich nicht mehr erinnern.
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Die Sonnenstrahlen durchbohrten zaghaft die Nebelwölkchen und schrieben fremde Zeichen an ihren Wangen, die Vögel lauter als sonst, direkt über ihren Kopf, von Musik keine Spur - so wachte sie auf. Sie fror. Die Kleidung war durchnässt von den morgendlichen Tau.
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Das Erlebte hat sie verändert. Sie zog sich gerne zurück in ihre Stube, um von Oben durch das kleine Fenster direkt an den Lindenbaum zu schauen. Dort ist der Kreis noch gut erkennbar. Wenn sie die Augen schließt, sieht sie ihn tanzen, den einsamen Derwisch. Und sie spürt erneut diese Leichtigkeit und diese Verbindung zur Natur, vielleicht sogar zum Gott. Aus dem kleinen Giebelfenster blickend stellt sie sich oft die frage;
„ Was wäre der Mensch ohne Natur, ohne ihre Schönheit, Großzügigkeit, Reichtum, Vielfalt…?“
Karola

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