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Ein Wunder in einer Bielefelder Arztpraxis

Von ehemaliges Mitglied Montag 16.05.2022, 11:36


Ich saß gerade circa 20 Minuten in einer orthopädischen Arztpraxis und füllte ein Formular aus, die mir die nette Arzthelferin in die Hand gedrückt hat.
Die angenehm leise eingestellte Musik sorgte für Ruhe und Entspanntheit, bei den zu dieser früheren Stunde noch wenigen Patienten, die den ärztlichen Rat dringend brauchten.
Es saßen drei ältere Damen, eine junge Mutter mit einem kleinem Mädchen und ein korpulenter, auch schon grauhaariger Herr. Diese Ruhe und die Wärme im Wartezimmer machten mich ein bisschen schläfrig. Wegen den kräftigen Schmerzen habe ich diese Nacht nicht besonders gut geschlafen.
Das Wartezimmer, oder besser gesagt die Wartezone, war von dem Eingangsbereich durch eine Glaswand getrennt. So konnte man gut den Patientenverkehr beobachten und auch die Anmeldung in Auge behalten. Man bekam auch viel mit, von den Gesprächen an der Anmeldung, ohne sich angestrengt zu haben. Nichts von Bedeutung, Termine, Namen, Telefonnummern, Adressen…
Dann, plötzlich halte es durch die ganze Praxis. Eine Tinnitus auslösende, krähende Stimme zerstörte im Nu diese Harmonie. Ich war sofort wach. Das kleine Mädchen klammerte sich fest an seiner Mutter.
Da sah ich sie, die Frau, die so viel Lärm machte. Eine schmächtige, energische alte Dame. Relativ klein und für ihr Alter zu intensiv geschminkt. Die Haare schulterlang, lockig, braun gefärbt und mit einem schönen rötlichen Glanz. Sie trug einen grauen Mantel, der ihr etwas zu groß war, auf jeden fall zu lang. Die zwei dünnen Beinchen lugten heraus aus den groben Halbstiefel.
„Eine komische Erscheinung“ - dachte ich.
Sie hielt sich fest mit beiden Händen an ihrem Rollator.
Breitbeinig stand sie da, als wollte sie die ganze Kraft für diese Unterhaltung investieren.
Dann hörte ich sie wieder kreischen ;
„Fräulein, ich kann doch nicht jeden Tag hierher kommen. Das Taxi ist auch nicht umsonst. Und ich habe Schmerzen, verstehen sie, starke Schmerzen“ - hallte es durch die Praxis.
Ich sah, wie einer der Ärzte sich der Anmeldung näherte, doch im letzten Moment drehte er sich um und verschwand in einem Behandlungszimmer.
Irgendwie hatte ich das Gefühl, er war sehr froh, dass die Dame ihn nicht bemerkt hat.
Die geduldige Arzthelferin tat so, als hörte sie ihr zu, schrieb jedoch ununterbrochen weiter an ihrem PC.
Die komische Alte schien fertig mit ihrem Monolog zu sein, glaubte ich.
Ein bisschen unsicher schaute sie sich um, holte tief die Luft und fingt wieder wie aus einer Kanone mit ihrem Vortrag…
„Ich möchte den Doktor sprechen“
„Es geht heute nicht. Sie waren gestern hier, am Montag auch. Der Doktor hat noch andere Patienten, die ihn brauchen. Das verstehen Sie doch, Frau Lautmann. Wie ich hier sehe, haben Sie doch Ibuprofen 600 bekommen. Das Rezept habe ich Ihnen persönlich in die Hand gedrückt. Haben Sie sich die Tabletten in der Apotheke besorgt?“ - fragte die pummelige Arzthelferin seelenruhig weiter, ohne ihre Schreiberei unterbrochen zu haben.
„Ja, das habe ich“, antwortete schon etwas leise die kleine Frau.
„Was haben Sie denn mit dem Tabletten gemacht, Frau Lautmann?“
„Na, schön auf das Nachtschränkchen, direkt an meinem Bett gelegt. Oder war das doch die Schublade? Fräulein, sie machen mich bloß durcheinander“.
„Ich muß wohl wissen, warum die Medikamente nicht geholfen haben? Also, Sie haben 2x täglich, morgens und abends, mit viel Wasser …“
Hier unterbrach ihr die alte Dame ganz energisch.
„Ja, ganz genau habe ich gemacht. Von dem vielen Wasser fühle ich mich, wie aufgebläht. Aber der Docktor sagte mir, Frau Lautmann, zwei mal täglich die Tabletten herausholen und viel Wasser trinken. Das habe ich auch getan“ - versicherte sie wieder laut.
„Frau Lautmann, haben Sie heute auch eine Tablette zu sich genommen?“, fragte schon etwas genervt die junge Frau an der Anmeldung.
„Was, die Tablette? Nein, noch nicht, aber viel Wasser getrunken. Hier, habe ich sie“.
Sie holte aus ihrer altmodischen Tasche ein kleines Päckchen raus.
„Schauen Sie mal, die Packung ist noch ganz intakt. Ich mache es ganz behutsam und so, wie der Doktor mir aufgetragen hat, 2x täglich rausholen und viel Wasser trinken“.
„Ja, Frau Lautmann, aber Sie müssen die Tabletten aus der Packung rausnehmen, morgens und abends, dann mit viel Flüssigkeit runter schlucken. Nur das Wasser alleine …“
In dem Moment unterbrach die Frau Lautmann der Arzthelferin laut und energisch.
„Entschuldigen Sie, Fräulein, ich muss mal, dringend“…und lief flink Richtung Toiletten, diesmal ohne ihren Rollator, als hätte sie nie im Leben irgendwelche Beschwerden gehabt.
Ja, die Medizin kann oft Wunder bewirken. Manchmal genügt es nur die Gewissheit, dass man diese zu Hause parat hat.
Karola
P.S.: Kritik erwünscht

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