Von EwigerBrunnen01
Freitag 13.08.2021, 09:20 – geändert Freitag 13.08.2021, 15:48
Eigenes Bild - Mallnitz-Tal in Kärnten (Almwiese)
Bei uns Kindern war der Sonntag nicht sehr beliebt. Das lag einfach daran, daß Mutter mir eine schwarze Samthose und ein weißes Hemd überzog und befahl mich gesittet zu benehmen. Daß es anderen Kindern ähnlich erging, vermochte mich nicht zu trösten. Nicht genug damit, auch das sonntägliche Mittagsmahl mußte gesittet eingenommen werden. Ich durfte die Suppe nicht schlürfen, obwohl sie heiß war. Das Messer nahm man mir aus der Hand wenn ich versuchte die harten Kartoffeln zu schneiden. Und vom Mandelpudding erhielt ich stets zu wenig, obwohl ich ihn für mein Leben gern aß. Die Welt war voller Ungerechtigkeiten!
Mein einziger Lichtblick an solchen Tagen war die unumstößliche Regel, dass sich die Erwachsenen nach dem Mittagsmahl zur Ruhe legten, natürlich nicht ohne uns Kinder vorher aufzufordern, leise und gesittet zu sein. So beschloß ich meiner Rosi einen Sonntagsbesuch abzustatten.
Wie immer, wenn ich Rosis gesund duftenden Stall betrat, den sie mit anderen, für mich jedoch uninteressanten Rindviechern teilte, drehte sie ihr schönes Haupt zu mir. Ich trat dann zu ihr und erzählte ihr die Erlebnisse des Tages. Meist wackelte sie zustimmend mit den Ohren oder ließ ein befriedigendes Brummen aus ihrer mächtigen Brust ertönen.
An dem fraglichen Sonntag war Rosi besonders lieb. Sie leckte mir mit ihrer rauhen Zunge über das Gesicht und sabberte mein weißes Hemd voll, was einige grüne Flecken hinterließ. Rosi war nämlich noch nicht mit ihrem Mittagessen fertig. Überhaupt war mir aufgefallen daß Rosi zu viel fraß, eigentlich ununterbrochen. Marka hatte mir zwar gesagt dass dies bei Kühen üblich ist, aber ich hatte an den Mandelpudding denken müssen und glaubte ihr nicht. Als mein Versuch, mit Hilfe des Melkschemels auf ihren Rücken zu gelangen, mit einem Sturz in den Mist endete, beschloß ich Rosi auf eine andere Weise am Fressen zu hindern. Mein Sonntagsstaat hatte ohnehin gelitten. Also kletterte ich auf die Mauer vor Rosi, in die die Futtermulden eingelassen waren. Rosis Trog war noch leidlich gefüllt, dennoch bestahl ich die anderen Rindviecher und füllte Rosis Freßkorb mit duftendem Klee auf. Aber erst sollte sie einmal eine Freßpause einlegen, und deshalb nahm ich kurzerhand von ihrer Freßmulde Besitz. Mein Wunsch einmal bei Rosi zu schlafen, sollte sich erfüllen, denn ein weicheres Polster war nicht denkbar. Die Stallwärme und das verständnisvolle Benehmen von Rosi ließen mich dann selig entschlummern und von ihr träumen bis mich aufgeregte Stimmen erwachsener Menschen jäh in die Wirklichkeit zurückrissen.
„Mein Gott“, wo kann bloß der Junge stecken? Es ist ihm doch hoffentlich nichts passiert?“
Diesen Aufschrei meiner Mutter vermochte ich nicht zu ertragen. Also richtete ich mich auf. Zugegeben, ich hatte damals ein etwas ungutes Gefühl, denn ich war zum ersten Mal bei meiner Freundin erwischt worden. Hinzu kam daß sich meine Kleider in einem unbeschreiblichen Zustand befanden. Aber merkwürdigerweise freuten sich die Erwachsenen über mein Auftauchen ungemein. Nur meine Mutter behauptete ich würde stinken. Jedenfalls entkleidete sie mich bis auf die Haut und steckte mich in die Badewanne. Ich fand diese Prozedur überflüssig und brüllte meinen Protest laut heraus. Dabei hatte ich doch nur verhindern wollen, daß sich Rosi überfraß! Eine große Portion Mandelpudding wurde mir ja auch nicht erlaubt.
