Giselle, meine Frau
Von
Kagi
Dienstag 25.01.2022, 19:27
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Kagi
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Eine Erzählung aus dem Buch "19 Gründe, warum ein Mann mit seiner Frau schläft" ( Reclam Leipzig, 2001, Erzählungen von Doris Lerche )
" Frauen sind verwirrende Geschöpfe, auch im Zeitalter der Emanzipation. Und glauben Sie nur nicht, alles sei einfacher, bloß weil man eine von ihnen geheiratet hat.
Meine Frau Giselle braucht keinen Sex und fühlt sich auch noch wohl dabei. Das sagt sie einfach so dahin und lächelt entzückend.
Nein, sie macht mir nichts vor, wie ich lange hoffte. Und sich selbst auch nicht. Sie ist ehrlich bis zur Brutalität. Und immer guter Dinge.
Ihr schlaksiger Gang lässt alles schwingen, ihr Haar, ihre Handtasche, ihren reizenden Hintern. Man sieht ihr an, wie eins sie ist mit sich und der Welt.
Es soll Männer geben, die sich nichts aus Sex machen, warum hat sie sich nicht so einen genommen? Warum nicht einen älteren Herrn, der seine Vatergefühle ausleben will? Warum einen Kerl wie mich, der ich in der Blüte meiner Jahre stehe?
Nicht dass sie denken, ich sei ein triebhafter Wüstling, der seine arme Frau mit Absonderlichkeiten überfordert. So bin ich nicht. Ich würde sagen, ich bin ein durchschnittlicher Mitteleuropäer, eher bedachtsam als hitzig.
Verstehen Sie mich nicht falsch. Wir schlafen durchaus miteinander, Giselle und ich. Giselle hat Freude daran, mir eine Freude zu machen. Aber mir fehlt ihre Leidenschaft. Sagen Sie mir, wie bringt man eine Frau, die so anspruchslos, so autonom dahinschwebt, glücklich wie ein Schmetterling, wie bringt man so eine Frau auf den Geschmack? Wie bringt man so eine Frau zur Raserei?
Nein, nicht dass ich ein schlechter Liebhaber bin. Glauben Sie mir, vor Giselle hatte ich viele Frauen, und keine hat sich bei mir beschwert. Natürlich weiß ich, dass Frauen gern Beifall klatschen. Auch Giselle will mich nicht in meiner Männlichkeit kränken, behauptet stürmisch, mich zu lieben, und schwärmt von meinen zärtlichen Händen. Aber wenn ich mich drei Wochen lang zurückhalte, fehlt ihr nichts. Sie vergisst meine Hände. Und nicht nur die.
Sagen Sie mir, was soll ich davon halten?
Sonntags, wenn wir Zeit haben und ich hoffe, dass sie meinen Zärtlichkeiten nachgibt, sagt sie "Moment, mein Schatz", küsst mir fröhlich flüchtig die Stirn, wechselt blitzschnell von Nachtkleid zu Morgenrock und huscht in die Küche, um summend das Frühstück vorzubereiten. Ich höre den Entsafter surren, ich höre das Brot aus dem Toaster springen. Ich wühle mich aus dem Bett, schlurfe in die Küche und betrachte Giselle, wie sie, ein schillernder Kolibri, vom Herd zum Tisch zum Fenster schwirrt. Ihre Brüste wippen unter dem schimmernden Stoff. Ich frage sanft, ob ich helfen kann. Nein, sagt sie, sie macht das gerne für mich, ich solle ruhig schon ins Bad gehen. Ich trotte also ins Bad, verberge meinen Unmut vor ihr, die sorglos vor sich hinsummt, so unnahbar heiter, so wunschlos in ihrem lockenden Körper.
Im Bad unter der warmen Dusche - verzeihen Sie - hole ich mir einen runter. Sagen Sie mir, was soll ich anderes tun? Dann bin ich wenigstens entspannt und genieße das Frühstück mit Giselle und belästige sie nicht mit meiner schlechten Laune und meinem männlichen Trieb.
Ob sie sich bedrängt gefühlt habe, frage ich kühn. Sie sei so rasch aus dem Bett gehuscht, dass es beinahe nach Flucht aussah. Ja, gibt sie zu und beißt herzhaft in ihr Toastbrot, wenn am Sonntagmorgen Sex erwartet werde, setze sie das unter Druck. Aber ich solle keine Schuldgefühle haben.
Heute bin ich kein verständnisvoller Ehemann. Heute packt mich die Lust, ihr das ganze Ausmaß meiner Enttäuschung, meines Grolls, meines Zukurzgekommenseins vorzuführen. Schon legt sie ihr Toastbrot beiseite und beeilt sich, mich zu besänftigen. Schon breitet sie all meine guten Eigenschaften vor mir aus. Sie will ja nicht, dass mein Selbstbewusstsein leidet, nur weil sie keine Lust hat, mit mir zu schlafen. Es hat ja nichts mit mir zu tun, sie sei einfach so, sie sei immer schon so gewesen, mit jedem Mann. Nein, sie habe keine traumatischen Erfahrungen hinter sich, das wisse ich doch. Sie habe Sonntag morgens einfach mehr Lust auf ein Frühstück als auf Sex. Und Sonntag abends? frage ich hinterhältig. Ach, abends. Sie seufzt. Ist den ganzen Tag lang meinen Zärtlichkeiten zögernd zugeneigt. Im Bett wendet sie sich entschlossen meinem männlichsten Teil zu. Nur kann sie leider nichts Rechtes mit ihm anfangen. Dabei sind wir fünf Jahre miteinander verheiratet. Stellen Sie sich das vor. Nein, ich beschwere mich nicht. Ich bin ja froh, wenn sie endlich mal dorthin langt, wo ich es am liebsten habe. Aber sie scheint mir immer voller Misstrauen, voller Argwohn, als könnte mein zartester Körperteil plötzlich zuschlagen wie ein Gummiknüppel. Dabei ist sie keine Emanze aus lila Latzhosenzeiten, als kastrationswürdige Weiber durch die Gegend zogen und lauthals die Muttis aufstachelten, sich nicht mehr penetrieren zu lassen.
Nein, sagt Giselle, sie sei nicht prüde erzogen worden. Aber im Grunde sei dieser ganze Ausscheidungskram eher eklig. Nur aus Liebe, sagt Giselle, überwinde sie sich. Sie möge auch keine Haut auf der Milch, das habe ihr bestimmt keine verklemmte Mutter beigebracht.
Ihre eigene süße Spalte schätzt sie ebensowenig. Sie lässt mich machen, was ich will, aber begeistert wirkt sie nicht. Wenn ich - selten genug - Nachfrage, wird sie ärgerlich. Das wilde Rumgestöhne sei nicht ihre Sache. Sie sei ein lautloser Typ, das müsse ich akzeptieren.
Woanders berührt zu werden, gefällt ihr schon besser. Aber dann macht sie sich Sorgen, ich könnte ihren Körper nicht schlank genug, nicht straff genug finden. So ein Unsinn. Ich kann reden und streicheln und küssen wie ich will. Sie glaubt mir nicht. Sie denkt, ich bin pädagogisch mit ihr. So wie sie mit mir.
Irgendwann nahm ich all meinen Mut zusammen und fragte Giselle, warum sie eigentlich mich geheiratet habe statt einen umgänglichen Schwulen. Da schaute sie mich mit großen erstaunten Augen an und sagte: " Und du? Warum mich statt ein lästerndes Vollweib? "
Und nun stehe ich hier und erzähle diese kleine intime Geschichte und hoffe auf eine Erklärung. ". Ende