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Eva König an Lessing

Von EwigerBrunnen01 12.11.2023, 10:13

Bildquelle:
Rattelsdorf (Galerie) - Architekturforum Architectura Pro Homine
Rattelsdorf liegt im Itzgrund zwischen Bamberg und Coburg. Der Ort gehörte seit der Zeit Kaiser Heinrichs II. von 1017 bis 1802 dem Hochstift Bamberg an und war dem Kloster Sankt Michael unterstellt.

Der Rundgang durch den Markt beginnt am Torhaus im…
www.stadtbild-deutschland.org


Rattelsdorf, den 28. Februar 1772
Von einem Dorfe, das sich Rattelsdorf nennt, haben Sie wohl in Ihrem Leben nichts gehört. Auf dem sitzen wir nun beinahe vierundzwanzig Stunden, und wer weiß, ob wir nicht noch viermal vierundzwanzig Stunden hier aushalten müssen. Es kommt auf den Main an, ob der halten will; so wie er jetzt ist, ist er nicht zu passieren, wenn man auch was wagen wollte. –

So viele Hindernisse, wie wir auf dieser Reise angetroffen, mit solchen Beschwerden und Gefahren verknüpft, habe ich in meinem Leben nicht ausgehalten. Es lassen sich wenig Unfälle mehr denken, die uns nicht schon alle begegnet sind. In 36 Stunden haben wir zwei neue Achsen und zwei Stangen zerbrochen; die Pferde sind mit uns durchgegangen und haben über solche Gräben und Hügel gesetzt, daß wir nichts anders als den schrecklichsten Tod vor Augen sahen, bis endlich, da sie wieder über einen tiefen Graben setzen wollten, die Stränge des einen Zugpferdes rissen. Zu unserm größten Glück! denn dadurch verloren sie die Macht, über den Graben zu setzen, und kehrten auf die andere Seite um, wo uns Bauern zu Hilfe eilten, die sie auch glücklich erhaschten.
Gestern sind uns zwei Pferde vor dem Wagen gefallen; bei dem ersten hielten wir uns vier Stunden auf und versuchten alles, um es zu retten; allein es war umsonst, wir mußten es am Ende für den Scharfrichter des nächsten Dorfes liegen lassen. Für Yorik wäre das eine vortreffliche Szene gewesen. Der Postillion war ein Original. So gut als dumm, beides im äußersten Grade. »O Gott, o Gott!« war alles was er vier Stunden lang sagte, wobei er beständig fortarbeitete, um das Pferd auf die Beine zu bringen; es war aber so kraftlos, daß, wenn er es auch etwas in die Höhe hatte, es gleich wieder auf die Seite fiel, wobei er hundertmal in Gefahr war, sein Leben zu verlieren. Ich schrie in einem weg: »Kerl, seid nicht rasend, das Tier ist hin, was wollt Ihr Euch denn auch noch unglücklich machen?« »Ei, was!« gab er mir immer zur Antwort, »da es mit meinem Pferde so ist, so mag es mit mir werden, wie es nur immer will.« Ich sagte, er sollte fortfahren. – »Nein, wenn Sie mich auch prügelten, so gehe ich nicht von meinem Pferde, solange ich noch Hoffnung habe«; und dies hielt er auch ehrlich. Selbst wie es schon krepiert war, mußten wir ihm noch verstatten, daß er es mit den andern Pferden auf einen Acker schleppte, aus dem nächsten Dorfe Stroh und Heu holte; das Stroh, um es damit zu decken, und das Heu, damit es, wenn es wiederauflebte, etwas zu fressen fände.
Der Kerl dauerte mich, denn er war völlig abgemattet; und nun wollte es vollends das Unglück, daß, als wir kaum eine Viertelstunde gefahren waren, ihm im Wasser das zweite Pferd auch fiel. Dies hat er denn doch noch gerettet, weil zum Glück Leute in der Nähe waren, die ihm zu Hilfe kamen. Für uns aber ward es schlimm. Wir waren zwar ausgestiegen; allein unser Wagen stand im Wasser, und die Pferde konnten ihn nicht herausziehen. Wir mußten also drei Viertelstunden weit nach einem Dorfe gehen, durch einen solchen schrecklichen Weg, daß ich diese Stunde noch nicht begreife, wie ich durchgekommen bin. Bei jedem Schritt, den ich tat, mußte ich die Beine mit Macht aus der Erde ziehen, und es regnete, daß ich keinen trockenen Faden auf dem Leibe behielt. »Nun,« sagte ich zu meinem Schwager, wie wir wieder im Wagen saßen, »für heute werden wir doch wohl genug Fatalitäten überstanden haben?« »Will's Gott!« war seine Antwort; aber das »Will's Gott!« traf nicht ein, denn wir mußten noch durch drei Gewässer, die alle drei in den Wagen kamen. Das letzte war so hoch, das alles, was im hintern Chaisekasten lag, naß wurde. Dieses zu trocknen war heute meine Beschäftigung.
So sind mir die paar angenehmen Tage, die ich mit Ihnen zugebracht, wieder vergället worden. Doch nein, das Vergnügen, Sie gesund gesehen zu haben, überwiegt alle das Unglück und noch mehr. Ich bin seitdem weit heiterer und munterer, selbst bei alle den Beschwerden bin ich nicht einen Augenblick niedergeschlagen gewesen. – Dieses schreibe ich Ihnen allein zu; denn bei meiner Abreise von Hamburg war mir nicht so zumute, wie mir jetzt ist ...
Leben Sie wohl, mein bester Freund! Ich bin von ganzem Herzen
Ihre ganz ergebene 
E. C. König.
Beim Datumschreiben fällt mir ein, daß heute Ihr Geburtstag ist. Feiern Sie ihn vergnügt!
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Als ich diesen Briefauszug gelesen habe konnte ich nur dankbar sein, dass wir heute entspannter und komfortabler reisen können.


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