(aus dem Buch „Barfuß übers Stoppelfeld“ - Dorfgeschichten 1918 - 196
Eigenes Bild - Mallnitz-Tal in Kärnten (Almwiese)
Bei uns Kindern war der Sonntag nicht sehr beliebt. Das lag einfach daran, daß Mutter mir eine schwarze Samthose und ein weißes Hemd überzog und befahl mich gesittet zu benehmen. Daß es anderen Kindern ähnlich erging, vermochte mich nicht zu trösten. Nicht genug damit, auch das sonntägliche Mittagsmahl mußte gesittet eingenommen werden. Ich durfte die Suppe nicht schlürfen, obwohl sie heiß war. Das Messer nahm man mir aus der Hand wenn ich versuchte die harten Kartoffeln zu schneiden. Und vom Mandelpudding erhielt ich stets zu wenig, obwohl ich ihn für mein Leben gern aß. Die Welt war voller Ungerechtigkeiten!
Mein einziger Lichtblick an solchen Tagen war die unumstößliche Regel, dass sich die Erwachsenen nach dem Mittagsmahl zur Ruhe legten, natürlich nicht ohne uns Kinder vorher aufzufordern, leise und gesittet zu sein. So beschloß ich meiner Rosi einen Sonntagsbesuch abzustatten.
Wie immer, wenn ich Rosis gesund duftenden Stall betrat, den sie mit anderen, für mich jedoch uninteressanten Rindviechern teilte, drehte sie ihr schönes Haupt zu mir. Ich trat dann zu ihr und erzählte ihr die Erlebnisse des Tages. Meist wackelte sie zustimmend mit den Ohren oder ließ ein befriedigendes Brummen aus ihrer mächtigen Brust ertönen.
An dem fraglichen Sonntag war Rosi besonders lieb. Sie leckte mir mit ihrer rauhen Zunge über das Gesicht und sabberte mein weißes Hemd voll, was einige grüne Flecken hinterließ. Rosi war nämlich noch nicht mit ihrem Mittagessen fertig. Überhaupt war mir aufgefallen daß Rosi zu viel fraß, eigentlich ununterbrochen. Marka hatte mir zwar gesagt dass dies bei Kühen üblich ist, aber ich hatte an den Mandelpudding denken müssen und glaubte ihr nicht. Als mein Versuch, mit Hilfe des Melkschemels auf ihren Rücken zu gelangen, mit einem Sturz in den Mist endete, beschloß ich Rosi auf eine andere Weise am Fressen zu hindern. Mein Sonntagsstaat hatte ohnehin gelitten. Also kletterte ich auf die Mauer vor Rosi, in die die Futtermulden eingelassen waren. Rosis Trog war noch leidlich gefüllt, dennoch bestahl ich die anderen Rindviecher und füllte Rosis Freßkorb mit duftendem Klee auf. Aber erst sollte sie einmal eine Freßpause einlegen, und deshalb nahm ich kurzerhand von ihrer Freßmulde Besitz. Mein Wunsch einmal bei Rosi zu schlafen, sollte sich erfüllen, denn ein weicheres Polster war nicht denkbar. Die Stallwärme und das verständnisvolle Benehmen von Rosi ließen mich dann selig entschlummern und von ihr träumen bis mich aufgeregte Stimmen erwachsener Menschen jäh in die Wirklichkeit zurückrissen.
„Mein Gott“, wo kann bloß der Junge stecken? Es ist ihm doch hoffentlich nichts passiert?“
Diesen Aufschrei meiner Mutter vermochte ich nicht zu ertragen. Also richtete ich mich auf. Zugegeben, ich hatte damals ein etwas ungutes Gefühl, denn ich war zum ersten Mal bei meiner Freundin erwischt worden. Hinzu kam daß sich meine Kleider in einem unbeschreiblichen Zustand befanden. Aber merkwürdigerweise freuten sich die Erwachsenen über mein Auftauchen ungemein. Nur meine Mutter behauptete ich würde stinken. Jedenfalls entkleidete sie mich bis auf die Haut und steckte mich in die Badewanne. Ich fand diese Prozedur überflüssig und brüllte meinen Protest laut heraus. Dabei hatte ich doch nur verhindern wollen, daß sich Rosi überfraß! Eine große Portion Mandelpudding wurde mir ja auch nicht erlaubt.
(aus dem Buch „Barfuß übers Stoppelfeld“ - Dorfgeschichten 1918 - 196